Fußball-WM 2026, alle Spiele: Gestutzte Vögel und gefallene Geheimfavoriten

104 Spiele werden bei dieser WM der Superlative gespielt. Jedes hat seinen besonderen Moment. Auf dem Feld, in der Kneipe beim Public Viewing oder zu Hause beim Checken der Ergebnisse nach dem Aufstehen. Das WM-Team der taz sammelt sie ein.

Ägypten – Neuseeland 3:1 (0:1)

Die Pharaonen gegen die Kiwis also. Mumifizierte Könige gegen komische Vögel. Was wären die Ticker der Sporportale nur ohne die Spitznamen der Teams. Ein Pharao aus dem Team wird in der modernen Fußballsprache gerne mal Vintage-Stürmer genannt. Jener Mo Salah, der schon als sehr junger Mann so alt ausgesehen hat, wie er heute ist (34), bereitete den Ausgleich zum 1:1 für Ägypten vor und schoss das 2:1 höchstselbst. Er ist mit drei Toren nun der WM-Rekordschütze der Ägypter. Ach, was wäre so eine WM nur ohne Rekorde! (arue)

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Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

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Uruguay – Kap Verde 2:2 (2:1)

Auch vor seinem zweiten Spiel war Uruguay gewarnt: Die Mannschaft aus Kap Verde hatte dem WM-Favoriten Spanien zum Auftakt ein 0:0 abgerungen. Dass aber das Team von der Inselgruppe vor der Nordwestküste Afrikas in der 21. Minute in Führung ging, überraschte dann doch: Kevin Pina setzte einen direkten Freistoß durch die löchrige Mauer ins Tor. Es dauerte bis zur 44. Minute, bis die Uruguayer die 5-4-1-Formation der Kapverdier knackten. Maxi Araujo markierte den Ausgleich, und in der 5. Minute der Nachspielzeit drehte Agustin Canobbio mit dem 2:1 noch vor der Pause das Spiel. Pfiff. Halbzeit im Hard Rock Stadium in Miami.

Wiederanpfiff. Uruguay setzte nach, wollte den dritten Treffer und die Entscheidung, als in der 61. Minute plötzlich Uruguays Keeper Fernando Muslera 25 Meter vor seinem Kasten auftauchte, um vergeblich einen Fehlpass seines Mitspielers Mathias Olivera zu korrigieren. Diesen erwischte Helio Varela, der den Ball aus 18 Metern elegant zum Ausgleich ins leere Tor schlenzte.

Es begann ein spannendes Hin und Her mit Chancen auf beiden Seiten, bis der Schlusspfiff die nächste Überraschung dieser WM besiegelte. Und während die Kapverdier zum großen Jubeln schlicht zu platt waren, waren die Gesichter der Südamerikaner so lang wie der Río Uruguay. Bemerkenswert: Uruguays Trainer Marcelo Bielsa will kein Model sein. Beim offiziellen FIFA-Fotoshooting für die WM schaute der 70-Jährige demonstrativ nicht in die Kameralinse, sondern auf seine Fußspitzen. Darauf nach dem Auftakt-Unentschieden gegen Saudi-Arabien angesprochen, konterte er: „Ich bin kein Model.“ (jüvo)

Belgien – Iran 0:0 (0:0)

Moment des Spiels war gleich der Beginn vor dem Grossbildschirm im Restaurant meines Campingplatzes „Au Vieux Moulin“ im belgischen Sippenaeken nahe Aachen. Kaum drei Dutzend Menschen sind zusammengekommen. Früher waren hier immer überall Rote Teufel, groß und klein, jung und alt, eine karnevalistische Campingcommunity, locker 150 Leute.

Die beiden Halbzeiten füllten die Zeit zwischen Public Saufing und Disco-Gewummer vor und nach dem Spiel, auch in der Halbzeitpause: Fußball? Interessiert hier nur am Rande. Immerhin sind manche heute nur angetrunken.

Erstmals wurde die belgische Generation Geheimfavorit (weiter dabei de Bruyne, Meunier, Witsel, Tielemans, Courtois, Sturmkoloss Lukaku) vor dem Turnier nirgends als Geheimfavorit genannt. hilft bislang auch nicht. Gegen den Iran kontrolliert überlegen zwar, aber merkwürdig emotionsarm wie das stets zerknitterte Gesicht ihres Altstars Kevin de Bruyne.

