Jan Kress steht auf der Bühne, gedimmtes, leicht rötliches Licht. Die Musik hat einen lauten Bass, vibriert. Aus seiner Hosentasche holt er ein Parfüm, zuckt mit den Schultern und sprüht es sich aufs Handgelenk. Dampf steigt auf, windet sich um seinen Arm. Kress beobachtet das, riecht und beginnt sich mit ihm zu bewegen. Fließend, wabernd, während sich der Dampf im kleinen Theatersaal verteilt. Kress besprüht sich immer mehr mit dem Parfüm, um den Kopf, in die Haare, in den Mund, verzieht angeekelt das Gesicht.
Im Stück „SINNich“, für das Kress und sein Kollektiv „baff“ (mit Julia Keren Turbahn und Jan Rozman) an diesem Tag im Februar proben, geht es um die fünf Sinne, darum, wie unterschiedlich wir die Welt wahrnehmen. In der Szene mit dem Parfüm geht es um den Riechsinn.
Noch fünf Tage sind es bis zur Premiere; für das FELD-Theater ist das etwas Besonderes. Seit den Förderungskürzungen Anfang letzten Jahres gab es hier keine Premieren mehr. Das FELD ist ein Theater für junges Publikum mit Fokus auf ein inklusives Programm für Taubes Publikum. Neben seiner Arbeit als Künstler ist Kress auch für dessen Gestaltung zuständig. Seit 2020 arbeitet er hier und ist damit der erste Taube Künstler deutschlandweit, der an einem Theater fest angestellt ist. Und das FELD das einzige Theater, das sich in dieser Form inklusiv an Taubes junges Publikum richtet.
Am kommenden Donnerstag steht wieder eine Produktion von baff auf dem Spielplan: „O (die shOw)“, eine visuelle Performance für ein Taubes* und hörendes Publikum ab 6 Jahren, in der es um Buchstaben und Wörter geht. 2024 erhielt FELD für sein Programm den Theaterpreis des Bundes. Ein halbes Jahr später musste es wegen der Kürzungen zeitweise schließen.
Standort Winterfeldtplatz
Das Theater steht am Winterfeldtplatz in Schöneberg: gelbe Hauswand, bunte Rollladen, der Schriftzug FELD in großen türkisfarbenen Buchstaben. Heute liegt eine dünne Schneedecke auf dem Platz, aufgeregtes Kindergeschrei kommt von drinnen. Bis es mit der Premiere von „SINNich“ losgeht, müssen sie sich noch kurz gedulden. Manche toben, andere sitzen auf einer Bank, gebärden und sprechen miteinander.
Das FELD ist für alle da. Besonders setzt es sich aber für die Inklusion der Tauben Community ein. Bei der Gestaltung des Programms sei es ihm wichtig, Barrieren abzubauen, sagt Kress. Nicht nur auf der Bühne, sondern im ganzen Haus. Er organisiert Workshops, bringt dem Team Deutsche Gebärdensprache (DGS) bei und baut Kontakt zu Tauben Künstler*innen und Schulen mit Fokus auf Taube Menschen auf, etwa zur Ernst-Adolf-Eschke-Schule in Berlin-Charlottenburg, die zur Premiere zu Besuch ist.
Der Kontakt zu Schulen sei lange schwierig gewesen: „Die Kinder, aber auch die Lehrer*innen haben viele schlechte Erfahrungen gemacht. Sie wurden eingeladen, aber die Stücke waren nicht zugänglich für sie.“ Oft stehe dann nur ein*e DGS-Dolmetscher*in am Rand, abseits vom Geschehen. Ein Vorbild auf der Bühne gebe es nicht. „Mir ist es deshalb wichtig zu zeigen: Ich bin Taub und ich stehe auf der Bühne, das geht.“
Wenn er sich nach den Vorstellungen mit den Kindern austauscht, können ihm das viele kaum glauben: „Das tut weh. Das gesellschaftliche Bild, dass Taube Leute nicht auf der Bühne stehen können, ist so verbreitet, dass die Kinder sich nicht mal vorstellen können, dass ich Taub bin.“
Entscheidung für sichere Berufswege
Wegen dieses Bildes war auch sein eigener Weg auf die Bühne nicht leicht: „Ich wollte eine Tanzausbildung machen und da hieß es, du bist ja Taub, du musst doch die Musik hören. Es wurde für mich entschieden, ohne sich zu informieren, was Taubsein bedeutet und was wir können.“ Ausbildungen für Taube Künstler*innen gebe es keine – auch eine Entscheidung der Hörenden, sagt Kress. Das führe dazu, dass Taube Menschen sich für andere, sichere Berufswege entscheiden, Tischler*innen werden oder Zahntechniker*innen, statt selbst auf die Bühne zu gehen.
Auch Kress hat erst eine Ausbildung angefangen, zum Kostümschneider am Schauspielhaus in Frankfurt. Acht Jahre lang hat er dort gearbeitet und dann auf Risiko gesetzt: Hat gekündigt, ist nach Berlin gezogen und hat eine Ausbildung zum Gebärdensprachdozenten gemacht. Nebenher hat er immer wieder bei Theaterprojekten mitgearbeitet.
Bei der Premiere von „SINNich“ sitzen die Kinder aus der Ernst-Adolf-Eschke-Schule auf der untersten Stufe der hölzernen Tribüne. Als die Musik anfängt zu wummern, legt sich Kress mit einem Ohr vor sie, macht mit den Händen das Vibrieren nach. Große Augen schauen ihm entgegen.
„Ein Hund hat über 300 Millionen Riechzellen, Gerüche nimmt er stärker wahr“, erklären Turbahn und Kress in Laut- und Gebärdensprache. Während sich Kress mit Parfüm besprüht, steht auch einer am Rand bereit. Ein Staubsauger, dessen Rohr zur Hundenase wird. Gespielt von Jan Rozman saugt er den Duft ein, schnuppert an Gästen aus den ersten Reihen. Die Kinder stehen begeistert auf: „Mich auch, mich auch!“ rufen sie, recken ihre Hände nach dem Staubsaugerrohr-Hund.
Inklusive Kulturangebote verschwinden zuerst
Wegen der Kürzungen haben Kress und das FELD-Theater im Herbst zwei offene Briefe geschrieben. Denn neben der Arbeit des Theaters ist auch Kress’ Stelle gefährdet. In seinem Brief beschreibt er ein strukturelles Problem: Gerade inklusive Kulturangebote verschwinden bei Sparmaßnahmen oft zuerst. Und mit ihnen jahrelange Aufbauarbeit, jahrelanger Kampf. Das FELD-Theater hat inzwischen wieder eine Basisförderung erhalten, auf seinen eigenen Brief hat Kress allerdings nie eine Antwort bekommen. Deshalb suchen sie gemeinsam nach anderen Förderungsmöglichkeiten.
Aber auch das wäre nur eine Lösung auf Zeit, Kress geht es um mehr: „Es geht darum, zu zeigen, dass es eine Chance ist, eine Taube Person einzustellen.“ Gebärdensprache und inklusive Angebote dürften nicht nur dekorative Elemente in Produktionen sein. Und das gehe nur, wenn die Expertise der Tauben Community stärker einbezogen wird.






