Roman „Die Verlorenen von Santa Chionia“: Mut zum amerikanischen Breitbandpanorama

Du sollst… 1. Bewegungen ins Leben rufen und bedeutsame Siege erringen. 2. nicht die Machtstrukturen übernehmen, die du bekämpfen willst. 3. wirksame politische Allianzen schmieden, 4. Hoffnung wecken und zum Handeln inspirieren.

Mit den vier Geboten des Aktivismus ihrer Wohltätigkeitsorganisation „Child Rescue“ im Kopf und viel Idealismus im Herzen bricht die 27-jährige Francesca Loftfield aus Philadelphia auf, um in Kalabrien einen Kindergarten zu eröffnen. Da sie selbst kalabrische Vorfahren hat, erhofft sich die junge Frau auch eine Verbindung zur Welt ihrer Vorfahren.

Schon bei der Ankunft im 800-Seelen-Nest Santa Chionia, das auf den Hängen des Aspromonte-Gebirgsmassivs am Rande einer tiefen Schlucht thront, stellt die junge Aktivistin fest, dass sie in einem archaischen Paralleluniversum gelandet ist: Draußen schreibt man das Jahr 1960, aber im Dorf teilt man sich noch immer die Wohnstätte mit dem Vieh, es gibt kein fließendes Wasser, keine Schule, die Kindersterblichkeit liegt bei über 40 Prozent und man spricht nicht Italienisch, sondern ein byzantinisches Griechisch, für das es keine Wörterbücher gibt: das ferne Echo einer Zeit, in der die Gegend zur Magna Graecia, dem „Großen Griechenland“ der klassischen Antike, gehörte.

Das Buch

Juliet Grames: „Die Verlorenen von Santa Chionia“. Aus dem Englischen von Cathrine Hornung, Karin Fleischanderl. Folio Verlag, Bozen/Wien 2026, 526 Seiten, 28 Euro

Statt einer herzlichen Nonna, die handgerollte Pasta serviert, landet die angehende Kindergärtnerin bei der grantigen Wirtin Cicca, die im Schlaf Prophezeiungen ihrer verstorbenen Schwester empfängt. Als eine Sturzflut das Dorf von der Außenwelt abschneidet und ein menschliches Skelett unter dem Postamt freilegt, realisiert die aus dem Rückblick erzählende Ich-Erzählerin, wie bei der Suche nach der Identität des Toten auch ein von patriarchaler Gewalt und feudaler Brutalität geprägtes soziales System zum Vorschein kommt, in dem die naive Kindergärtnerin bis zum Kollaps hin und her gejagt wird wie ein Reh im Revier eines Wolfsrudels.

Krimihandlung ist nur ein Vehikel

Aus der erzählerischen Wissenslücke zwischen der Protagonistin, die noch bis zuletzt an die Eröffnung ihres Kindergartens in der ehemaligen Polizeikaserne glaubt, und den trocken-ironischen Kommentaren ihres desillusionierten späteren Ichs, bezieht dieser Roman seine Spannung: Mühelos trägt dieses süditalienische Who-Done-it über gut 500 Seiten – wobei die Krimihandlung nur das Vehikel ist für eine andere Erzählung.

Je länger das Skelett unidentifiziert bleibt (weder der Arzt noch die zuständigen Behörden tun sich da mit Eifer hervor), desto mehr Frauen treten auf den Plan, die den Toten für sich reklamieren: Ist es Leo, der seit vierzig Jahren verschollene Sohn der Pfarrhaushälterin Emilia Volontà? Oder Mico Sordo, der ebenfalls verschwundene Mann der rätselhaften Außenseiterin Vannina Favasulli?

