
Wie oft schon ist die Macht dieses Spiels beschworen worden. Und manche sind dieser Tage schon aus Routinegründen versucht, es wieder zu tun. Wenn am Donnerstag in Mexiko-Stadt im Aztekenstadion das WM-Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika um 13 Uhr angepfiffen wird, so lautet die wohlbekannte Prognose, setzt wie immer die kollektive Amnesie ein.
Kaum bewegt sich der Ball auf dieser großen Bühne, treten all die Probleme, die vorher alle im Kontext der WM bewegt haben, in den Hintergrund. Trump, Rassismus, Menschenrechte, Einwanderungspolitik, Irankrieg, Klimakrise, Unkosten, Ticketpreise …
Doch diese Gewissheit trägt nicht mehr. In den vergangenen Tagen und Wochen beginnt sich nämlich Grundlegendes zu verändern. An der Integrität des Spiels selbst wird gekratzt. Allzu sehr hat sich die Fifa zum willfährigen Diener seines Hauptgastgebers USA gemacht. Die leichten, feinen Risse sind eigentlich kaum zu übersehen, auch wenn viele genau dies mit aller Kraft versuchen.
Die Schweiz fliegt kurzfristig ohne Breel Embolo ab, hieß es vor gut acht Tagen. Kurzfristig sei dessen elektronische Einreiseerlaubnis (Esta) für ungültig erklärt worden. Grund dafür war offenbar ein kürzlich abgeschlossener Rechtsstreit, dessen Ursprung über sieben Jahre zurückliegt.
Ein Problem war das letztlich dann doch nicht. Embolo durfte ein paar Tage später nachkommen. Doch in der entscheidenden Vorbereitungsphase mussten die Schweizer aufgrund der restriktiven Kontrollen ohne ihren Stammstürmer trainieren, ohne ihn ihr letztes Testspiel bestreiten.
Man stelle sich nur die Aufregung vor, die DFB-Elf hätte die vergangenen Tage wegen der US-Behörden auf Kai Havertz verzichten müssen. Vermutlich wäre die Größe des Wettbewerbsnachteils rauf- und runterdiskutiert worden. Die Schweizer Funktionäre blieben handzahm. Protestbekundungen wurden weder bei der in der Schweiz beheimateten Fifa noch bei den US-Behörden hinterlegt.
Schikanen auch im Turnier
Um wie viel strapaziöser diese WM für die iranische Nationalmannschaft im Vergleich zu ihren Konkurrenten ausfallen wird, darüber wird ebenfalls erstaunlich wenig gesprochen. Das WM-Quartier musste das Team kurzerhand nach Mexiko verlegen, weil sie bei ihrem Kriegsgegner und WM-Gastgeber USA nicht erwünscht waren.
Allein das ist ein einmaliger Vorgang. Zwei geplante Testspiele mussten wegen dieses Umzugs bereits abgesagt werden. Doch die Schikanen, die unmittelbaren Einfluss auf den Wettbewerb haben, ragen auch ins Turnier hinein. Zu ihren zwei WM-Spielen im zumindest grenznahen Los Angeles müssen die Iraner nun eine etwas längere Anfahrt hinnehmen.
Kompliziert wird insbesondere das dritte Gruppenspiel in Seattle, im Norden der USA, weil nach den Regeln des Gastgebers dem iranischen Team nach Abpfiff nur zwei Stunden Zeit bleiben, das Land zu verlassen. All diese schwierigen Rahmenbedingungen haben im Hochleistungssport unbestreitbaren Einfluss auf die Ergebnisse. US-Präsident Trump hat ohnehin vor einigen Wochen den iranischen Spielern geraten, aus Sicherheitsgründen besser erst gar nicht anzutreten.
Fehlende Unterstützung
Etwas schwieriger zu bemessen ist der sportliche Nachteil, den Länder wie Iran, Haiti, Senegal oder die Elfenbeinküste haben, weil ihre heimischen Fans nicht in die USA einreisen dürfen und sie die einzigen WM-Teilnehmer sind, denen es an solcher Unterstützung von den Rängen fehlt.
Schulterzuckend hat die Fifa hingenommen, dass Schiedsrichter Omar Artan nicht einreisen durfte
Schulterzuckend hat die Fifa Anfang dieser Woche hingenommen, dass der Somalier Omar Artan, Afrikas Schiedsrichter des Jahres 2025, von den US-Behörden nach elf Stunden Verhör wieder heimgeschickt wurde. Mit ihrer Allmacht hat die Fifa bei vergangenen Turnieren spielend leicht die Steuergesetze eines jeden WM-Gastgebers außer Kraft gesetzt, um die eigene Wirtschaftskraft zu stärken. Rekordgewinne visiert der Weltverband auch bei diesem Turnier an, er macht jetzt nur noch seine Spielwiese für autoritäre Staaten attraktiver. Wenn die Trump-Regierung nun mal keine Somalier mag, verzichtet man eben auf Qualität und Diversität im Schiedsrichteraufgebot.
Der irakische Nationalspieler Aymen Hussein, der sein Team im entscheidenden Playoff-Spiel gegen Bolivien zur WM schoss, wurde nach sieben Stunden Verhör immerhin doch ins Land gelassen. Ob sich die Fifa im Zweifelsfall für den 30-jährigen Stürmer eingesetzt hätte, dessen kann sich keiner mehr sicher sein. Noch nie hat die politische Lage so unmittelbaren Einfluss auf das Spiel selbst genommen. Dazu wird laut geschwiegen.
All das ist möglich, weil es um Irak, Iran, Somalia und die Schweiz geht. Auf den Tippzetteln, wer denn am 19. Juli Weltmeister wird, spielen diese Teams keine Rolle. Aber dieser mantrahaft beschworene Satz stimmt nicht mehr. Die Verwerfungen vor einem Turnier verschwinden nicht mehr mit dem Anpfiff. Sie werden dieses Mal auf dem Rasen zu sehen sein.