Die vorne wie hinten massiv kopfballstarken und giftharten Regimebüttel des Iran hatten früh fast geführt, aber Arschbackenabseits. 2. Halbzeit: notbremsenrot für Belgiens Nathan Ngoy, danach wollte niemand mehr das Nulnull gefährden. 2 Stunden Ödnis. Beide sind mit zwei Punkten noch im Turnier, bereit für weitere mühsame Auftritte. (müll)

Spanien – Saudi-Arabien 4:0 (3:0)

Endlich. Natürlich schießt Lamine Yamal das erste Tor für Spanien bei dieser WM. Und danach ist das Spiel eigentlich auch schon entschieden. Oder wie der Kommentator richtig meint: „Spanien spielt, als wären sie bei einem Trainingsspiel gegen Stangen.“ Es zieht sich alles trotzdem noch etwa 80 Minuten. Die Spanier schießen zwei weitere Tore und die Saudis eins – ein Eigentor. Spanien erspart sich wohl die Blamage als Favorit schon in der Vorrunde auszuscheiden. Hätte auch 10:0 enden können. (rurelf)

Tunesien – Japan 0:4 (0:2)

Das 1.000. Spiel in der Geschichte von Fußball-Weltmeiserschaften – Tunesien gegen Japan – war sicherlich ein Feuerwerk der Emotionen, mit raffinierten Fouls, grandiosen Trinkpausen und pfiffigen Abseitsstellungen. Allein, in der ARD lief am Sonntagmorgen „Dahoam is Dahoam“, im ZDF „Wickie und die starken Männer“ und das Spiel nur in diesem zu boykottierenden Abofallenlivestream.

Eigentlich schade. Schließlich waren Teile des Boulevards ganz narrisch auf die Partie im mexikanischen Monterrey, weil sich die Ehrenpräsidentin des Ikebana-Verbands Ikebana International, die japanische Prinzessin Hisako von Takamado, als Besucherin angekündigt hatte. Für zusätzliche Vorfreude sorgte ein als profunde Quelle weltweiten Ballwissens geschätzter Kommentator im Freundeskreis, der schon mit Blick auf das vorangegangene Spiel Tunesien gegen Schweden geurteilt hatte: „Die Tunesier stellen sich richtig dämlich an.“ Und dass schon ein Unentschieden gegen die „laufstarken und disziplinierten“ Japaner eine Riesenüberraschung sei.

Die Überraschung fällt aus. Tunesien verliert gegen Japan mit 0:4 und ist damit ausgeschieden, das Ikebana-Prinzessinnen-Team dagegen eine Runde weiter. Dem verschriftlichten Liveticker des ZDF darf zwar entnommen werden, dass das 1.000 Spiel der WM-Geschichte zwischendrin mal mehr und dann wieder weniger ereignisreich war. Wir behaupten trotzdem ungesehen, dass es irre spannend gewesen sein könnte. (rru)

Ecuador – Curaçao 0:0 (0:0)

Ach guck! Nach einem Blick in die Fußball-App meines Vertrauens am frühen Morgen weiß ich, dass Deutschland nun als Gruppensieger schon vor dem letzten Spiel feststeht. Und das Spiel selbst? Keine Ahnung. Halb so schlimm, oder? Es war dies der erste Punkt für Curaçao in der WM-Geschichte. Schön. Aber auch irgendwie egal. Und jetzt erstmal ein Kaffee. (arue)

Deutschland – Elfenbeinküste 2:1 (0:1)

Erst erhebt der Kommentator seine Stimme, dann jubeln die Gäste vor der Bar, schließlich hupt ein Auto. Irgendwer zündet fünf Böller. Offenbar hat das deutsche Team nun doch noch ein Tor geschossen.

Ich mag Fußball sehr gerne. Deshalb schaue ich bei dieser WM kein einziges Spiel. Boykott, wegen der Ticketpreise, Werbepausen und dieses peinlichen Friedenspreises für den US-Präsidenten. Wie das Deutschlandspiel läuft, bekomme ich trotzdem mit. Die Bar zwei Ecken weiter hat ordentliche Lautsprecher und ein emotional involviertes Publikum.

