Es ist kein einfaches Buch, das die deutschkurdische Journalistin Düzen Tekkal und ihre vier Schwestern geschrieben haben. Aus mehreren Gründen: „Wut und Wärme“ wirft, jenseits der familiären Geschichte der fünf Schwestern, einen teils schonungslosen Blick auf das Aufwachsen unter ärmeren Verhältnissen in einem migrantischen Umfeld in Deutschland. Und auf die Arbeit als Menschenrechtsaktivistinnen.
„Wut und Wärme“ richtet den Scheinwerfer auf die kleinen Heucheleien – in der Politik, in den Medien –, auf die unsichtbare, strukturelle Mikrogewalt, auf Vorurteile und Rassismus. Auf eine Überforderung von Institutionen und Gesellschaft, die man überwunden geglaubt hätte. Es sind teils unbequeme Wahrheiten. Doch nicht der Polemik zuliebe werden sie hier formuliert.
„Eigentlich ist es eine Liebeserklärung an Deutschland“, sagt Tekkal im Gespräch mit der taz. Das bedeute indes nicht, dass man das Land verschone. „Es geht darum, den Spiegel hinzuhalten. Weil es sich lohnt, für dieses Land einzustehen.“
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Düzen, Tezcan, Tuğba, Tülin und Tuna Tekkal: „Wut und Wärme. Wie wir mit Schwesternschaft Deutschland verändern“. Brandstätter Verlag, Wien/München 2026, 200 Seiten, 25 Euro
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Ambitioniertes Buch
Es ist ein ambitioniertes Buch. Düzen Tekkal und ihre Schwestern Tezcan, Tuğba, Tülin und Tuna erzählen anhand ihrer eigenen Geschichte, wie ein Miteinander verschiedener Menschen mit unterschiedlichen Neigungen und Bedürfnissen gelingen kann. Dafür nennen sie zehn wichtige Punkte, unter ihnen Wut, Mut, Rebellion, Fürsorge. Man könnte es als Manifest betrachten, als schrille Anleitung für die Landesführung – hier lacht Tekkal – oder als Rezept für ein inklusives gesellschaftliches Modell.
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Sie wollten ihre Erfahrungen der letzten zehn Jahre zusammenfassen und sagen, was ihnen wichtig ist: Geschichten erzählen – von Migrantinnen aus religiösen Minderheiten, die in der deutschen Literatur unterrepräsentiert sind. „Wir sind nicht aufgewachsen wie Nina und Melanie“, erklärt Düzen Tekkal.
Sie ist in Hannover geboren und mit zehn Geschwistern in einer Vierzimmerwohnung aufgewachsen. Ihre kurdischen Eltern kamen in den 1970er Jahren aus dem Südosten der Türkei nach Deutschland, die Mutter kann bis heute weder lesen noch schreiben. „Eigentlich sind wir so laut, weil unsere Eltern so leise sein mussten“, sagt die Journalistin.
HÁWAR.help wurde von den Schwestern gegründet
Die Familie gehört dem Jesidentum an, einer Religion, die erst seit dem Überfall der Terrorgruppe IS auf Sindschar im jesidischen Siedlungsgebiet im Nordirak im Jahr 2014 dem breiten Publikum bekannt ist. Sie selbst hat damals als Journalistin dazu recherchiert und darauf mit ihren Schwestern einen Verein gegründet, HÁWAR.help.
Er kümmert sich um die Opfer religiös-extremistischer Gewalt, etwa um vom IS entführte Jesidinnen. Auch darüber sprechen die Tekkal-Schwestern im Buch. Über Frauenhäuser im Irak, Besuche im berüchtigten Al-Hol-Flüchtlingslager in Syrien, in dessen staubigen Gassen sie noch versklavte Jesidinnen vermuten, die noch heute zu viel Angst hätten, als dass sie sich von ihren Peinigern befreien könnten. Mehr als 2.000 Frauen werden noch vermisst.
Tekkal spricht darüber und über die Frage, wie schwierig die Arbeit des Vereins geworden sei. Es sei keine einfache Zeit: NGOs würden dämonisiert, Projekte eingestellt, sagt sie. HÁWAR.help ist auch an deutschen Schulen gegen Extremismus aktiv. „Wir wollen weniger Schulterklopfen und mehr Projektzusagen“, sagt Tekkal, denn der Verein, der etliche Auszeichnungen erhalten hat, musste jüngst die Zahl der Mitarbeiter*innen von 70 auf 55 reduzieren und eine gemietete Etage aufgeben.
Rechtsruck in der Politik
Schuld daran sei zum einen global Gegenwind, der sich gegen humanitäre Hilfe richte, aber auch ein gewisser Rechtsruck in der deutschen Politik. Tekkal nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie beklagt, humanitäre Visa aus Iran zu organisieren, sei heute unmöglich geworden, während die Bundesregierung Jesiden ins Genozidgebiet zurückschicke, eine „Täter-Opfer-Umkehr“, wie sie sagt.
