Offensive gegen Regierung in Mali: Die Sahelkrise meldet sich zurück

Die Angriffe der Islamisten in Mali könnten zu einem Zerfall des Landes in Warlordgebiete führen. Es drohen Zustände wie im Sudan.

S eit Monaten war klar, dass die bewaffneten Islamisten der Sahelzone immer stärker werden. Das Ausmaß des Großangriffs der radikalislamischen JNIM (Gruppe zur Verteidigung des Islams und der Muslime) im Bündnis mit der Tuareg-Rebellenallianz FLA (Front zur Befreiung von Azawad) am Wochenende in Mali aber übertrifft fast die kühnsten Erwartungen. Zwar ist Malis Militärregierung in der Hauptstadt Bamako formal noch an der Macht. Davon abgesehen zerbröselt gerade alles.

Die Regierung ist abgetaucht. Das Hauptquartier der Streitkräfte ist umkämpft. In der nördlichsten Provinzhauptstadt Kidal tief in der Wüste Sahara weht die Flagge der Tuareg-Rebellen. Die Truppen aus Russland dort ziehen sich zurück. Die prorussischen Militärregierungen in Mali sowie in Niger und in Burkina Faso stehen mit dem Rücken zur Wand. Ihr Rezept gegen Aufständische – mehr Gewalt, mehr Diktatur, mehr Unterdrückung, mehr Zentralisierung – geht nach hinten los.

Islamistische Gruppen werben erfolgreich um lokale Gemeinschaften und setzen sich fest. Die Hoffnung der malischen Generäle auf Moskau zerplatzt wie eine Seifenblase: 2.000 russische Kämpfer sind nun einmal kein gleichwertiger Ersatz für 20.000 UN-Blauhelme mit Luftunterstützung und französischen Spezialkräften.

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Und aller Propaganda zum Trotz sind die drei Militärregime nicht in der Lage, sich im Krisenfall gegenseitig zu helfen, denn es mangelt an der Infrastruktur zur raschen Überwindung von mehreren tausend Kilometern durch die Wüste. Das gilt natürlich auch für die islamistischen Kämpfer, die aus diesem Grund wenig Anstalten machen dürften, die Staatsmacht an sich zu reißen. Sie können auch ohne Staatsmacht Bevölkerungen beherrschen.

Drohendes Horrorszenario

Es wird nicht zwangsläufig einen Dominoeffekt geben, der in die anderen Länder wirkt. Wahrscheinlicher ist ein Zerfall Malis in Warlordgebiete oder politische Wirren an der Militärspitze – oder beides. Dann würde Mali in den Zustand Sudans abgleiten. Auf dieses Horrorszenario fehlt bisher jede Antwort. Als die Bundeswehr noch in Mali stand, fand Deutschland die Region wichtig, Europa insgesamt auch.

„Die Instabilität und der Terrorismus in der Sahelzone stellen eine unmittelbare Bedrohung unserer Sicherheit dar“, lautet einer der diplomatischen Standardsätze aus der Ära vor Malis erstem Militärputsch 2020. Heute hat man die Sahelzone abgeschrieben. Die Probleme aber bleiben. Die Sahelkrise ist zurück, drastischer als zuvor. Und diesmal ist niemand in Sicht, der auch nur den Versuch unternimmt, sie zu lösen.

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