Influencerin Tülin Sezgin: „Conny from the Block“ schreibt über ihre eigene Geschichte

Sie saß in einem Berliner Amt, bearbeitete Vorgänge, kannte Dienstwege und Zuständigkeiten. Große Bekanntheit erlangte sie später als „Conny from the Block“. In ihren Videos beschäftigt sie sich mit dem Behördenalltag und den Eigenheiten des „typisch Deutschseins“. Der Erfolg ihrer Beiträge beruht dabei auf einer Perspektive, die nur wenige Influencer mitbringen: Tülin Sezgin beobachtet diese Welt nicht von außen. Sie kennt ihre Sprache, ihre Routinen und ihre unausgesprochenen Regeln aus eigener Erfahrung.

Geboren 1988 in Berlin-Neukölln als Tochter türkischer Einwanderer, führt Sezgins Berufsweg zunächst nicht auf die Bühne. Nach einem Studium im Hotelmanagement arbeitet sie in der Luftfahrtbranche, bevor sie in die Berliner Verwaltung wechselt. Als Beamtin erlebt sie den Behördenalltag aus nächster Nähe – ein Erfahrungsfundus, aus dem später ihre bekanntesten Figuren entstehen.

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Über meine Zerrissenheit zu schreiben, hat mich unerwartet stark zerrissen.

Tülin Sezgin, Autorin

Vielleicht erklärt genau das ihren Erfolg. Als „Amtsfluencerin“ erreicht Sezgin auf Social Media ein Millionenpublikum. Ihre Figuren sind keine überzeichneten Karikaturen, sondern Typen, die vielen vertraut vorkommen. Da ist etwa die regelversessene Petra, die jeden Antrag kennt und keine Ausnahme gelten lässt. Oder Gegen-alles-Gisela, die zu jedem Thema eine Meinung hat und selten eine positive. Sezgin spielt diese Rollen mit einem Gespür für Sprache, Gestik und Milieu.

Man gehört nicht fraglos dazu

Mit ihrem ersten autobiografischen Buch „Almancı-Mädchen: Wie ich mir Deutschsein beigebracht habe“ richtet sie diesen Blick nun auf ihre eigene Geschichte. Dass ihr das Schreiben näher ging, als viele ihrer humorvollen Auftritte vermuten lassen, beschreibt sie selbst auf Instagram so: „Über meine Zerrissenheit zu schreiben, hat mich unerwartet stark zerrissen. Ich habe mein Herz in dieses Buch gegossen und freue mich so sehr, wenn Deutschland es liest.“

Es ist ein Zustand, den viele Kinder von Einwanderern kennen. Man wächst in einem Land auf, spricht seine Sprache, kennt seine Codes, seine Fernsehshows, seine Schulhöfe und seine Bürokratie. Und doch reicht all das oft nicht aus, um fraglos dazuzugehören. Irgendwo taucht immer die Nachfrage auf: Wo kommst du eigentlich her?

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Sezgin spricht ohne Bitterkeit über Identität

Sezgin begegnet solchen Fragen nicht mit Bitterkeit. Das unterscheidet sie von vielen Stimmen, die über Identität sprechen. Sie registriert Widersprüche, sammelt Merkwürdigkeiten und macht aus ihnen Geschichten. Was bei anderen zur Anklage gerät, wird bei ihr zur Pointe. Nicht, weil die Erfahrungen harmlos wären, sondern weil Humor manchmal mehr über eine Gesellschaft verrät als Empörung.

Tülin Sezgin erzählt von einer Erfahrung, die sie seit ihrer Kindheit begleitet. „Almancı“ nennt man in der Türkei die Deutschtürken. In Deutschland wird sie häufig als Türkin wahrgenommen, in der Türkei als Deutsche. Aus dieser doppelten Zuschreibung macht Sezgin keine politische Abhandlung, sondern eine persönliche Erzählung über Familie, Herkunft und Zugehörigkeit.

Mit Almancı-Mädchen wechselt Tülin Sezgin die Rolle. Die Beobachterin des deutschen Alltags erzählt nun ihre eigene Geschichte – und macht sichtbar, wie eng ihre Komik und ihre Biografie miteinander verbunden sind.

  • informationsspiegel

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