Offensichtlich rechtsextrem motiviert: Rechte verunstalten schon wieder Göttingen

„Nazi-frei“ war Göttingen nie, auch wenn das immer mal wieder behauptet wird. Zwar ließen sich Rechtsextremisten in der Uni-Stadt im Vergleich zu anderen norddeutschen Kommunen nur selten öffentlich blicken, und auch die AfD schaffte es bislang nicht ins Kommunalparlament. Doch nächtliche Sprühereien, Spuckis auf Laternenpfählen und gelegentliche Überfälle auf Linke oder Punks liefern genügend Hinweise, dass Neonazis auch in Göttingen ihr Unwesen treiben.

Zuletzt übersprühten Unbekannte in der Nacht zu Mittwoch eine regenbogenbunte Treppe am Göttinger Albaniplatz in Schwarz-Rot-Gold. Die bis dahin graue Treppe war im August 2023 vom örtlichen Bündnis für den Christopher-Street-Day (CSD) in Absprache mit der Stadt umgestaltet worden – als Symbol für queere Sichtbarkeit, Diversität und Toleranz. „Das Übersprühen dieses Symbols zu Beginn des Pride Month ist ein gezielter Angriff auf diese Werte“, urteilten am Mittwoch die Göttinger Grünen.

Zeitgleich übersprühten vermutlich dieselben Tä­te­r:in­nen eine an der Mauer neben dem Treppenaufgang hängende Gedenktafel zur Erinnerung an die Bücherverbrennung und machten das eingravierte Heinrich-Heine-Zitat „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ unleserlich.

Tafel erinnert an Bücherverbrennung

Die Tafel war am 10. Mai 1984 angebracht worden – genau 51 Jahre, nachdem Nationalsozialisten, unter ihnen viele Studierende, auf dem kurz zuvor in Adolf-Hitler-Platz umbenannten Platz Tausende Bücher verfemter Autoren verbrannt hatten. An der Mauer neben der Treppe hinterließen die Tä­te­r:in­nen weitere Nazi-Parolen wie „Fuck Links“.

Den Göttinger Grünen zufolge reihen sich die Taten in eine ganze Reihe von neonazistischen Angriffen im Innenstadtgebiet in den vergangenen Monaten ein. Dazu zählten etwa ein queerfeindlicher Angriff im Zuge des letztjährigen CSD, körperliche Übergriffe auf Parteimitglieder, Beschädigungen von Stolpersteinen sowie rechtsextreme Schmierereien an der linken Kneipe „Dots“.

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Rechtsextreme und Faschisten versuchen seit Monaten, unsere Stadt für sich zu reclaimen.

Jannick Scherer, Vorstand der Göttinger Grünen

Am 16. August 2025 wurden Teilnehmende des Straßenfestes nach der CSD-Demo auf dem Albaniplatz aus einer am Rand stehenden Gruppe heraus mit Feuerwerkskörpern beworfen. In der Nacht zum 5. Oktober beschmierten Unbekannte Außenbestuhlung, Wände und Fenster des „Dots“ mit insgesamt 13 Hakenkreuzen. Und Ende April/Anfang Mai wurden mehrere Stolpersteine mit einer klebstoffartigen Flüssigkeit übergossen.

„Rechtsextreme und Faschisten versuchen seit Monaten, unsere Stadt für sich zu reclaimen“, sagt Jannick Scherer vom Vorstand der Göttinger Grünen. „Das dürfen wir als Stadtpolitik und Zivilgesellschaft nicht zulassen.“

Auch Göttingens Oberbürgermeisterin Petra Broistedt (SPD) verurteilte die jüngsten, offensichtlich rechtsextrem motivierten Taten. Diese seien „ein ekelhafter Angriff auf die Werte unserer offenen und demokratischen Gesellschaft“. Göttingen stehe für Vielfalt, Menschenwürde, Toleranz und eine lebendige Erinnerungskultur.

Treppe wieder übermalt

Die Treppe am Albaniplatz leuchtete am Mittwochmittag bereits wieder in den Farben des Regebenbogens. Schülerinnen und Schüler des nahen Max-Planck-Gymnasiums hatten das Schwarz-Rot-Gold übermalt.

„Der spontane Einsatz eines Lehrers sowie der Schülerinnen und Schüler des Max-Planck-Gymnasiums zeigt, dass Einschüchterungsversuche wie dieser hier keinen Platz haben“, erklärte Oberbürgermeisterin Broistedt. Auch die beschmierte Gedenktafel an die Bücherverbrennung werde zügig wieder gereinigt. Broistedt kündigte an, dass die Stadt Anzeige gegen Unbekannt erstatten werde.

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