Man nehme ein bisschen Drama, irgendwelche actionreichen Aktionen und Alkoholexzesse – fertig ist das klassische westliche Datingformat. Ganz anders funktionieren dagegen die Shows in asiatischen Ländern, etwa in Japan. Da gibt es aktuell zwei Datingserien, die für Aufsehen sorgen.
Einerseits gibt es die Netflix-Produktion „The Boyfriend“ von 2024, das erste queere japanische Datingformat, in dem zehn schwule Männer für zwei Monate gemeinsam in einem Haus leben. Dort leben sie zusammen, sollen in einem Kaffeewagen arbeiten, um sich auch im Arbeitsalltag kennenzulernen, und verlieben sich manchmal ineinander.
Die Show begleitet die Männer durch einen ruhigen, idyllischen Alltag. Gemeinsame Abendessen, Gespräche über Liebe, Outing, Familie, Freundschaften, in denen auch mal Tränen fließen, vermitteln Zuschauer*innen das Gefühl, dass die Sorgen und Hoffnungen der Männer ernst genommen werden.
=”” span=””>
=”” div=””>
Im Vergleich dazu steht das Datingdrama „Badly in Love“ auf Netflix, in der elf Yankiis (eine japanische Subkultur von rebellischen jungen Männern und Frauen) sich daten. Eine bunte, verspielte Küche oder ein Wohnzimmer, das an eine Mini-Spielhalle erinnert. Was hier jedoch hervorsticht, ist die aggressive Haltung der Männer und Frauen. In einer Szene sieht man etwa Mylk, der zu einem anderen Kandidaten sagt: „Du provozierst mich hier (in der Küche), obwohl hier Messer sind.“ Solche expliziten Gewaltandrohungen gibt es in westlichen Datingshows dann doch nicht – und solche Aggressionen passen auch kaum zum Bild, das wir von Japaner*innen haben.
Männlichkeit in verschiedenen Subkulturen Japans
Durch die beiden Datingshows kann man daher gut etwas über das Männlichkeitsbild in Japan lernen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs prägten Samurai, die den feudalen Herren dienten und für die Kriegsführung zuständig waren, die Auffassung von Männlichkeit.
Mit der Zeit wandelte sich dieses Bild zu dem eines Büroangestellten, der nach wirtschaftlichem Erfolg strebt und der Versorger der Familie ist. Doch der versprochene wirtschaftliche Aufstieg konnte aufgrund der Wirtschaftskrise in den 1990ern nicht eingehalten werden. Der Wunsch nach einer neuen Art von Männlichkeit drängte sich immer mehr in den Vordergrund der Gesellschaft. Männer seien nun offener für eine „weichere Form“ der Männlichkeit. Es wird normaler, Kosmetik zu verwenden, Make-up oder auch als feminin geltende Kleidung.
„The Boyfriend“ zeigt diese neue Offenheit. Die Kandidaten schminken sich gegenseitig und machen sich Komplimente zu ihrem Aussehen wie „Ich finde deine Sommersprossen schön“. Und dennoch zeigt sich Japan gesellschaftspolitisch im Zwiespalt, wenn es um das Thema Queerness geht: Queere Ehen werden laut einer Umfrage von 2023 von 72 Prozent der befragten Japaner*innen befürwortet, obwohl sie noch verboten sind. Gleichzeitig zeigt sich die Akzeptanz in „Boys Love“-Mangas (japanischen Comics) oder auch in queeren Bars in Tokio, die es seit Jahrzehnten gibt. Und die Gesellschaft diskutiert das Thema.
„The Boyfriend“ trägt dazu bei, queere Liebe zu repräsentieren. Die Serie wurde in insgesamt 190 Ländern ausgestrahlt. Ein weiterer spannender Aspekt der Datingshow: Der Produzent Dai Ota hat Psychologen hinzugezogen, die den Teilnehmern auch nach Veröffentlichung der Show beiseitestehen.
Manchmal kocht ihre Wut hoch
In „Badly in Love“ stellen sich die Yankiis gegen Autoritäten und gesellschaftliche Normen. Sie heben sich auch ästhetisch von der japanischen Mehrheitsgesellschaft ab. Sie haben bunt gefärbte Haare und viele sichtbare Tattoos. In der Datingshow wird der Fokus auf diese Merkmale gelegt. Doch manchmal kocht ihre Wut hoch und es wird körperlich zwischen den Männern. Ein Zeichen der Reviermarkierung, die ein sehr toxisches und gefährliches Verhaltensmuster von Männern zeigt. Auch hier wäre die Unterstützung von Psycholog*innen durchaus sinnvoll gewesen.
Neben dem Dating lernt man viele der Kandidaten auf einer persönlichen Ebene kennen. Die Yankiis erzählen von ihrer schwierigen Vergangenheit und den Auswirkungen bis heute. Viele versuchten anders zu leben. In „The Boyfriend“ spielen das Outing und die Schwierigkeiten damit eine große Rolle. Teilnehmer sprechen darüber, dass Familienmitglieder verstorben seien, sie aber nie die Chance hatten, sich zu outen und zu zeigen, wer sie wirklich sind. Andere wiederum berichteten über die Angst, sich zu outen und vor allem ihre Väter zu enttäuschen.
Durch diese Gespräche oder auch die Vorstellung, später mal zu heiraten oder Kinder zu bekommen, öffnen sich die Männer und entwickeln eine berührende Freundschaft untereinander. Die tränenreichen Verabschiedungen bei „The Boyfriend“ zeigen, welche emotionale Verbindung die Männer untereinander aufgebaut haben.
=”” span=””>
Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.
=”” div=””>
„The Boyfriend“ darf daher nicht nur als Datingformat gesehen werden, sondern als ein Ort für Männer, in der Männlichkeit sanft und liebevoll gelebt werden kann und von dem sich deutsche Datingformate ruhig etwas abschauen können. Die japanischen Datingformate zeigen, dass sie zwar mit Polarisierung Aufmerksamkeit erzeugen, dennoch aber auch eine gesellschaftliche Offenheit und Verständnis für Menschen aufbauen helfen wollen, die in Japan von der vermeintlichen Norm abweichen,