Wenige Minuten nach Anpfiff gibts vermutlich die erste Chance, auf jeden Fall die ersten Schreie. „Ja! Nein! Oh mein Gott!“ Es ist sehr schwer, nicht den Stream zu öffnen und nach der Szene zu suchen. Kurz nach der Halbzeit: etwas Klatschen vor der Bar, zu wenig für ein Tor. Vielleicht hat der alte Neuer einen gehalten. Oder steht Baumann im Kasten?Zweimal keimt Jubel auf und stirbt plötzlich. Es läuft nicht so gut wie letzte Woche. Erzielt die Elfenbeinküste einen Überraschungserfolg? Doch dann jubelt das Publikum vor der Bar. Es ist fast Mitternacht, ein paar Männer skandieren: „Deutschland! Deutschland!“ Einer ruft: „Deniz Undav, hab ichs gesagt?“ Kurz danach kommt die Eilmeldung, Deutschland gewinnt gegen die Elfenbeinküste. (dmn)

Niederlande – Schweden 5:1 (2:0)

Was ein Spektakel! Und endlich Kandidaten für die nächste Lieblingsmannschaft bei dieser WM. 5:1 gewinnt die Niederlande gegen Schweden. Ein Doppelpack von Brian Brobbey noch vor der ersten Trinkunterbrechung, ein zweiter von Cody Gakpo gleich nach der Halbzeitpause, und nach dem zwischenzeitlichen Anschlusstreffer durch Anthony Elanga macht Crysencio Summerville den Schlussstand perfekt. Jeder einzelne Treffer absolut sehenswert, die Torhüter immer machtlos. Aber die bloße Aufzählung gibt den Spielverlauf kaum wieder. Denn der war viel bunter, viel spannender, unterhaltsamer und auch hochklassiger – die ganze Anlage offen mit viel Raum für ideenreiche Spielzüge, Flankenläufe, Doppel- und Dreifachpässe (und natürlich auch für Patzer).

20 Minuten dominierte die Elftal, dann wurde Schweden für den Rest der ersten Hälfte das stärkere Team, und auch in der zweiten ging es munter hin und her. Wobei es schon irgendwann so aussah, als könnten die Niederländer jederzeit wieder die Kontrolle übernehmen, wenn sie denn wollten. Trotzdem 20 Torschüsse der Blaugelben gegen 12 der Elftal, die aber einfach brutal effektiv war – und mit Bart Verbruggen einen an diesem Abend überragenden Torhüter hatten. Zurück zur Frage der Lieblingsmannschaft: Die Niederlande machte einfach Spaß, mit den feinfüßigen Veteranen Frenkie de Jong und Virgil van Dijk, auch mit Denzel Dumfries, der sich hinten manchmal Ärger einfing, dafür vorn mit Assists glänzte. Dazu die starken Torschützen.

Aber allein schon aus Empathiegründen kommen auch die Schweden in Frage, die ihren 5:1-Einstand im ersten Spiel gegen Tunesien egalisiert bekamen, und trotzdem bis zur letzten Minute voll – und immer fair – mit ablieferten. Hängen bleiben hier Yasin Alari und vor allem der flinke und verspielte Elanga. Sie alle möchte man gern weiter sehen. Und noch besteht die Chance, dass dieser Wunsch erfüllt wird. (bw)

Türkei – Paraguay 0:1 (0:1)

Wer Fußball verstehen will – und das gilt bei dieser WM – muss die Regeln drauf haben. Umso schwieger, dass die sich dauernd ändern. Gleich drei neue Regeln prägten das Spiel Türkei gegen Paraguay.

Regel 1: In der Türkei war Rudelgucken verboten. Kurz vor dem Spiel am führen Samstagmorgen mussten auf Anweisung von Innenminister Mustafa Çiftçi (AKP) landesweit alle geplanten Fußball-Übertragungen auf Großbildleinwänden abgesagt werden. So sollen Lärm und mögliche Verkehrsprobleme minimiert werden, um die Kandidaten für die landesweite Hochschulzugangsprüfung YKS (Yükseköğretim Kurumları Sınavı) nicht zu beeinträchtigen. Wahrscheinlich hatte die türkische Regierung so eine Vorahnung. Oder Angst vor ausuferndem Unmut. Oder beides.

Regel 2: Wer beim Fußball quatscht, darf sich nicht mehr die Hand vor den Mund halten – damit man die Lippen lesen kann. Sonst gibt es Rot! Grund für die neue Regel ist die Verhinderung von Rassismus unter Spielern. Das musste der Paraguyaner Miguel Almirón kurz vor dem Pausenpiff erfahren. Er flog vom Platz, weil er bei einem Streit im Pulk die Hand vorm Mund hatte. Merke: beim Gähnen ist das höflich. Beim Fußball nicht. Die zweite Hälfte war die Türkei damit in Überzahl. Geholfen hat es ihr aber nicht.

