Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter: Eine Art Onkel

In der Nacht auf den 4. Januar geht der Schuppen im Garten von Andreas Büttner in Flammen auf, und an die Haustür des brandenburgischen Antisemitismusbeauftragten wird ein rotes Dreieck geschmiert – ein Symbol der Hamas und ihrer Unterstützer. Zwei Tage später sagt Büttner, damals noch in der Linkspartei, der Jüdischen Allgemeinen, diese Nacht habe sich ihm „unauslöschlich eingebrannt“. Das rote Dreieck sei ein Zeichen „jihadistischer Gewalt“, für ihn und seine Familie sei das ein Schock. Über konkrete Täter wollte er aber „nicht spekulieren“.

Ende April wird bekannt, wen die Polizei der Tat verdächtigt: Lucas S. und Daniel R., 25 Jahre alt – die beiden sind Freunde und Geschäftspartner Büttners. Vieles an ihrer Beziehung zu Büttner wirft nun Fragen auf. Recherchen der taz zeigen, dass ihr Verhältnis in ein Muster passt, das Büttners Biografie seit Jahrzehnten durchzieht: Eines, in dem die Grenzen zwischen Politik, Geschäft und Privatem verschwimmen.

Die Polizei führt Büttner bis heute nicht als Verdächtigen, sondern als Zeugen und Geschädigten. Er bestreitet, etwas von den Anschlagsplänen gewusst zu haben. Die jüdische Gemeinde in Brandenburg hat Büttner inzwischen ihre Unterstützung versichert. Auch Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, stellte sich öffentlich hinter ihn.

Ein politisches Chamäleon

Der 52-jährige Büttner ist gelernter Polizist und eine schillernde Figur. Seine politische Karriere führte ihn von der Jungen Union in Hessen über die FDP zur Linken und ins Amt des Antisemitismus-Beauftragten. Seit 1997 lebt der bei Kassel aufgewachsene Büttner mit seiner Ehefrau in der Uckermark bei Berlin. Dort baute er unter anderem einen queeren Verein auf und versuchte sich als Unternehmer.

Neben seinen politischen Mandaten geht er immer neue, oft kurzfristige Geschäftsbeziehungen ein – meist mit deutlich jüngeren Partnern. Am Ende steht eine Serie von Unternehmen, die Büttner aufgebaut hat oder bei denen er eingestiegen ist: in Branchen wie Webdesign, Consulting, Solarwirtschaft und bei einer Strategieberatung, die „Terrorismusabwehr“ und die US-Rüstungsindustrie im Blick hat.

Die Vielzahl von Firmengründungen und -beteiligungen ist keine biografische Randnotiz. Wahlkreismitarbeiter werden Geschäftspartner, Büro- und Geschäftsadressen überschneiden sich, gemeinsame Firmen und Projekte machen aus politischen Kontakten persönliche Nähe. In diesem Umfeld bewegten sich auch die beiden Verdächtigen, gegen die nun wegen des Brandanschlags in Brandenburg ermittelt wird.

Nach dem Brand tritt er aus der Linken aus

Die Polizei fand in der Nacht des Anschlags einen Maleroverall, Grillanzünder und Einweghandschuhe. Einer der Verdächtigen soll die Utensilien mit seiner Kreditkarte gekauft haben. Ein antisemitischer Drohbrief an Büttner, der kurz danach im Landtag einging, soll DNA von Lucas S. tragen.

Mit Daniel R. gründete Büttner 2023 die Unternehmensberatung advanced analytics, in die Lucas S. als Gesellschafter einsteigt. Laut Tagesspiegel verbringt das Trio kurz vor dem Anschlag eine Nacht in einem Hotel im Harz – zur „Gesellschafterversammlung“ ihrer gemeinsamen Firma, wie Büttner sagt. Kurz vor dem Anschlag überweist Büttner 3.000 Euro an R., weil eine seiner Firmen in Liquiditätsprobleme geraten sei. Kurz nach der Tatnacht besuchen die drei gemeinsam die Oper in Leipzig, als wäre nichts gewesen.

Hört man sich in der Linken zu Büttner um, entsteht das Bild eines engagierten rhetorischen Talents, das durch sein großes Geltungsbedürfnis und Sendungsbewusstsein immer wieder aneckt. Er äußert sich unermüdlich zu Nahost-Themen und verteidigt Israels Vorgehen im Gaza- und Irankrieg. Neun Linken-Politiker fordern 2025 seinen Ausschluss, weil er Parteibeschlüsse ignoriere und völkerrechtswidrige Aktionen Israels verteidige. 2026 tritt Büttner selbst aus der Linken aus – nach seiner Aussage wegen deren Haltung zu Israel, aber auch wegen mangelnder Unterstützung nach dem Brand im Januar.

Wahlkreisbüro in der Uckermark

R. und S., gegen die wegen des Anschlags ermittelt wird, engagierten sich als Schüler in gemeinnützigen Projekten. Über einen Protegé Büttners lernen sie diesen 2019 kennen. Bei einem Besuch campen sie in seinem Garten. Ab 2020 bauen die beiden einen Bildungsträger auf, der mit der Zeit sechsstellige Beträge für Demokratie-Projekte einsammelt. Bei einer Spendenaktion für ein Projekt zu jüdischer Geschichte führen sie Büttner als Schirmherrn auf.

Büttner lebt mit seiner Familie in einer abgelegenen Siedlung in der Uckermark. Von hier führt eine schmale Straße nach Templin. Dort hatte Büttner ein Wahlkreisbüro angemietet, in dem er zwei weitere junge Männer beschäftigt hat, mit denen er ebenfalls Geschäftsbeziehungen einging. Heute schirmen schwarze Vorhänge die Bürofenster des ehemaligen Landtagsabgeordneten ab.

