Siedlergewalt im Westjordanland: Sie nennen sie Verräter

Als Roi Kleitman vor zweieinhalb Jahren von maskierten Reservisten in Hebron im Westjordanland angegriffen wurde, dachte er, er würde sterben. Die Männer warfen ihn zu Boden und hielten ihm eine geladene Pistole an den Kopf. Sie schlugen ihn und traten auf ihn ein. So erzählt er es. Daraufhin verließ er für ein halbes Jahr das Land. Dann – kam er zurück, und ging wieder ins Westjordanland, um Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen zu begleiten. Damals habe er Angst gehabt, dann aber seinen Frieden damit geschlossen.

Immer wieder landen Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen und ausländische Frie­dens­ak­ti­vis­t*in­nen in den Schlagzeilen. Weniger mediale Beachtung finden Israelis, die Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen begleiten und sich im Westjordanland der Gewalt entgegenstellen, die von ihren eigenen Landsleuten ausgeht. Und die sie mitunter genauso hart trifft wie die Araber*innen. Einer dieser Israelis ist Kleitman.

Heute ist Kleitman aktiv bei der Organisation „Smol Emuni“ und Leiter einer politisch-religiösen Schule. Die Aktiven bei Smol Emuni, auf Deutsch „Gläubige Linke“, eskortieren Hir­t*in­nen beim Weiden der Tiere, übernachten bei bedrohten Familien und helfen ihnen bei der Ernte, etwa in Gebieten, die Sied­le­r*in­nen für sich beanspruchen. Sie organisieren einen Wanderzirkus für Kinder, Hebräisch-Unterricht für Erwachsene, verbreiten Informationen über die Situation im Westjordanland.

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Im besten Fall ist die Tätigkeit der Ak­ti­vis­t*in­nen unspektakulär, und ihr Einsatzort idyllisch. Sie begleiten die Hir­t*in­nen auf Schotterwegen durch die karge Hügellandschaft, an Olivenbäumen vorbei, während die Zikaden zirpen. Sie sitzen in Zelten und Wohnhäusern, trinken süßen Schwarztee mit Minze, plaudern mit den Familien, spielen mit den Kindern. Sie ernten Oliven in der Herbstsonne.

Im Ernstfall gehen sie dazwischen

Doch wenn es hart auf hart kommt, wenn der Ernstfall eintritt und die Siedler kommen, um die Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen zu vertreiben, wenn sie mal drohen, mal zuschlagen, dann stellen die Ak­ti­vis­t*in­nen sich zwischen die israelischen Sied­le­r*in­nen und die Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen oder dokumentieren mit Smartphones und Kameras die Gewalt.

„Mittlerweile gehe ich einen Schritt zurück, wenn ich extreme Gewalt sehe“, sagt Kleitman. Er sei traumatisiert, sagt er, wolle nicht noch einmal in eine Situation wie vor zwei Jahren geraten. Der 32-Jährige spricht im Videoanruf aus seiner Wohnung in Jerusalem mit der taz. Er trägt eine Wollmütze auf den zerzausten Haaren und eine randlose Brille.

Als orthodoxer Aktivist hat Kleitman eigentlich einiges mit den Siedlern im Westjordanland gemeinsam: die religiös-nationalistische Schule beispielsweise, die er abgeschlossen hat. Sechs Jahre lang hat er in einer Siedlung gelebt. Manche radikalen Siedler in den Außenposten kennt er noch aus seiner Schule.

Jetzt stehen sich die ehemaligen Kommilitonen oft gegenüber – nur auf unterschiedlichen Seiten der Barrikaden. Kleitman sagt, es verwirre die Siedler, ihn dort zu sehen. Mit vielen von ihnen sei er groß geworden. Manche blickten auf ihn als „Verräter“, einige hassten ihn, sagt er. Andere könnten ihn nicht hassen, dafür würden sie sich zu gut kennen. Einige hätten Außenposten gegründet, illegal selbst unter israelischem Recht.

„Geh doch nach Gaza“

Er, so sagt er, hasse sie nicht. Obwohl sich ihre Missionen so unterscheiden. Die radikal ideologischen Sied­le­r*in­nen wollen das Westjordanland endgültig erobern und die Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen verdrängen. Er und andere Ak­ti­vis­t*in­nen wollen, dass die Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen auf ihrem Land in Ruhe leben können. Religiöser Aktivist wie er zu sein, sei wie ein zweischneidiges Schwert, sagt Kleitman: Einerseits hörten die Sied­le­r*in­nen ihm eher zu, andererseits hassten sie ihn noch mehr, weil er ihnen näher stehe.

Ähnliche Erfahrungen macht Abigail Szor, 26 Jahre alt, Soziologie-Studentin aus Tel Aviv. Szor gehört nicht wie Kleitman der religiösen Linken an, sondern dem Verein „Combatants for Peace“, gegründet von israelischen Veteranen und palästinensischen Ex-Kämpfern. Sie trägt einen roten Sweater und hat die lockigen Haare zu einem Zopf zusammengebunden. „Wenn sie merken, dass wir Israelis sind, sagen sie: ‚Du bist eine Verräterin‘ oder ‚Geh doch nach Gaza‘“, erzählt sie.

Als Frau sei sie besonders vulgären, sexuell übergriffigen Beschimpfungen ausgesetzt. Vergewaltigungsdrohungen sogar. „Gewalt wird zu sexueller Gewalt.“

Szor ist vor allem in der südlichen Region Masafer Yatta aktiv. Sie sagt, die Gewalt der Siedler nehme von Tag zu Tag zu. Vor einem halben Jahr seien zwei Aktivisten attackiert worden, einer wurde am Kopf verletzt, dem anderen wurde die Hand gebrochen.