Regel 3: In der Vorrundentabelle zählt diesmal bei Punktegleichstand nicht wie bei der WM 2022 das Torverhältnis, sondern der direkte Vergleich unter der punktgleichen Mannschaften. Das ist richtig dumm für die Türkei. Die rannte zwar bis zum Abpfiff auf das paraguayishe Tor zu. Kriegt den Ball aber nicht rein. Nun steht sie auf Platz 4 der Gruppe D und wird da auch bleiben. Zwar könnte sie durch einen Sieg gegen Gastgeber USA noch auf 3 Punkte kommen. Aber das sie gegen Paraguay und Australien verloren haben, die daher beide schon 3 Punkte haben, kommt die Türkei an denen nicht mehr vorbei. Heißt: Die Türkei ist draußen nach nur zwei Spielen.

Regel 4: Ist eigentlich keine Regel. Aber frühe Tore sind bei dieser WM gern mal spielentscheidend. Auch hier fiel das einzige Tor – wie bei Schottland gegen Marokko – schon in der 2. Minute. (ga)

Brasilien Haiti 3:0 (0:0)

Matheus Cunha darf dieses Mal von Anfang an spielen und trifft gleich doppelt. Mann des Spiels ist aber Vinicius Junior, der beide Treffer traumhaft schön vorbereitet und dann auch noch selbst trifft. Traumhaft muss es für Vinicius Junior auch gewesen sein, wie viel Platz ihm Haiti jeweils lässt. Nicht nur ich muss mir vorwerfen lassen, während des Spiels geschlafen zu haben. Haiti verdöst die erste Halbzeit, dann fallen keine Tore mehr. (jok)

Schottland – Marokko 0:1 (0:1)

Bin in München, Geburtstagsfest. Viel Wein. Im Hotel wohnt eine schottische Rugby-Mannschaft, die Spieler sind alle identisch mit bunten Hemden und bunteren Hüten gekleidet. Alle hatten weit mehr Alkohol als ich. Einer hat in den Fahrstuhl gekotzt. Morgen früh soll er auf dem Platz stehen. Das Schottland-Spiel wird nur im Pay TV übertragen, gibt es im Hotel nicht. Nach zwei Minuten geht Marokko offenbar in Führung. Zeit, schlafen zu gehen. Sorry. (Ralf Sotscheck)

USA – Australien 2:0 (2:0)

Ein schöner Fußball ist es nicht, den das Team der USA bislang spielt, aber er tut seinen Zweck. Nach zwei Spielen (und Siegen) ist das Sechzehntelfinale schon sicher und die Fans hoffen auf ein summer fairytale. Auch in Seattle gegen Australien half dabei ein frühes Eigentor, diesmal von dem unglücklichen Cameron Burgess, der noch kurz zuvor einen ähnlich vielversprechenden Angriff der Gastgeber mit breiter Brust auf der Torlinie gestoppt hatte.

Danach schnürten die US-Amerikaner die Australier mit vor allem körperlichen Spiel immer enger ein, standen ihnen quasi auf den Füßen. Noch vor der Pause macht Alex Freeman das 2:0 – mit demselben Kopf, mit dem er fünf Minuten vorher gehirnerschütterungsverdächtig mit dem Australier Paul Okon zusammengeknallt war.

In der zweiten Hälfte kamen die Socceroos dann etwas besser ins Spiel, blieben aber harmlos. Gegen Ende wurde nur noch geholzt. Sieben gelbe Karten, fast gerecht verteilt, sprechen für sich.

Die Momente des Spiels hatten mit dem eigentlichen Match nicht so viel zu tun: In der ersten Trinkpause fängt die Kamera mal nicht die Spieler ein, sondern das Publikum, das die Unterbrechung nutzt, um sich in Massen mit noch größeren Massen von Chicken Wings zu versorgen – die hydration break ist also nicht nur für die Werbung, die sich dort platzieren lässt. Und in der Nachspielzeit sitzt plötzlich der bislang unaufgeregt pfeifende deutsche Schiedsrichter Felix Zwayer auf dem Rasen und kommt nicht mehr hoch, ein Krampf, er muss behandelt und mit Elektrolyte versorgt werden. Notiz für die Autorin: Beim nächsten Spiel schauen, ob auch die Schiris die Trinkpause nutzen. (bw)

Mexiko – Südkorea 1:0 (0:0)

