Atomkraft in Belarus: Lukaschenkos Kraftwerk und Moskaus Beitrag

An einem eisigen Februarabend im Jahr 2026 versank die belarussische Hauptstadt Minsk im Nebel. Die Zwei-Millionen-Stadt sah auf Satellitenbildern aus wie ein schwarzer Fleck, nicht weit entfernt von Kyjiw, das ebenso dunkel in der Winterdämmerung lag. In der ukrainischen Hauptstadt war nach einem russischen Raketenangriff der Strom ausgefallen. Aber wer hatte Minsk angegriffen?

Am Abend zuvor hatte Alexander Lukaschenko, selbsternannter Präsident von Belarus, die Beamten der Stadtverwaltung gerügt, weil die Straßenbeleuchtung seiner Meinung nach zu lange in Betrieb war. Angeblich reichten schon fünfzehn Minuten im Dunkeln, um zum Beispiel die Renten erhöhen zu können. Doch schon am nächsten Tag nahm Lukaschenko diese Anordnung zurück. Sie hatte bei den Minskern für Unmut gesorgt. Auch die Zahl der Verkehrsunfälle war gestiegen.

Tausende Belarussen fragten in den hauptstädtischen Internetforen: „Was ist passiert? Und was ist mit dem neuen Atomkraftwerk?“

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Grafische Darstellung eines AKW-Kühlturms, aus dem eine Wolke mit einem Radioaktivitätssymbol kommt.
40 Jahre nach dem Super-GAU in Tschornobyl

Am 26. April 1986 kam es im damals sowjetischen und heute ukrainischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große Teile Europas. 40 Jahre später blickt die taz in einem Schwerpunkt zurück und nach vorn.

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Das AKW nahe der Stadt Astrawez, das erste und bislang einzige in Belarus, produziert mindestens 40 Prozent des belarussischen Energiebedarfs. Doch an jenem kalten Februartag wurde einer der beiden Reaktoren gewartet.

Politische Gründe

Die Reaktoren von Astrawez, Belarus’ erstem AKW, gingen 2021 und 2023 ans Netz. Das Reaktorunglück von Tschornobyl, dessen Folgen einst das drängendste soziale Problem in Belarus waren – blendete die staatliche Propaganda in den letzten zwei Jahrzehnten bewusst aus. Stattdessen versprach die Regierung günstigere Stromkosten nach der Inbetriebnahme des Kraftwerks.

Doch die Stromtarife für die belarussische Industrie gehören nach wie vor zu den höchsten in der Region, sagt die bekannte Expertin für nachhaltige Entwicklung und Nuklearfragen Tatsiana Nowikawa. Sie war Teil der Anti-Atomkraft-Kampagne in Belarus, organisiert vom „Grünen Netzwerk“. Heute lebt sie im litauischen Vilnius, nur rund 50 Kilometer entfernt vom AKW Astrawez. Sie erklärt, dass das belarussische Stromnetz bereits vor der Inbetriebnahme des AKW einen Überschuss produziert hatte, der sogar exportiert wurde. Die Entscheidung, das „friedliche Atom“ zu nutzen, sei demnach eine politische gewesen.

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Das belarussische Stromnetz hat bereits vor der Inbetriebnahme des AKW einen Überschuss produziert, der exportiert wurde, sagt Tatsiana Nowikawa

Als Bauunternehmer für das belarussische Kernkraftwerk wurde der staatliche russische Atomkonzern Rosatom ausgewählt. Die Russische Föderation gewährte für das Projekt einen Kredit in Höhe von zehn Milliarden Dollar. Davon wurden maximal siebeneinhalb Milliarden für den Bau des Kraftwerks und der dazugehörigen Infrastruktur verwendet. Den Rest nutzte Lukaschenko, um die Löcher in der Planwirtschaft des Landes zu stopfen.

Russland ist schon lange eine Quelle günstiger Kredite und Subventionen für das belarussische Regime. Als man im vergangenen Jahr in Minsk über ein zweites AKW sprach, wurde klar, dass die Regierung nichts gegen einen neuen, zweckgebundenen Kredit aus Russland einzuwenden hatte. Das neue Bauprojekt verstärkt die Abhängigkeit Belarus von russischer Technologie, Brennstoffen und Krediten, meint Tatsiana Nowikawa.

Keine Exportmöglichkeiten

Der belarussische Journalist Wasil Siamashka, Herausgeber der Zeitschrift Belatom, ist davon überzeugt, dass die Inbetriebnahme eines zweiten AKW den Strombedarf des Landes zu 80 Prozent decken wird. Was bedeutet, dass deutlich weniger Erdgas aus Russland importiert werden muss. Siamashka ist ein Befürworter der Atomenergie, ein Thema, über das er seit Jahren schreibt. Er lebt in Belarus.

Doch die meisten unabhängigen Experten sind der Ansicht, dass es für den Strom des zweiten belarussischen AKW schlicht keinen Absatzmarkt gibt. Die baltischen Staaten werden ihn nicht kaufen und ein Export nach Russland sei unrentabel, da die Russische Föderation in ihren zentralen Regionen genug eigene AKWs habe.

Zu den von der politischen Opposition organisierten Großkundgebungen zum Jahrestag der Reaktorkatastrophe im AKW Tschornobyl in den 1990ern kamen Zehntausende Menschen. Die Hilfe der europäischen Länder für diejenigen Belarussen, die unter den Folgen des Reaktorunglücks von Tschornobyl gelitten hatten, prägte den kulturellen Code einer ganzen Generation.

Eine derjenigen, die seinerzeit am Programm „Kinder von Tschornobyl“ teilgenommen hatte, war zum Beispiel Swjatlana Zichanouskaja. 2020 besiegte sie den amtierenden Präsidenten Alexander Lukaschenko bei den Wahlen und übernahm später die Führung der belarussischen politischen Opposition im Exil.

Russlands Game

Inzwischen musste Lukaschenko seinen Appetit auf ein weiteres Kernkraftwerk mäßigen. Russland gibt enorme Summen für seinen Krieg gegen die Ukraine aus und ist nicht bereit, ein weiteres Kernkraftwerk in Belarus zu finanzieren. Aber es ist jetzt bereits die Rede von einem dritten Reaktorblock für das bestehende Kernkraftwerk in Astrawez – was billiger ist als der Bau eines neuen AKW.

Damit betraut werden soll natürlich ein russisches Unternehmen, das auch ein Endlager bauen wird – beides Vorwände für einen weiteren russischen Kredit. Doch damit verstärke sich auch die Abhängigkeit der Belarussen von Russland, mahnt Expertin Tatsiana Nowikawa – sowohl finanziell als auch auf dem Energiesektor.

Aus dem Russischen Gaby Coldewey

  • informationsspiegel

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