Graphic Novel als Theaterstück: Pausenlos mit dem eigenen Blick beschäftigt

In dem verspiegelten Würfel, der in der Mitte der Bühne steht, kann sich das Publikum selbst betrachten. Aufgeklebt ist die Spiegelfolie so, dass das Bild ein bisschen verzerrt, die wartenden Gesichter ein bisschen verzogen sind. Schon bevor es losgeht, stimmt das Requisit auf diese Weise auf einen Abend ein, der sich nicht nur mit Schönheit und dem eigenen Spiegelbild, sondern auch damit auseinandersetzt, wie sehr sich der Blick auf das eigene Aussehen verzerrt, wenn man ihm permanent ausgesetzt ist.

Dazu passt ein überhörtes Gespräch aus den mittleren Reihen. Eine Jugendliche spricht mit ihrer Mutter über die täuschend echten, perfekten, aber künstlich generierten Gesichter, die inzwischen im Internet kursieren: „Kurz habe ich gedacht, die ist echt, die existiert wirklich.“ Viele Jugendliche sitzen heute Abend hier, viele begleitet von ihren Eltern.

Das Junge Staatstheater in Wiesbaden (JUST:) nimmt sie mit in den „Spiegelsaal“, basierend auf dem gleichnamigen Sachcomic der schwedischen Comiczeichnerin und Politikwissenschaftlerin Liv Strömquist. In essayistischen Fragmenten reflektiert Strömquist darin entlang historischer, fiktiver und zeitgenössischer Figuren den Schönheitsbegriff. Sie verknüpft ihn mit Begehren, mit Beurteilung und Abwertung und schafft eine Diskursanalyse über einen Begriff, der sich durch die ständige Verfügbarkeit von Spiegeln, Bildschirmen und Abbildern im permanenten Wandel befindet.

Die Inszenierung von Mia Constantine arbeitet die verschiedenen Figuren schnell ab. Die Bühne wird zur Quizshow, ein Mo­de­ra­to­r:in­nen­duo (Sophie Pompe und Jan-Emanuel Pielow) rattert durch 3.000 Jahre Schönheitsgeschichte: Nofrete, Sisi, Marilyn Monroe, alle verbildlicht durch comicartige Kartonschablonen. Am Ende steht Kylie Jenner: Netzartig verschleiert mit riesigen aufgeklebten Augen und noch größeren Lippen erscheint sie weniger als Person, sondern wird zu einer grotesken, säuselnden Projektionsfläche, sie, die Schönheit zur Ware, zur Währung macht, die begehrenswert ist, weil sie begehrt wird.

Schönheitsbegriff weitergedacht

Die Produktion wird im Rahmen der Internationalen Maifestspiele gezeigt, die sich in diesem Jahr mit dem Konzept des Archivs beschäftigen, mit dem Archiv als ein Ort, der bewahrt und erinnert, aber auch fortschreibt. So denkt auch die Wiesbadener Inszenierung den Schönheitsbegriff weiter, über Strömquists Gedanken aus 2021 hinaus. Während sich dieser ausschließlich auf weibliche Schönheitsbilder konzentriert, erweitert das Stück den Blick um männliche Selbstoptimierung. Zu Kylie kommt Timothée, Schönheit wird messbar und optimierbar. Vor allem, wenn man den Routinen und Produkten glaubt, die die Stimmen im Internet, die Looksmaxxer und Influencerinnen, versprechen. „Das ist echt immer so!“, raunt es aus den mittleren Reihen, die Tochter zur Mutter. Schönheit im Spätkapitalismus.

Der Würfel löst sich auf, wird zum Spiegelkabinett, in dem sich das Ensemble immer mehr verliert. Wir schauen ihnen dabei zu, wie sie sich in langen Spiegelwänden verdoppeln, pausenlos mit dem eigenen Blick beschäftigt. Wie sie, eingehüllt in Folie, endgültig zum bewertbaren Produkt werden.

Dabei ist das Stück laut, grell, überbordend: Die Kostüme von Lena Hiebel sind neongelb und silber, voller Pailletten, Rüschen und Federn, erinnern so an Strömquists punkig-satirischen Zeichenstil. In dieser Überzeichnung verliert sich das Stück jedoch teilweise. Vor allem dann, wenn große Ideen und Gedanken nicht stehengelassen, sondern noch einmal erklärt, noch einmal besungen und nachgezogen werden. Am stärksten ist die Inszenierung dann, wenn sie ruhiger wird. Wenn die Kartonlippen und Federn abgelegt werden und sich das Ensemble hinter den Spiegel stellt. Und wenn sie über ihre eigenen Unsicherheiten und Vorstellungen von Schönheit sprechen, sich das Publikum wieder selbst im Spiegel sieht und sich die Grenze zwischen Bühne und Saal auflöst.

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