Ein halbwegs ordentliches Fußballspiel abliefern und wenn man sieht, dass die Gastgeber einfach nicht in der Lage sind, ein Tor zu erzielen, dann schenkt man ihnen eben eins – höflicher kann man sich einem Gastgeber gegenüber nicht benehmen. Seung-Gyu Kim, der Torhüter Südkoreas, wollte jedenfalls einen Flankenball von Julián Quiñones in der 50. Minute nicht festhalten, um Luis Romo die Möglichkeit zu geben, den Ball ins Tor zu schießen. So kann Mexiko Weltmeister werden, anders wohl eher nicht. (arue)

Kanada – Katar 6:0 (3:0)

Mein ganz persönlicher Spielmoment war ein falscher Augenblick. Denn ich war noch nicht ganz wach, als ich am frühen Morgen vermeintlich las, das Spiel sei torlos, null zu null, geendet. Ach, dachte ich mir, nix verpasst, und las mir die Spielzusammenfassung durch, die ich im Halbschlaf nicht kapierte: lauter Tore wurden aufgelistet, ja, sogar der Begriff „rauschendes Fußballfest“ fiel. Erst sehr langsam dämmerte mir: Du hast was verpasst, dieses 6:0 des aktuellen WM-Co-Gastgebers über den Vorgänger-Gastgeber guckst du dir sehr bald an, zumindest sämtliche sechs Tore plus die zwei Roten Karten. (mak)

Schweiz – Bosnien-Herzegowina 4:1 (0:0)

70 Minuten Langeweile, zwei Trinkpausen, mehrere Bosnier und zwei Schweizer werden eingewechselt, kurz darauf fallen drei Tore. Das schönste schießt ein Bosnier, die anderen beiden machen die Schweizer. Kurz vor Schluss gibt es noch eine rote Karte und einen Elfmeter gegen Bosnien zum Endstand von 4:1. Der Star der Schweizer ist ein 20-Jähriger (Johan Manzambi). In Bosnien holte man beim Stand von 2:0 die Landesfahne wieder rein, die man vor dem Spiel stolz hat aus dem Fenster hängen lassen und diskutiert seitdem, ob es fürs internationale Renomée besser gewesen wäre, man hätte den Italiener im Playoff gewinnen lassen. Der Italiener hätte auch nicht schlechter performt, aber als Bosnier hätte immer sagen können: Das hätten wir auch hingekriegt. (dakr)

Tschechien – Südafrika 1:1 (1:0)

Fußball zum Wegschauen! Welch erbärmliche Partie! Der schönste Moment: Eindeutig der Abpfiff von Schiedsrichterin Tori Penso. Als erst zweite Frau überhaupt (nach Stephanie Frappart) „durfte“ sie ein Spiel bei einer Männer-WM pfeifen. Die US-Amerikanerin wurde von den Linienienrichterinnen und Landsfrauen Brooke Mayo und Kathryn Nesbitt unterstützt. Im Unterschied zu den Fußballern hatten die drei keinerlei Probleme mit der Partie. (jok)

Ghana – Panama 1:0 (0:0)

Wie gut Ghana war in diesem Spiel? Vielleicht veranschaulicht das eine Szene aus der 45. Minute ganz gut. Ghanas vermeintlich Bester, Antoine Semenyo von Manchester City, holt sich am Mttelkreis den Ball, schaut, sieht und bedient den Kollegen Ernest Nuamah auf rechts. Der sieht Marvin Senaya an der Strafraumgrenze und spielt ihm den Ball zu. Senayewartet nicht lange und schießt – 18 Meter am Tor vorbei. Es war dererste Torschuss Ghanas im Spiel. Dass das muntere Team aus Panama am Ende durch ein Tor von Caleb Yirenkyi in der Nachspielzeit mit 0:1 verloren hat, kann nur mit einem schlechten Tag des Fußballgottes erklärt werden. Oh wie arm ist Panama! (arue)

Usbekistan – Kolumbien 1:3 (0:1)

Lang ist nix mit Elegancia tropical bei den Kolumbianern. Was für eine Schinderei. 2.200 Meter Höhe plus Luftverschmutzung macht Atemnot und schwere Beine, hatte der kolumbianische Ex-Nationalspieler Franky Oviedo gewarnt. Der hatte mehrere Jahre im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt gespielt.

Kolumbien geht früh in Führung, flinker sind anfangs aber die Usbeken. Abbosbek Fayzullayev köpfelt den noch verpennten Kolumbianern ein diskretes Gegentor rein. Er feiert mit einem Luftküsschen, wie herzig!

