Fashion Statements bei Roland Garros: Osaka serviert

I st das diese deutsche Kleinkariertheit, die sich im Post-Match-Interview offenbarte? „Ich komm daher, um Tennis zu spielen und keine Modenschau zu machen“, sagte Laura Siegemund nach ihrer Niederlage gegen Naomi Osaka bei den French Open. Ihr schwäbischer Dialekt untermalt diese Aussage.

Die beiden trafen in der ersten Runde des Pariser Grand-Slam-Turniers aufeinander, das am 24. Mai startete. Osaka trug einen Dreiteiler: ein schwarzes mit Pailletten besetztes Korsett, einen bodenlangen Plisseerock mit semitransparentem Stoff, und darunter ein Tenniskleid, ebenso mit Pailletten besetzt und farblich an die rote Asche des Tennisplatzes erinnernd. Der Schweizer Couturier Kevin Germanier hat das Ensemble für sie gefertigt.

Siegemund kritisierte, dass Osaka bevorzugt behandelt werde: Sie bekomme Extraminuten, um den Rock und Korsett auszuziehen, während bei allen anderen Spieler_innen auf jede Sekunde geachtet werde. Das wäre eine verständliche Kritik, hätte Osaka den Rock nicht innerhalb von fünf Sekunden abgestreift und ihre Position auf dem Platz eingenommen. Aber Hand aufs Herz, wer wäre nicht zumindest ein bisschen beleidigt, wenn man wie Siegemund ein Match verliert gegen jemanden, der dabei auch noch fantastisch aussieht?

=”” span=””>

taz schneller googeln

Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.

Sie wollen Google lieber meiden? Dann nutzen Sie doch DuckDuckGo oder Ecosia.

=”” div=””>

Aber nicht nur Siegemund kritisiert die japanische Tennisspielerin. Pünktlich zu jedem Grand Slam kommentieren Artikel und Hunderte Leute in Kommentarspalten ihre Kostüme als ablenkend, hässlich, am häufigsten aber als cringe. Cringe, dieses seit Jahren allgegenwärtige Unwort, das sowas wie unangenehm oder peinlich bedeutet und Fremdscham ausdrückt.

Bloß nicht zu enthusiastisch

Es muss das Resultat des panoptischen Internets sein, jeden Moment zu kuratieren und immer darauf Wert zu legen, dass alle möglichst nonchalant, angepasst und bloß nicht zu enthusiastisch – etwa was Mode angeht – sind.

Bei Roland Garros 2025 zum Beispiel trat Osaka in einem kirschblütenfarbenen Ensemble auf. Die Lagen des Rocks fielen zart übereinander und in zwei kleinen Dutts auf dem Kopf trug sie Spangen in Blumenform. Da sie direkt in der ersten Runde gegen Paula Badosa ausschied, bekam der Look nicht gerade viel Sendezeit. Und dass sie sich modisch überhaupt die Mühe gemacht hatte, bekam schnell das Label „cringe“ aufgedrückt: Wenn man schon visuell so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, dann muss man auch gut spielen.

Ein anderes Accessoire, von dem sie 2025 fasziniert gewesen zu sein scheint, waren Labubus. Die wie noch hässlichere Furbys aussehenden Figürchen ließ sie mit Glitzersteinchen besetzen und befestigte sie an ihrer Sporttasche, sodass sie beim Einlaufen immer gut zu sehen waren. Auch in den Pressekonferenzen hielt sie sie in die Kameras, weshalb bald das falsche Gerücht umging, sie habe einen 100-Millionen-Dollar-Labubu-Deal abgeschlossen.

Zugegeben, Labubus sind vielleicht nicht gerade geschmackvoll. Naomi Osaka deswegen als lächerlich und, Überraschung, cringe zu bezeichnen, ist es jedoch ebenso wenig. Es muss ermüdend sein, öffentlich auch nur ein Fünkchen Begeisterung für etwas zu zeigen und als erste Reaktion darauf jedes Mal hören zu müssen, dass man deshalb peinlich sei.

Cringe-Kultur tötet Kreativität

Diese Cringe-Kultur, so ähnlich sagte es der Autor Ocean Vuong in einem Interview, halte Menschen davon ab, ihre Authentizität nach außen zu tragen, da sie sich vor einer öffentlichen Blamage fürchten. Vuong sagt, gerade junge Menschen „wollen nicht so wirken, als würden sie sich wirklich anstrengen und ernsthaft versuchen, ihre Träume zu verwirklichen“. Cringe-Kultur tötet Kreativität.

Eigentlich haben Zuschauer_innen also dankbar dafür zu sein, dass Naomi Osaka nicht zurückschreckt und sich etwas traut. Bei den Australian Open dieses Jahr trug sie ein an eine Qualle erinnerndes Outfit, mit langen, tentakelartigen Stofffetzen, einem weißen Hut mit Schleier und einem Sonnenschirm, auf dem, wie auf dem Hut, ein Schmetterling saß – eine Hommage an ihren AO-Sieg 2021, wo ein Schmetterling auf ihrem Gesicht landete.

Wer solch spielerischen Selbstausdruck sieht, und sich dabei fremdschämt, der sollte es sich zur Aufgabe machen, sich von den Fesseln des Cringe zu lösen. Naomi Osaka ist damit erfolgreich: Auch die zweite Runde gegen Donna Vekić am Donnerstag gewann sie in zwei Sätzen.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Magdeburger Rechtsextremist stach zu: Gut sieben Jahre Haft für Messerangriff auf Rentner
    • May 29, 2026

    Ein Rentner beschwert sich über das Verkleben von Stickern – und wird niedergestochen. Der dafür verantwortliche Rechtsextremist wurde nun verurteilt. mehr…

    Weiterlesen
    Ausstellung über Rembrandt als Marke: Eine Art kühner Andy-Warhol-Vorgriff
    • May 29, 2026

    Geschickt mischte Rembrandt ab 1630 als Künstler-Unternehmer am gerade aufsteigenden Kunstmarkt mit. Das zeigt eine Ausstellung in der Heritage Kassel. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Magdeburger Rechtsextremist stach zu: Gut sieben Jahre Haft für Messerangriff auf Rentner

    • 9 views
    Magdeburger Rechtsextremist stach zu: Gut sieben Jahre Haft für Messerangriff auf Rentner

    Fashion Statements bei Roland Garros: Osaka serviert

    • 10 views
    Fashion Statements bei Roland Garros: Osaka serviert

    Ausstellung über Rembrandt als Marke: Eine Art kühner Andy-Warhol-Vorgriff

    • 10 views
    Ausstellung über Rembrandt als Marke: Eine Art kühner Andy-Warhol-Vorgriff

    Outdoor-Firma verklagt Dragqueen: Patagonia gegen Pattie Gonia

    • 7 views
    Outdoor-Firma verklagt Dragqueen: Patagonia gegen Pattie Gonia

    Ebola-Ausbruch in Zentralafrika: Jedes vierte Opfer ist ein Kind

    • 9 views
    Ebola-Ausbruch in Zentralafrika: Jedes vierte Opfer ist ein Kind

    Folgen der Klimakrise: Ab 30 Grad kippt die Wirtschaft

    • 8 views
    Folgen der Klimakrise: Ab 30 Grad kippt die Wirtschaft