Als die amerikanische Autorin Juliet Grames im Roman „Die sieben oder acht Leben der Stella Fortuna“ (2019) die Lebensgeschichte ihrer kalabrischen Großmutter verarbeitete, stieß sie bei ihren Recherchen in der italienischen Diaspora auf eine Lücke: Fast in jeder Familie fehlte ein Ehemann, Bruder, Cousin oder Großonkel, der auf der Suche nach Wohlstand nach Amerika ausgereist war und von dem danach jede Spur fehlte. Schleuserkriminalität? Arbeitsunfall? Emigration als Gelegenheit, familiäre Verpflichtungen hinter sich zu lassen? In einem Interview bezeichnete Grames diese Ungewissheit als ein unbewältigtes Trauma amerikanischer Einwanderfamilien.

Die Risse, welche die massenhafte Auswanderung arbeitsfähiger Männer im sozialen Gewebe Kalabriens hinterließ, beschrieb schon 1915 der schottische Weltreisende Norman Douglas in seinem Buch „Reisen in Süditalien“. Douglas sah darin eine Chance für bettelarme Bauerndörfer, die dank des Geldes der Ausgewanderten aufblühten, beklagte aber auch moralischen Verfall: „(…) väterliche Autorität über die jungen Burschen ist geschwächt, und die Mädchen, die ja überall sehr schnell die Vorteile sehen, die das Geld zu bieten vermag, verlieren jede Haltung und Zuverlässigkeit.“

Soziologische Faszination

Juliet Grames betrachtet die Ein­woh­ne­r:in­nen der von Männerschwund, Krankheiten, Erdrutschen und erstickenden Traditionen geplagten ländlichen Gebiete mit entschieden mehr Sympathie als der adelige Reisende. In „Die Verlorenen von Santa Chionia“ entwirft sie mit soziologischer Faszination ein (fiktives) Dorfpanorama, das sie üppig mit Feigen, Sonnenuntergängen und nächtlichen Prozessionen dekoriert.

Bevölkert wird es von Figuren wie dem undurchsichtigen Tito Lico, genannt „Der Wolf“, der jeden Abend in der budika vor einem Glas Ziegenmilch sitzt und mit der furchteinflößenden Potenziana verheiratet ist. Zusammen mit dem Schläger Turi Laganà, dem Dorfschenkenbesitzer Ligòri Scordo, dem Pfarrer und dem Arzt bilden sie so etwas wie die Machtelite des Dorfes, die der beliebte Kommunist Bastiano Massara bekämpft, ebenso wie die drohende Umsiedlung des Bergdorfes an die Küste.

Hier bezieht sich Grames auf die rücksichtslos vorangetriebenen staatlichen Umsiedlungsprojekte im Namen von Hygiene und Fortschritt, mit denen der italienische Staat die Kultur von Bergdörfern wie dem (realen) Africo auslöschte.

Zu den ambivalenten Figuren des Romans gehört der smarte Pfarrer Don Pantaleone, der offiziell den Kindergarten unterstützt, aber im Dorf auch seine eigene, abgeschottete Privatschule betreibt. Der sich gerne aufklärerisch gibt, aber doch Traditionen stützt wie die „Fuitina“: Die „Wiedergutmachungsehe“, mit der die „Ehre“ einer zuvor entführten und vergewaltigten Frau „wiederhergestellt“ werden sollte, wurde erst 1996 unter Strafe gestellt.

Jenseits von folkloristischer Verkitschung nähert sich Juliet Grames mit kultureller Behutsamkeit der Frage, wie erhaltenswert solche Traditionsgefüge sind, die sich aus jahrhundertelanger staatlicher Abwesenheit und Marginalisierung herausgebildet haben. Und wie sich aus Praktiken von Selbsthilfe und patriarchalen Regelwerken schließlich in den 1970ern die kriminellen Strukturen herausbildeten, die heute als ‘Ndrangheta große Teile Kalabriens im Griff hat.

Ein kluger, mit Mut zum amerikanischen Breitbandpanorama erzählter Krimi, der zum Nachdenken über Macht und Tradition anregt. Der Zuckerguss, der durch Francescas Liebes-Hin-und-Her zwischen ihrem Noch-Ehemann Sandro und dem (erstaunlich unterkomplex gezeichneten) Bauerssohn Ugo auf das herbe Geschehen gepinselt wird, wäre dagegen verzichtbar gewesen.

  • informationsspiegel

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