Auf dem Klingelschild und der Tür stehen Büttners Name und der eines weiteren ehemaligen Mitarbeiters. Dass Büttner sich nicht nur als Mentor für jüngere Parteikollegen betätigt, sondern auch in der Partei unbekannte junge Männer einstellt, hat seinerzeit einige Genossen irritiert. „Mindestens ambivalent“ sei der Ruf Büttners in der brandenburgischen Linken gewesen, sagt ein Ex-Genosse.

Eine Firmengründung nach der anderen

Im Jahr 2011 wird Büttner Geschäftsführer bei der Medienagentur seines damals 25-jährigen Wahlkreismitarbeiters. Der Geschäftsbereich des Unternehmens wird daraufhin um „Handel und Vertrieb von Sicherheitstechnik“ erweitert. 2013 steigt Büttner aus der Firma wieder aus.

2014 gründet er die Strategieberatungsfirma AM Global – gemeinsam mit seinem Mitarbeiter im Landtag, dem damals 29-jährigen FDP-Politiker Martin H. Die Firma unterhält eine Adresse in den USA, die sie sich mit einem Rüstungsunternehmen teilt: Hooker Tactical in Idaho Falls. Hooker Tactical verkauft Nachtsichtsysteme, Überwachungstechnik und Spezialmunition für Militär und Polizei. In einem Hooker-Firmendokument ist sogar von einer geplanten Übernahme durch AM Global die Rede – mit einem Kredit der „Sparkasse und der Deutschen Bundesbank“.

Im Oktober 2015, nachdem er kurzzeitig Büroleiter der pro-israelischen Lobbyorganisation ELNET war, tritt Büttner der Linken bei. 2017 wird er Direktkandidat für die Bundestagswahl. Seine Position als Geschäftsführer von AM Global gibt er erst im September 2018 auf – einen Monat, bevor er Linken-Staatssekretär in Potsdam wird.

„Unverbindliche Überlegungen“

Wie gehen solche Kontakte in die Rüstungsbranche mit der Mitgliedschaft bei einer antimilitaristischen Partei zusammen? „Behauptungen über Verbindungen zu internationalen Rüstungsgeschäften entbehren jeder Grundlage“ erklärt Büttners Anwalt. Das Dokument von Hooker Tactical zeige nur „unverbindliche und nicht weiter verfolgte Überlegungen“.

Deutlich unverfänglicher ist die Kommunikationsagentur, die er 2020 als Linken-Abgeordneter mit einer Fraktionskollegin gründet. Doch hier beschäftigt er 2023 auf Minijob-Basis den Templiner Dirk Schulz*, damals Ende 20, den er nach dessen Angaben knapp zehn Jahre zuvor privat kennengelernt habe. In einer Whatsapp-Nachricht beschrieb Büttner die Stelle als „Mitarbeiter eines Landtagsabgeordneten“.

Schulz sagt, er habe während seiner mehrmonatigen Anstellung im Homeoffice keinerlei Aufgabe erhalten. Büttners Anwalt sagt dazu, es habe sich „um eine reale Tätigkeit“ gehandelt, zu der das „Ordnen von Unterlagen“ und Buchhaltung für die Agentur gehörten. Den von der taz angesprochenen Verdacht einer „Scheinbeschäftigung“ weist Büttner über seinen Anwalt „ausdrücklich zurück“.

Mentor, Unternehmer und politischer Experte

Zusammen mit einem weiteren, damals 25-Jährigen Templiner, der zuvor sein Wahlkreismitarbeiter war, wird Büttner zudem 2022 Mitgesellschafter der Unternehmensberatung Advisor Coaching & Consulting UG. Die Firma wird im März 2026 wieder aufgelöst. Büttner sagt, die Firma sei im „Löschungswartejahr“, er selbst „nur noch formal Liquidator ohne operative Tätigkeit.“

Im Karrierenetzwerk LinkedIn listet Büttner bis vor wenigen Tagen zwei seiner Firmen noch auf. Mittlerweile sind die Hinweise auf sein privatwirtschaftliches Engagement gelöscht, ebenso wie seine Tätigkeit bei ELNET.

Die Offenheit, mit der er seine geschäftlichen Aktivitäten zuvor präsentierte, passt aber ins Bild eines umtriebigen, ehrgeizigen Mannes, über den Parteikollegen sagen, er habe immer „hoch hinaus“ gewollt. Immer wieder bindet Büttner dabei jüngere Mitarbeiter und Weggefährten in neue Rahmenkonstruktionen ein und versucht, gleichzeitig Mentor, Unternehmer und politischer Experte zu sein.

Welches Motiv könnte hinter dem Anschlag stehen?

Büttner sagt, er sei für Lucas S. und Daniel R., die den Anschlag verübt haben sollen, „eine Art Onkel“ gewesen. Über das Motiv der Tatverdächtigen ist bislang nichts Belastbares bekannt. Büttner bestreitet, von möglichen Anschlagsplänen gewusst zu haben; die Polizei führt ihn nach bisherigem Stand nicht als Beschuldigten. Fest steht nur: Der Anschlag hat ihm bundesweite Aufmerksamkeit eingebracht, überregionale Medien berichteten über ihn und seinen Fall.

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Zu seinem Ehrgeiz passt, dass Büttner zuletzt Ambitionen gezeigt haben soll, die Nachfolge des Bundes-Antisemitismusbeauftragten Felix Klein zu übernehmen, der sein Amt im Sommer abgeben will. Der Tagesspiegel berichtete unter Berufung auf ihm vorliegende Kommunikation, Büttner habe geschrieben: „Mach mal was, dann kannst du mich ins Gespräch bringen.“

Büttner sagte dazu, dabei habe es sich um einen Scherz gehandelt.

  • informationsspiegel

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