Dann trifft der wohl außergewöhnlichste kolumbianische Fußballer Luchito Díaz, der bereits den ersten Treffer vorbereitet hatte, zur erneuten Führung. Fast noch außergewöhnlicher ist allerdings das Tor in der hoffnungslos überzogenen Nachspielzeit (90+9 Minute). Ist das Slapstick oder Fußball? Cucho Hernández dribbelt rechts am Spielfeldrand herum, wird zu Fall gebracht, ein Usbeke rollte sich über ihn ab, Hernandez dreht sich unten raus, hinterher, auf allen Vieren, auf zwei Beinen, luchst ihm den Ball ab, ob wohl der ihn am Po und Trikot festhält, läuft sich frei, schießt einmal ewig quer hinüber – und Jáminton Campaz köpft ihn rein. Goooooooooooooooooooool! (Katharina Wojczenko)

England -Kroatien 4:2 (2:2)

In der 10. Minute steht der englische Torjäger Harry Kane alleine vor dem kroatischen Tor. Elf Meter vor ihm ein schmächtiger junger Mann in grellem textmarkerpink. Der englische Elfmeterkönig lässt sich mächtig Zeit, tänzelt an, setzt vor dem Anschuss ab, trickst und schießt. In die Arme von Dominik Livakovic, dem kroatischen Torwart. Doch der Schiedsrichter fordert den Videobeweis, befielt wegen eines Fehlers von Livakovic die Wiederholung des Elfmeters, die Kane erfolgreich nutzt: 1:0.

Ungefähr so ging es dann noch fast 90 Minuten weiter, das bisher unterhaltsamste, fußallerisch stärkste, abwechslungsreichste Spiel dieser WM. Und immer wieder im Zentrum: das Männchen in grellem textmarkerpink. Das Ergebnis von 4:2 bestätigt am Ende die coole Dominanz der Engländer. (dakr)

Portugal – DR Kongo 1:1 (1:1)

„Vierter… der höchste Platz, auf den Christiano Ronaldo es je bei einer Weltmeisterschaft gebracht hat.“

„Portugal mit ihrer Speerspitze Christiano Ronaldo.“

„Der X-Faktor Portugals.“

Da ich das Spiel Christiano Ronaldo gegen die Demokratische Republik Kongo mit Freun­d:in­nen schaue, die sich heute lieber über das Festivalwochenende unterhalten wollen, kriege ich vom Spielkommentar nur Bruchstücke mit. Die meisten davon beinhalten verschiedene Wege, Ronaldo zu erwähnen.

„Christiano Ronaldo tritt zu wenig in Erscheinung.“ Auch, was er nicht macht, nimmt viel Raum ein.

Die Dominanz im ZDF-Kommentar heißt aber nicht Dominanz auf dem Platz, auch nicht von seinen portugiesischen Nebendarstellern. (arei)

Österreich – Jordanien 3:1 (1:0)

Der Moment des Spiels war nicht das kalte Licht um 5.40 Uhr, und nicht der leichte Regen in Wien. Ganz Österreich war wach, früh auf den Beinen, und riss die Arme hoch, während das eher endblöde Torlied „Maria (I Like It Loud)“ von Scooter im Nachgang des fulminanten Schusses von Romano Schmid zum 1:0 abgespielt wurde. Da hat es Deutschland besser. Der Moment des Spiels war auch nicht der ebenso sehenswerter Treffer zum Ausgleich für Jordanien, und zum Glück für alle war auch der Moment, als der Ball den Oberarm von Stefan Posch streichelte und somit den erneuten Führungstreffer durch Marco Arnautovic irregulär machte, nicht der Moment des Spiels. Der Moment des Spiels war der Rücken eines Jordaniers, als sich besagter Arnautovic wieder in einen Eckball warf: 2:1. Dazu noch ein Elfer in der Nachspielzeit zum Endstand. Ein irgendwie deutsch wirkender Sieg, aber wurscht, Österreich ist da, immer wieder, immer wieder Österreich! (rh)

Argentinien – Algerien 3:0 (1:0)