Das Innenministerium verhandelt über Rückführungen von Afghanen mit den repressiven Taliban – die übrigens inzwischen für das afghanische Generalkonsulat in Bonn Praktikant*innen suchen, was in Deutschland lebende Afghan*innen beunruhigt. Bundeskanzler Friedrich Merz empfängt Syriens neuen Präsidenten Ahmed al-Scharaa, während eine deutsche Journalistin aus unklaren Gründen in Aleppo im Gefängnis sitzt.
Minderheiten seien wie die Kanarienvögel in der Kohlemine, schreiben die Tekkal-Schwestern. Sie spürten die Gefahren in der Gesellschaft als Erste
Auf die Frage, ob es etwas gebe, das sie am Bundeskanzler gut finde, muss Tekkal schmunzeln. „Geile Frage.“ Sie sei dankbar dafür, in einem Land zu leben, in dem sie Merz scharf kritisieren und trotzdem Teil der Regierungskonferenz sein könne, wenn al-Scharaa komme: „Das ist der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur.“ Dennoch empfinde sie die aktuelle Regierung als „sehr kalt gegenüber zivilgesellschaftlichen Akteur*innen“.
Minderheiten spüren Gefahren als Erste
Minderheiten seien wie die Kanarienvögel in der Kohlemine, schreiben die Autorinnen im Buch. Sie spürten die Gefahren in der Gesellschaft als Erste. Die Tekkal-Schwestern, die sich nicht nur für Menschenrechte engagieren, sondern auch in der Sport- und Musikbranche unterwegs sind, müssen Kritik und sogar Morddrohungen wegstecken.
Meist kämen diese von Extremist*innen, Rassist*innen, Islamist*innen, sagt Tekkal. Inzwischen bringe sie alle zur Anzeige: weil sie ein Zeichen setzen will, dass das „kein Berufsrisiko ist, das wir uns gefallen lassen müssen“. Auf die Frage, ob das was gebracht habe, antwortet sie, dass es leider viel zu wenig sei. Kritik bekommt die Autorin auch in zivilisierter Form, oft heißt es etwa, sie habe ein Problem mit dem Islam. Das sei ein Totschlagargument, sagt Tekkal. Sie differenziere sehr wohl zwischen Islam und Islamismus.
Es sind viele Themen, die „Wut und Wärme“ berührt. Mal aus nächster Nähe, mal aus einer gewissen Distanz. Das Buch, das Tekkal und ihre Schwestern geschrieben haben, ist manchmal wie eine Reise ins Ungewisse. Manchmal ist beim Lesen unklar, wohin sie damit steuern wollen. Soll das ein Aufruf, ein Manifest sein, eine familiäre Geschichte der Migration oder eine Chronik des Massakers an den Jesid*innen, Lagebericht und Investigation zugleich? Vielleicht ist es alles zusammen, und vielleicht ist das am Ende auch nicht so wichtig.
Manchmal vereinfachte Version der Realität
Der oder die Leser*in mag sich teilweise zwischen Vergangenheit und Gegenwart verlieren, zwischen den Erinnerungen an die Küche in Hannover-Linden, aus der der Duft von Makkaroni mit Tomatensoße strömt, und an die Gruppe von Kindern, die über den Zaun des Freibads klettern; zwischen den Klagen über das Leid aus den Zelten in türkischen Flüchtlingslagern, die Situation im syrischen Flüchtlingslager al-Hol und die politisch-gesellschaftlichen Lage Deutschlands. So können Fragen unbeantwortet bleiben, und es besteht das Risiko, eine vereinfachte Version der Realität zu vermitteln.
Ausführlich wird die Rolle der verschiedenen Schwestern in Familie und Verein beschrieben, fast mit ein wenig zu viel Selbstlob kommen einem einige Passagen vor. Das sei aber angesichts der wichtigen Arbeit, die die Tekkal-Schwestern im Bereich der Menschenrechte leisten, gestattet.
Indes gibt es im Buch mehrere Aha-Momente, die Resonanz beim Lesen hervorrufen: wenn etwa „Übergriffigkeit, als Fürsorge getarnt“, beschrieben wird, die in familiären Umfeldern entsteht, wenn ungefragt Ratschläge erteilt werden, wenn vom Mut die Rede ist, der aus der Wut wächst, vom Diskurs über „gute Migranten, schlechte Migranten“ oder vom Hass, der aus Einsamkeit entstehen kann.
Die Leser*innen werden vermutlich mal nicken und mal seufzen. Was bleibt, ist ein Ausblick wie aus einem Fenster auf eine stark befahrene Straße, auf eine Welt, die vielen Deutschen sicherlich fremd ist.






