Rückkehr in den Südlibanon: „Wir sind wie Zugvögel geworden“

Leila Atwi sitzt auf einer Bank in der südlibanesischen Stadt Sour am Mittelmeer. Der Himmel ist diesig, die Wellen peitschen gegen die Küste. Atwi pellt dicke, grüne Bohnen aus einer Schote. In einer Tüte vor ihr liegen außerdem Mispeln und grüne, unreife Mandeln. „Aus unserem Garten“, sagt sie stolz. „Wir kamen zurück und fanden alles erntebereit vor. Wir haben uns darüber gefreut.“

Die 52-jährige libanesische Schiitin war durch den Krieg vertrieben. Über 46 Tage lang lebte sie mir ihrer sechsköpfigen Familie in einer zur Notunterkunft umfunktionierten Schule im Norden des Libanon. Als Atwi hörte, dass zehn Tage lang eine Waffenruhe gelten soll, kehrte sie am Freitag in ihr Zuhause zurück: in das Dorf Qana, 12 Kilometer entfernt von der Grenze zu Israel.

Bei der Rückkehr bot sich ihr ein Bild der Verwüstung, erzählt sie: „Viele Häuser und Geschäfte sind zerstört.“ Ihr eigenes Haus stand noch. Doch die Haustür sei offen gewesen, wohl durch den Druck der Bombardierungen aufgedrückt. Das Haus zu betreten sei surreal gewesen: „Ich brauchte bestimmt drei, vier Minuten, um zu realisieren, dass ich zu Hause war.“

Drinnen fand sie eine Katze auf der Nachbarschaft, die auf ihrem Sofa saß. „Es macht mich glücklich, sie zu sehen. Als würde dich jemand willkommen heißen, eine Seele im Haus.“

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Wir haben unsere Sommerkleidung mitgenommen. Vielleicht kehren wir nie wieder zurück

Leila Atwi, aus Qana, Südlibanon

Zerstörte Brücken behindern die Weiterfahrt

Das erleichternde Gefühl, wieder zu Hause zu sein, suchen derzeit Hunderttausende Menschen im Libanon. Am Samstag bildeten sich lange Staus auf der Autobahn von Beirut in den Süden des Landes. Die Autos voll mit Familienmitgliedern, Koffern, Gepäck. Übereinander gestapelte Schaumstoffmatratzen, große Plastiksäcke, ein Kinderbett, Plastikstühle, sogar eine Waschmaschine, mit Seilen auf die Autodächer gespannt. Rund 1,5 Millionen Menschen waren durch den Krieg mit Israel binnenvertrieben.

Leila Atwi, 52, Vertrieben aus Kana, sitzt am Mittelmeer in Tyros, Südlibanon, mit Bohnen aus ihrem Garten

Foto: Julia Neumann

Viele nutzen nun die Waffenruhe, um nach ihren Häusern zu sehen. Die meisten wissen nicht, ob diese noch stehen – oder ob ihre Habseligkeiten unter Trümmern liegen.

Auf dem Weg gen Süden: Von der Autobahn weist der Zivilschutz den Weg. Über eine schottrige Straße umfahren Autos eine zerstörte Brücke über einen Schleichweg, der über den Fluss Litani führt. In anderen Teilen des Landes haben Helfer Schutt und Steine aufgeschüttet, damit Autos den Litani überfahren können. Das israelische Militär hatte alle Brücken, die über diesen Fluss verlaufen, gesprengt. Die israelische Regierung hatte angekündigt: Der Litani solle Israels neue Nordgrenze werden. Der Fluss verläuft quer durch den Libanon, rund 30 Kilometer hinter der Grenze der beiden Staaten.

Das Abkommen zur Waffenruhe umfasst offiziell ganz Libanon. „Trotz Waffenruhe ist die Rückkehr der Bewohner in die Grenzdörfer ist derzeit verboten, weil die israelische Armee weiterhin in diesen Gebieten präsent ist“, erklärt Tarek Mazraani, Ingenieur aus dem Grenzdorf Hula. „Die israelische Armee ist dort weiter aktiv, zerstört und beschädigt Häuser und Infrastruktur.“

Die israelische Armee hat am Samstag eine Karte einer sogenannten Gelben Zone ausgewiesen: 55 Dörfer, die weiter militärisch besetzt werden. Die israelische Armee sagt, Bewohnende dürfen nicht zurückkehren. „Bedrohungen“ würden beschossen.

Israels Militär sprengt weiter Wohnhäuser

In den Tagen vor dem Waffenstillstand habe die israelische Armee Häuser in den Orten Bint Jbeil, Ainata, Meiss Jabal und Taybeh gesprengt, meldeten libanesische Medien. Videos des israelischen Militärs zeigen massive Detonationen ganzer Häuserblöcke. Libanesische Medien melden „systematische Abrisse“. Trotz Waffenruhe setzt das israelische Militär die „systematische Zerstörung“ von Dörfern im Südlibanon fort, meldet auch die israelische Zeitung Haaretz. Israelische Kommandeure sagten der Zeitung, dass zivile Häuser, öffentliche Gebäude und Schulen abgerissen werden – um „das Gebiet zu räumen“.

Die meisten Grenzdörfer seien vollständig zerstört, sagt Mazraani. Er hat eine zivile Bürgerinitiative zur Rückkehr der Kriegsvertriebenen gegründet. „Selbst bei einer möglichen Rückkehr sind diese Dörfer derzeit unbewohnbar.“ Es gebe weder Strom noch Wasser, viele Straßen seien noch nicht von israelischen Blockaden wie Steinen, Erdhaufen oder Betonblöcken geräumt, geschweige denn instand gesetzt. Für Grenzdörfer, in denen eine Rückkehr möglich sein könnte, bestünden Sicherheitsrisikos. Vertriebene blieben vorsichtshalber in ihren provisorischen Unterkünften, so Mazraani.

Viele Häuser wurden in der Stadt Tyros, Südlibanon, zerstört

Foto: Julia Neumann

Sein Heimatdorf Hula gehört zu den 55 besetzten Dörfern. „Natürlich ist mein Haus weg, das ganze Dorf wurde zerstört“, sagt er. Während des Krieges floh seine Familie in die Gegend von Nabatieh, einer größeren Stadt im Südlibanon. Als die Kämpfe auch Nabatieh erreicht hatten, floh die Familie dann weiter in die Kapitale Beirut. „Wir müssen die Wohnung, die wir dort gefunden hatten, aber wieder verlassen. Die Besitzer haben nun selbst kein Zuhause mehr. Wir müssen also wieder eine Unterkunft suchen.“

Die Angst bleibt

Trotz der Waffenruhe atmet auch Leila Atwi nicht auf. Sie hat Angst, dass diese temporäre Pause nicht hält. Nur eine Nacht blieb sie in ihrem Zuhause in Qana, erzählt sie. Dann stieg sie wieder ins Auto, fuhr in die Stadt Sour an der Küste. Wo sie in der Nacht schlafen wird, weiß sie nicht. „Wenn die Lage ruhig ist, gehen wir zurück nach Qana. Ansonsten fahren wir nach Beirut.“

Atwi glaubt nicht an einen langfristigen Waffenstillstand. „Wir haben unsere Sommerkleidung mitgenommen. Vielleicht kehren wir nie wieder zurück. Wir sind wie Zugvögel geworden.“

  • informationsspiegel

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