Übergewinnsteuer: Gnadenlose soziale Unwucht

F ast jeden Tag kommt der Ruf nach einer neuen sozialen Härte aus den Reihen der Regierungsfraktionen oder von Wirtschaftslobbyist:innen: weitere Zumutungen im Krankheits- oder Pflegefall, weniger Mittel für Eltern, Streichung beim Wohngeld. Die Bundesregierung schreckt unter der irreführenden Formulierung „Sozialreformen“ vor keiner Kürzung zurück.

Gleichzeitig unternimmt sie nichts zur Unterstützung der vielen Millionen Haushalte, die jetzt schon nicht mehr wissen, wie sie steigende Preise, Abgaben und Mieten bewältigen sollen. Das Einzige, was Union und SPD nicht antasten: hohe Vermögen und krisenbedingte Megaprofite. Die soziale Unwucht der schwarz-roten Regierung ist gnadenlos.

Aktuelles Beispiel: die Übergewinnsteuer. Ölkonzerne fahren infolge des Irankriegs enorme Krisengewinne ein. Im Windschatten der gestiegenen Preise legen sie nochmal eine Schippe drauf und nutzen die Krise, um sich über das gewöhnliche Maß hinaus zu bereichern. Jüngsten Zahlen einer Studie von Greenpeace zufolge haben die Ölkonzerne im März, April und Mai allein in Deutschland zusätzliche Krisenprofite in Höhe von 2,4 Milliarden Euro gemacht, davon 702 Millionen Euro im Mai, dem ersten Monat des Tankrabatts. Für den zweimonatigen Tankrabatt macht der Staat 1,6 Milliarden Euro locker – während er die 1 Milliarde Euro für die Bafög-Reform infrage stellt.

=”” span=””>

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.

taz debatte

=”” div=””>

Die enormen Profite der Ölkonzerne waren vorhersehbar. Zu Recht fordern Sozialdemokrat:innen, Grüne und Linkspartei seit Monaten die Einführung einer Übergewinnsteuer, um die Krisenrendite abzuschöpfen – und damit nebenbei auch die Preise im Zaum zu halten. Doch ausgerechnet SPD-Finanzminister Lars Klingbeil hat die Diskussion darüber eingedämmt, indem er sie auf die europäische Ebene gehoben hat.

Dort wolle er dafür „kämpfen“, kündigte er an. Aber außer einer Erwähnung der Übergewinnsteuer bei einer Eurogruppen-Sitzung kann sein Ministerium keine Initiative dafür nennen. Hat der SPD-Vorsitzende überhaupt vor, qua Übergewinnsteuer Geld für Maßnahmen zu beschaffen, mit denen Bür­ge­r:in­nen entlastet werden können? Offenbar nicht. Er hat wohl nur so getan und das für einen genialen Zug gehalten, um den Druck von den eigenen Ge­nos­s:in­nen abzuleiten, ohne Ärger mit der Union zu bekommen.

Will die SPD nicht bald bundesweit unter 10 Prozent rutschen und in Sachsen-Anhalt möglicherweise sogar aus dem Landtag fliegen, muss sie ihre Politik schleunigst ändern. Sie muss zum Bollwerk gegen die Sozialkürzungspläne der Union werden. Geld für eine bessere Sozialpolitik wäre genug da, der Staat muss es sich nur bei Kri­sen­ge­winn­le­r:in­nen und Superreichen holen.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Parlamentswahl in Marokko: Fußballmanager könnte der nächste Premier werden
    • September 24, 2026

    Die wirtschaftsliberale PAM geht als Sieger aus den Parlamentswahlen in Marokko hervor. Die Wahlbeteiligung war historisch niedrig. mehr…

    Weiterlesen
    Zylinder oder kein Zylinder: Die richtige Tracht am richtigen Ort
    • September 24, 2026

    Beim berühmtesten deutschen Erntedankfest – dem Oktoberfest – laufen inzwischen viele in Landmode herum. Anders in Castell. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Parlamentswahl in Marokko: Fußballmanager könnte der nächste Premier werden

    • 8 views
    Parlamentswahl in Marokko: Fußballmanager könnte der nächste Premier werden

    Zylinder oder kein Zylinder: Die richtige Tracht am richtigen Ort

    • 9 views
    Zylinder oder kein Zylinder: Die richtige Tracht am richtigen Ort

    Aufregung in Irland vor Duell mit Israel: Unerwünschter Gegner

    • 8 views
    Aufregung in Irland vor Duell mit Israel: Unerwünschter Gegner

    Immer weniger Streuobstwiesen: Das Paradies macht Arbeit

    • 8 views
    Immer weniger Streuobstwiesen: Das Paradies macht Arbeit

    Sensationsfund in Maastrichter Kirche: Der Musketier vor dem Altar

    • 9 views
    Sensationsfund in Maastrichter Kirche: Der Musketier vor dem Altar

    Comedy-Serie „Brothers“ bei Apple TV: Sich halb feiern und sich halb aufs Korn nehmen

    • 8 views
    Comedy-Serie „Brothers“ bei Apple TV: Sich halb feiern und sich halb aufs Korn nehmen