Millionen Maikäfer: Comeback der Beetles?

Der Maikäfer ist eng verbunden mit der Gemütsverfassung der Deutschen. Früher, als alles besser war, galt er noch als echte Plage. Im Mittelalter wurde er mit den schärfsten zur Verfügung stehenden Waffen bekämpft: mit Verbannung und Verfluchen. Das allerdings hat ihn nicht groß gekümmert, sodass die Käfer säckeweise zusammengeklaubt und vernichtet wurden, es gab sogar Fangprämien und Landwirten gesetzlich auferlegte Mindestsammelzahlen.

Im Dreißigjährigen Krieg war die Stimmung so mies, dass das bemerkenswert depressive „Maikäfer flieg“ zum Volks- und Kinderlied werden konnte: Maikäfer, flieg / der Vater ist im Krieg / die Mutter ist in Pommerland / Pommerland ist abgebrannt. 1865 ließ Wilhelm Busch Max und Moritz dem armen Onkel Fritz eine ganze Tüte der vom Baum geschüttelten Käfer ins Bett legen: Schon fasst einer, der voran / Onkel Fritzens Nase an.

Dann war der Maikäfer plötzlich verschwunden. Der exzessive Einsatz von DDT und anderen Insektiziden in den 1950er und 1960er Jahren hatte seine Bestände einbrechen lassen. Selbst ein guter Käferjäger / brächte keinen Schornsteinfeger / keinen Müller, erst recht keinen Kaiser her / es gibt keine Maikäfer mehr, wie Reinhard Mey 1974 sang und den Käfer in seinen drei üblichen Erscheinungsformen damit zu einem Symboltier der Umweltbewegung machte.

Ein Maikäferjahr tritt meist alle vier Jahre auf, dazwischen herrscht weitgehend Ruhe. Zumindest oberhalb des Bodens. Darunter zerbeißen die wie schlecht gelaunte Aliens aussehenden Engerlinge nach Herzenslust Pflanzenwurzeln aller Art. Im vierten Lebensjahr verpuppen sie sich und schlüpfen als fertige Käfer, die dann namensgerecht bis etwa Mai warten, ehe sie den großen Ausflug ins Leben starten. Der endet allerdings schon nach wenigen Wochen, sofern sie nicht zuvor bereits von Vögeln, Igeln oder Dachsen verputzt werden.

Das große Krabbeln ist eine Auswirkung des Klimawandels

In diesem Jahr wird für Nordhessen rund um Groß-Gerau ein Massenauftreten prognostiziert, die Maikäfervorhersage ähnelt einer Unwetterwarnung: Ein „apokalyptisches Ausmaß“ (Nabu) wird versprochen, eine halbe Milliarde Käfer ist im Anflug. Beim letzten Mal gelang ihnen, was in Deutschland undenkbar scheint: die Fahrer auf der Autobahn auf Schrittgeschwindigkeit abzubremsen.

Nun könnte man frohlocken, dass es ja ein gutes Zeichen sei, dass der Maikäfer nach der Ökokrise Mitte des 20. Jahrhunderts heute wieder massenhaft auftritt, aber ganz so ist es nicht. Denn inzwischen ist das große Krabbeln eher ein Zeichen der negativen Auswirkungen des Klimawandels, weil der Käfer trockene, warme Böden mag, weshalb die Maikäferjahre zunehmend käferreicher ausfallen.

Warum der Maikäfer sich überhaupt immer gleichzeitig alle vier Jahre aufmacht, bleibt geheimnisvoll. Vermutlich nutzt die Synchronisierung dem einzelnen Tier, weil es im Gewimmel leichter Partner findet oder die Gefahr minimiert, gefressen zu werden – sind ja genug andere da, die es erwischen könnte. Der Massenausflug tritt von Ort zu Ort in unterschiedlichen Jahren auf. Denn der Maikäfer ist in Mitteleuropa nicht nur in drei unterschiedlichen Arten organisiert, die ohnehin andere Gewohnheiten pflegen, sondern auch in diversen regionalen Stämmen (die heißen wirklich so), die in unterschiedlichen Jahren ausfliegen.

In Groß-Gerau jedenfalls kann man sich das Auftreten dieser Maikäferjahre gut merken, denn sie fallen immer mit einer anderen nahezu biblischen Plage zusammen: der Fußball-WM der Herren. Also: Volle Deckung!

  • informationsspiegel

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