„Das geschah angeblich in meinem Namen“

Menschen wie Kleitman und Szor sind gerade eine Minderheit in der israelischen Gesellschaft. Weniger als ein Drittel der israelischen Bevölkerung unterstützt laut jüngsten Umfragen eine Zweistaatenlösung. Wie kommen Menschen, die teils in sehr konservativen Umfeldern aufgewachsen sind, dazu, sich für die Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen einzusetzen?

Szor begann zu grübeln, als sie mit 18 Jahren den obligatorischen Militärdienst begann. Später arbeitete sie für den sozialen Dienst in einer bilingualen Schule in Jerusalem. Dort begann sie, Risse in ihrem eigenen Narrativ zu erkennen, begann, die Anderen zu sehen. Sie ging zu Demonstrationen, sie fuhr ins Westjordanland. Sah mit ihren eigenen Augen eingeebnete Häuser, sah die Verzweiflung in den Augen der Familien, die einst dort lebten. „Das geschah angeblich in meinem Namen, für meine Sicherheit, aber so ist es nicht.“

Kleitman wiederum interessierte sich zunächst für Sozialismus, gesellschaftliche Ungleichheit, lernte die Lehre eines Rabbiners kennen, der sich für Frieden zwischen Sied­le­r*in­nen und Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen einsetzte, dann lernte er selbst Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen kennen. Ende 2022 kam die rechteste Regierung an die Macht, die Israel je hatte. Alles wurde politischer – er auch. Und doch sagt er: „Ich will nicht den Anschluss zur israelischen Kultur verlieren. Es ist mein Zuhause, meine Familie. Es ist ein Teil von mir.“

Seit dem 7. Oktober hat sich die Lage noch weiter zugespitzt. Nicht nur mit den Siedlern, sondern auch im Umgang mit israelischen Streitkräften. Laut Kleitman nehmen inzwischen mehr Sol­da­t*in­nen eine aktive Rolle bei Siedlerangriffen ein – auf der Seite der Siedler. Und viele Siedler seien inzwischen Soldaten. Mit dem Krieg sind Reservisten aus den Siedlungen einberufen worden.

Viele Sol­da­t*in­nen kommen direkt aus den Siedlungen

Das israelische Militär schreibt auf Nachfrage, seine Sol­da­t*in­nen im Westjordanland arbeiteten für den Schutz der gesamten Bevölkerung und seien gehalten, auch Gewalt durch Israelis, etwa gegen Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen und deren Besitz, zu unterbinden. In solchen Fällen sei jedoch die israelische Polizei die erste Anlaufstelle. Sollten sich die Streitkräfte nicht wie vom Militär erwartet verhalten, untersuche dieses die Vorfälle und verhänge gegebenenfalls Strafen.

Doron Meinert, ehemaliger Oberst beim israelischen Militär, nickt, wenn man mit ihm über Gewalt durch israelische Streitkräfte im Westjordanland spricht. „Die meisten Streitkräfte sind auf der Seite der Siedler. Meistens nehmen sie nicht an der Gewalt teil, aber sie stoppen sie auch nicht“, sagt er. Meinert spricht per Videoanruf von seiner Wohnung in Petah Tikva aus mit der taz. Er bestätigt, in den sogenannten Hagmar-Bataillonen kämen viele Sol­da­t*in­nen direkt aus den Siedlungen.

„Die Armee hat sich verändert“, sagt der 65-jährige Veteran. Früher habe er gegen gewalttätige Palästinenser genauso wie gegen „Itamar Ben-Gvir und seine Freunde“ gekämpft. Ben-Gvir, jetzt Sicherheitsminister und Polizeichef, ist in seinem Leben Dutzende Male für seine Tätigkeiten im rechtsextremen Milieu angeklagt und mehrmals verurteilt worden.

Meistens sei Meinert in den Golanhöhen in Dienst gewesen, immer mal wieder aber auch im Westjordanland. Seit fünf Jahren ist er zurück, um Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen zu beschützen. Wieso? Er wollte gegen diese Schieflage kämpfen, weil die meisten Probleme des Landes aus der Beziehung zwischen Israel und Palästina stammen, weil „dies nicht die Armee ist, die unser Land haben sollte“.

Verrat, sagen die einen, Frieden, die anderen

Parteiische Soldat*innen, radikale Siedler und in seltenen Fällen sogar Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen sind für israelische Ak­ti­vis­t*in­nen die größten Risiken, sagt Kleitman. Einmal sei er in Bethlehem von Palästinensern angegriffen worden, weil man ihn für einen Siedler hielt – bis weitere Palästinenser einschritten und sich die Lage beruhigte.

Das, was die Frie­dens­ak­ti­vis­t*in­nen tun, ist nicht per se verboten, solange sie sich von den sogenannten A-Gebieten fernhalten, das sind meist die palästinensischen Großstädte. Israelis brauchen eine Sondererlaubnis für die A-Gebiete, das bestätigt Anwältin Reut Shaer vom Verein The Association for Civil Rights in Israel. Pflicht sei indes, den Befehlen von Streitkräften nachzukommen – etwa, wenn sie ein Gebiet als „geschlossenes militärisches Gebiet“ deklarieren. Dafür brauchen die Sol­da­t*in­nen allerdings einen triftigen Sicherheitsgrund. „Und das wird in der Praxis mitunter missbraucht“, so Shaer.

Kleitman, Szor und Meinert sind nur drei von Tausenden Aktivist*innen, die jeden Tag vor Ort Risiken eingehen für das, woran sie glauben. Verrat, nennen das ihre Kritiker*innen. Sie nennen es: Frieden.

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