Letzte Folge „The Late Show“ mit Colbert: Der Witz zieht nicht mehr

W as darf Satire? Gähnend langweilig ist diese Frage mittlerweile. Sie wurde hundertfach gestellt, in ebenso vielen Texten diskutiert und fast immer gleich beantwortet: Alles.

Die viel dringendere Frage ist jetzt, was man überhaupt noch mit Satire anfangen soll. Denn bitterböse Witze reißen, mal so richtig den Finger in die Wunde legen, humorvoll die Herrschenden anprangern, das funktioniert nicht mehr.

Am 21. Mai erscheint nach zehn Jahren die letzte Folge des Late-Night-Formats „The Late Show“ mit Stephen Colbert, einer politischen Satireshow aus den USA. Der Sender CBS sprach von einer „rein finanziellen Entscheidung“, als die Sendung des Trump-Kritikers vergangenen Sommer abgesetzt wurde, obwohl CBS und Trump zuvor in einen Streit geraten waren.

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Trump hatte CBS mit einer Klage gedroht, weil der Sender ein Interview mit Kamala Harris zu ihrem Vorteil geschnitten habe. Um einen Rechtsstreit zu vermeiden, zahlte CBS Trump 16 Millionen Dollar. Colbert nannte dies in seiner Sendung „a big fat bribe“, eine fette Schmiergeldzahlung. Auch in seiner vorletzten Folge ging es um Trumps dreckige Geschäfte – und wie diese den US-Steuerzahler Milliarden kosten könnten.

Diese Satire tut nicht weh

Satire muss wehtun, sagt man. Aber es tut nichts mehr weh an Colberts Witzen über Trumps Dummheit. Es tut auch nichts weh an der scharfzüngigen Kritik an seiner Korruption – außer dass sie in Erinnerung ruft, dass die US-Bürger_innen dagegen völlig machtlos sind.

Am Mittwoch wurde bekannt, dass das US-Justizministerium dauerhaft untersagt, frühere Steuererklärungen von Trump, seinen ‌Verwandten und seinen Unternehmen zu prüfen. Wie soll ein Witz darüber noch irgendeine Pointe haben, wenn der Umstand selbst so viel Ungerechtigkeit offenbart, dass einem die Ohren glühen?

Gleiches gilt für deutsche Satireformate wie „Die Anstalt“, „Fun Facts“ oder „Die Heute Show“, die humorvoll Merz, Pistorius oder Söder tadeln. Heute ist Satire die Musikkapelle auf der sinkenden „Titanic“, höchstens ein Coping-Mechanismus, um der Ohnmacht entgegenzuwirken, die man spürt, wenn eine existenzgefährdende Grundsicherung beschlossen wird, wenn Merz sagt, dass Arbeitende faul seien und dass es eine 70-Stunden-Woche brauche – und er gleichzeitig Waffendeals in Milliardenhöhe abschließt. Witze darüber, wie einem der Staat die Zukunft nimmt, ziehen einfach nicht.

Abgesehen davon trifft satirische Kritik auf taube Ohren. Wenn man Kritik formuliert, dann tut man das doch, weil man davon ausgeht, dass sie irgendwo ankommt. Formate wie Stephen Colbert oder „Die Heute Show“ richten sich entweder an Menschen, die ohnehin schon von der dort vorgetragenen Position überzeugt sind, oder aber sie kritisieren Politiker_innen und Regierungen, die nicht kritisierbar sind.

Wie soll man sich etwa über einen Kanzler lustig machen, der in der Öffentlichkeit kaum auftreten kann, ohne ausgebuht zu werden, und trotzdem eine menschenfeindliche Entscheidung nach der anderen zu treffen in der Lage ist?

Satire lässt einen Ungerechtigkeit hinnehmen

Oder über einen Präsidenten, der als Witzfigur des Planeten gilt, sich dieses Image aber zu eigen und seine Politik memefähig macht? Oder über einen Außenminister, der öffentlich die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht lobt, also die Kritik an der eigenen Politik, und den Neuen Wehrdienst dann trotzdem beschließt?

Politische Satire begeht einen weiteren Fehler. Sie stellt sich hin und sagt: Guck mal, wie ungerecht! Ein guter Kanzler würde gerechter handeln. Guck mal, wie dumm! Ein guter Präsident würde das nicht sagen. Aber was wäre ein guter Kanzler, ein guter Präsident in kapitalistischen Systemen, die nicht ihren Bürger_innen dienen, sondern dazu da sind, sich selbst zu erhalten und Reiche reicher zu machen? In diesem System sind Merz und Trump gute Staatsoberhäupter.

Im besten Fall ist gerade deutsche Satire unlustiger Boomerhumor. Im schlimmsten Fall ist es eine Art, die herrschende Ungerechtigkeit hinzunehmen. Die Rentner_innen, die Pfandflaschen sammeln, die Obdachlosen, die auf der Straße verelenden, die alleinerziehenden Mütter, die auf mehrere Jobs angewiesen sind, die Schüler, die bald zur Musterung antreten müssen – ein Glück können sie sich über Politiker_innen lustig machen, ein Glück bleibt ihnen die Satire.

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Ein Format weniger haben nun die USA. Ob Trump dabei eine Rolle gespielt hat oder nicht, ist Spekulation. Wahrscheinlicher ist, dass vielen angesichts der absurden Ungerechtigkeit immer mehr das Lachen vergeht.

  • informationsspiegel

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