Im Arrowhead Stadium von Kansas City startete Argentinien das ‚Unternehmen Titelverteidigung‘. Die bange Frage der Fans vor dem Spiel war: Steht Lionel Messi in der Startelf? Dann die Erleichterung. Beim Anpfiff stand Messi am Anstoßkreis. Mit ihm liefen sechs Spieler auf, die bereits im erfolgreichen WM-Finale 2022 in Katar auf dem Platz gestanden hatten. Wer jedoch glaubte, der 38-jährige Kapitän der Albiceleste hätte vielleicht besser auf eine weitere WM verzichtet, wurde eindrucksvoll eines Besseren belehrt. Bei seinem Treffer in der 5. Minute stand Messi noch im Abseits. In der 17. Minute nagelte er den Ball blitzsauber zur 1:0-Führung in den Winkel. Auch nach der Pause gingen die Messi-Festspiele weiter. In der 60. Minute staubte er nach einem Abpraller ab. In der 76. Minute schnürte er mit einem feinen Schuss den Dreierpack. Wenig später ließ er sich auswechseln.

Der Gegner? Algerien spielte gut mit, brachte jedoch während der gesamten Partie keinen einzigen „Shot on Target“ zustande – keinen Schuss aufs Tor. Dagegen ist Argentinien überzeugend ins ‚Unternehmen Titelverteidigung‘ gestartet. Bemerkenswert: Laut einer Umfrage würden 44,2 Prozent der Ar­gen­ti­nie­r*in­nen eine erfolgreiche Titelverteidigung einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage vorziehen. 48,8 Prozent wären dagegen bereit, für eine bessere wirtschaftliche Entwicklung ein schwaches Abschneiden ihres Teams in Kauf zu nehmen. Die übrigen 6,9 Prozent haben dazu keine Meinung. (jüvo)

Irak – Norwegen 1:4 (1:2)

Statistisch interessant: das erste Aufeinandertreffen beider Mannschaften überhaupt, für beide die erste WM seit Jahrzehnten (40 beziehungsweise 28 Jahre). Erste WM folglich auch für Ex-Dortmunder (na, gut, längst Man City) Erling Haaland, für den sich (nicht nur im Vorfeld) der Boulevard (wieviel und welche Werbeauftritte) und die Sportmedien (wechselt er nach dem Turnier?) am meisten interessierten.

Das Spiel: überraschend ausgeglichen, überraschend munter. Haaland braucht, um sich warm zu schießen, wie seine gymnastischen Übungen zwischendurch zu betonen scheinen. Es läuft dann aber am Ende wie erwartet für Norwegen, auch weil der irakische Keeper nicht so richtig bei der Sache ist und Irak noch ein Eigentor drauflegt. Verdient, aber zu hoch. (bw)

Frankreich – Senegal 3:1 (0:0)

Man hätte es Senegal doch wirklich gegönnt, gegen die ehemalige Kolonialmacht zu gewinnen. Deren Pfostentreffer bleibt das Spannendste in der ersten Halbzeit. Dafür wird die zweite umso schneller und krasser: fast ein Elfmeter für Mbappé, wenig später: Tor von Mbappé. Dann: Tor für Senegal, selbst die Franzosen im Späti-Publikum jubeln. Doch es war Abseits. Die Hoffnung auf ein Unentschieden stirbt mit dem 2:0. Oder doch nicht? Fünfte Nachspielzeitminute: Tor für Senegal. Keine Minute später Mbappés Rache: ein Traumtor aus der Distanz. 90 +10. Minute: fast macht Senegal doch noch das 3:2. Fast. (rlf)

Saudi-Arabien – Uruguay 1:1 (1:0)

Uruguay war gewarnt: Bei der WM in Katar hatte Saudi-Arabien sein Auftaktspiel gegen den späteren Weltmeister Argentinien gewonnen. Anpfiff. Schnell wird deutlich, beide spielen ohne Risiko und mit einer 4:4:2-Formation. Langsames Passspiel dominiert und ist vielleicht auch den 32 Grad und der hohen Luftfeuchtigkeit im Hard Rock Stadium in Miami geschuldet. Uruguay versucht, mit langen Bällen hinter die Abwehrreihen der Saudis zu kommen.

Doch es dauert eine halbe Stunde, bis der saudische Keeper Mohammed Al-Owais mit seiner ersten Parade eine Kopfballchance abwehren muss. Davon aufgewacht, machen die Saudis jetzt Druck. In der 38. Minute kann Torhüter Fernando Muslera einen Schuss von Abdulelah Al-Amri noch abwehren. Aber in der 41. Minute kann er einen feinen Kopfball nach einer Ecke nur nach vorne abklatschen. Al-Amri sprintet heran und bugsiert den Ball zum 1:0 für Saudi-Arabien ins Tor. Pfiff. Halbzeitpause. Wiederanpfiff. Uruguay macht jetzt Druck, spielt schneller, eine Flanke nach der anderen segelt in den saudischen Strafraum.

