Sexualisierte Gewalt in der Medizin: „Es hat uns einfach gereicht“

taz: Frau Brüx, hatten Sie geplant, Ihre Erfahrungen von sexualisierten Übergriffen auf dem Ärztetag öffentlich zu machen?

Hannah Brüx: Wir erleben diese Übergriffe grundsätzlich ja überall. Aber wir haben uns für den Ärztetag extra eine Woche Zeit genommen, wir haben uns inhaltlich vorbereitet und dann kam einfach Wut auf, weil uns nicht mit dem Respekt begegnet wurde, den wir uns erwartet hätten und mit dem wir anderen begegnet sind. Es hat uns einfach gereicht.



Bild: Yamina Probst

Im Interview: Hannah Brüx

23, studiert Humanmedizin in Göttingen und war als Delegierte der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. auf dem Ärztetag 2026 in Hannover. Dort hat sie gemeinsam mit vier anderen Studierenden sexuelle Übergriffe auf dem Ärztetag öffentlich gemacht und eine Erklärung dazu verfasst.

taz: Das heißt, Sie waren gar nicht mit dem Thema auf der Agenda angereist?

Brüx: Nein. Unsere Agenda war die neue Approbationsordnung, die endlich unser Studium reformieren soll. Es soll kompetenzorientiert und praxisnäher werden. Der andere Punkt war, dass wir endlich anständige Lernbedingungen im praktischen Jahr brauchen – Stichwort faires Praktisches Jahr.

taz: Mehr Wellen hat aber Ihre Erklärung gemeinsam mit anderen Studentinnen geschlagen. Wie haben Sie die Reaktion vor Ort erlebt?

Brüx: Es gab sehr viele positive Rückmeldungen. Viele ältere Delegierte, gerade auch weibliche Delegierte, sind auf uns zugekommen und haben gesagt, sie hätten Ähnliches erlebt und sich nie getraut, darüber zu sprechen. Aber gleichzeitig kamen auch Leute zu uns, die mitverantwortlich waren für die Übergriffe und denen scheinbar nicht bewusst war oder ist, dass sie Teil des Problems sind.

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Ich glaube, jede Medizinstudentin, die Sie fragen, wird Ihnen sagen, dass sie schon mal etwas Ähnliches erlebt hat

taz: Wie sind Sie damit umgegangen?

Brüx: Erst mal sehr neutral, weil bei uns nicht die Kapazitäten da waren, große Konflikte anzufangen.

taz: Was für Übergriffe haben Sie und die anderen Studierenden auf dem Ärztetag erlebt?

Brüx: Wir wurden als weibliche Delegierte in den Inhalten nicht so ernst genommen wie unsere männlichen Kollegen, stattdessen wurde mit uns über das Kinderkriegen gesprochen. Aber es gab auch Übergriffe in Form von Einladungen auf Hotelzimmer oder ungewolltes Anfassen.

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Spontaner Protest auf dem deutschen Ärztetag

Beim deutschen Ärztetag in Hannover haben in der vergangenen Woche fünf Medizinstudentinnen spontan eine Erklärung abgegeben. Darin berichten sie von sexuellen Übergriffen, die sie auf dem Ärztetag erfahren haben, unter anderem Berührungen am Gesäß oder Einladungen nach Hause.

„Anerkennung“ und großen „Respekt“ hat die

ausgesprochen. Als Konsequenz will sie „Regelwerke überprüfen und gezielt weiterentwickeln, verbindliche Standards festlegen und Schutz- sowie Präventionsstrukturen nachhaltig stärken“.

Sexuelle Übergriffe erleben im Praktischen Jahr drei von vier Medizinstudentinnen, so eine Studie der Uniklinik Würzburg und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd).

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taz: Ist das ein Verhalten, das Sie vor allem bei älteren Medizinern in Machtpositionen erleben?

Brüx: Wir erleben das von vielen Seiten. Machtgefälle machen es natürlich schwierig, darüber zu sprechen oder Fehler aufzuzeigen.

taz: Gerade Unikliniken sind ja stark hierarchische Systeme.

Brüx: Das Problem ist, dass es im Medizinstudium und in der Weiterbildung sehr große Abhängigkeiten gibt, was die Rotationen an die richtigen Stellen in der Klinik und persönliche Förderung angeht. Andererseits ist es auch in der Wissenschaft ein riesengroßes Problem, dass man sehr davon abhängig ist, dass eine Person einen fördert, um gute Forschung zu machen. Sexuelle Belästigung und der Umgang damit entscheidet über Karrieren.

taz: Das Thema Machtmissbrauch war am Wochenende vor dem Ärztetag zentral bei der Tagung des Marburger Bundes, des größten deutschen Ärzteverbands. Warum sorgt Ihre Erklärung dann für so viel Aufsehen?

Brüx: Ich glaube, es ist die Greifbarkeit. Vorher gibt es ein Problem, aber es bleibt diffus, bis sich eine meldet und sagt: hier ist das Problem. Dann entsteht auf einmal Öffentlichkeit und Handlungsdruck. Der muss jetzt in konkrete Maßnahmen münden.

taz: Schon vor Ihrer Erklärung gab es auf dem Ärztetag vorbereite Anträge für Maßnahmen gegen Machtmissbrauch, die dann auch verabschiedet wurden. Versprechen Sie sich etwas davon?

Brüx: Die Theorie ist das eine, und die Praxis ist das andere. In den Anträgen geht es um wichtige Inhalte. Die gab es aber auch vorher schon. Unser Problem liegt darin, dass wir es nicht umgesetzt bekommen in der Praxis und dass im Endeffekt auch niemand so richtig weiß, wo und wie viel Übergriffe passieren.

taz: Was heißt das?

Brüx: Ich glaube, jede Medizinstudentin, die Sie fragen, wird Ihnen sagen, dass sie schon mal etwas Ähnliches erlebt hat. Jeder weiß irgendwie, es gibt Übergriffigkeiten, aber jeder sagt gleichzeitig: Es gibt das Problem – aber nicht in meiner Abteilung, nicht in meiner Klinik, nicht in meiner Ärztekammer, nicht in meiner Verantwortung. Und davon müssen wir weg. Ins Konkrete, dahin, dass jeder sich auch an die eigene Nase fasst.

taz: Der Frauenanteil in der Ärzteschaft wird immer größer. Warum kümmert sich niemand in leitender Ebene um das Thema sexuelle Übergriffe?

Brüx: Wir haben zwar viele Frauen, die anfangen, Medizin zu studieren oder Ärztinnen, die in Weiterbildung sind, aber schlussendlich wenige, die chefärztliche Positionen besetzen. Vielleicht kommt das Bewusstsein für Übergriffe deswegen weniger in den Führungsetagen an.

taz: Sie sind durch die Erklärung sehr sichtbar geworden. Fühlen Sie sich jetzt auch angreifbarer?

Brüx: Sicherlich haben wir uns angreifbar gemacht. Aber mir ist gerade sehr viel wichtiger, dass nicht wir als Person, sondern dass das systematische Problem Aufmerksamkeit bekommt. Nicht nur in den politischen Kreisen, sondern in der breiten Öffentlichkeit. Es geht nicht nur um Prozesse und Strukturen, sondern darum, dass Menschen, die Übergriffe in ihren Kliniken und Teams mitbekommen, das nicht tolerieren.

taz: Erleben Sie Ihre Generation als selbstbewusster, was das anbelangt?

Brüx: Aus den Gesprächen mit anderen Delegierten auf dem Ärztetag denke ich schon, dass wir selbstbewusster sind. Wir können uns das aber auch leisten, denn es gibt einfach schon mehr Bewusstsein für das Thema als früher. Aber ich habe jetzt im Nachhinein auch eine große Hilflosigkeit erlebt von Leuten, die sagen, sie wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen. Weil es vielleicht Anlaufstellen gibt, aber man nicht von ihnen weiß. Oder die sagen: Ich habe das erlebt als beobachtende Person und fühle mich jetzt schlecht deswegen, aber ich wusste nicht, wie ich reagieren kann.

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