Gespielt wird nur noch auf ein Tor, doch erst in der 80. Minute gelingt Maxi Araujo der Ausgleich. Uruguay drückt weiter, die Saudis verteidigen kompakt, und Al-Owais hält mit guten Paraden seinen Kasten bis zum Abpfiff sauber. Saudi-Arabiens Trainer Georgios Donis kann mit dem Unentschieden hochzufrieden sein. Der Grieche hatte die Nationalmannschaft erst vor weniger als zwei Monaten übernommen. Uruguays Trainer Marcelo Bielsa hatte sicher mehr erwartet. Für den Argentinier ist es die dritte Weltmeisterschaft, bei der er eine Nationalmannschaft betreut. Bemerkenswert: Bielsa ist einer von sechs argentinischen Trainern bei dieser WM. In Katar waren es drei. (Jürgen Vogt)

Iran – Neuseeland 2:2 (1:1)

Wer von politischen Implikationen nichts wusste oder nichts wissen wollte, konnte in der Partie zwischen Iran und Neuseeland einfach das vermutlich lebendigste Fußballspiel unter den vier Unentschieden des Spieltags sehen. Beide Mannschaften drängten stets nach vorne, anfangs oft mit so langen Bällen, dass das Mittelfeld glatt übersprungen wurde. Das frühe erste Tor für Neuseeland in der 7. Minute belebte von Beginn an, und der von Kommentatoren oft erwähnte riesige Abstand beider Teams in der Weltrangliste war kaum zu sehen.

Gleiches galt für die Proteste, die es sowohl im als auch außerhalb des Stadions wohl gab: Die Fifa hatte für die gesamte WM alle außer den jeweiligen offiziellen Nationalflaggen verboten – trotzdem hatten sich offenbar etliche Fans die alte persische Fahne auf T-Shirts gedruckt. In den Bildern der TV-Übertragung tauchte davon allerdings nichts auf, lediglich Pfiffe während der iranischen Nationalhymne waren ein bisschen zu hören. Kann der Fußball das seltsame Rahmenabkommen zum Frieden unterstützen, über dessen Einzelheiten die Welt noch immer rätselt? Nee, kann er nicht. Bleibt alles seltsam, auf dem Platz wie in der Straße von Hormus. (pkt)

Belgien-Ägypten 1:1 (1:1)

Es macht schon ganz schön wehmütig. Aber nach diesem Spiel muss Belgien dann doch nicht nur von der Liste der ewigen Geheimfavoriten, sondern auch von der der Lieblingsmannschaften gestrichen werden: lange Zeit hundslangweiliger Stehfußball oder hektisches Herumgestochere im Strafraum. Ball halten, aber ohne Sinn. Kevin De Bruyne irgendwie da, aber auch nicht. Thibaut Courtois im Tor genauso. Statt der früheren besonderen Fairness hilflose Ruppigkeit. Und bei Ägypten?

Nicht besser, außer dass Emam Ashour früh das 1:0 schießt – dafür fabriziert er später eine Menge Nichtchancen und den vorbeiesten Torschuss mindestens dieser WM. Auch Geburtstagskind Mo Salah bekommt seine Leute nicht mehr nach vorne, sinnbildlich, wie er beim Konter nach hinten abdrehen muss, weil niemand mitgekommen ist. Nebenbei Tee trinken, endlich mal Zeitung lesen, ein paar Zeichnungen kritzeln, Sudoku lösen – geht alles.

Und dann kommt in der 66. Romelu Lukaku, deutlich gewichtiger geworden, aber mit „Aura“. Das Ausgleichstor muss er nicht mal selbst schießen, nur neben Mohamed Hany aufs Tor zurutschen. Und schon macht der den Ball rein. Endlich ist es vorbei. Und Christina Graf, die bis dahin angenehm kundig kommentiert hat, sagt völlig überraschend, sie habe ein gutes Spiel gesehen. Im Studio lösen Schweini und Esther Sedlaczek auf: Graf habe wohl die Stimmung im Stadion gemeint. Ah ja. (bw)

Spanien – Kap Verde 0:0 (0:0)

Das war eine über lange Strecken grauenhaft anzusehende Sensation. Spanien hat den Ball und kann damit nichts anfangen. Sie verlieren den Ball, holen ihn wieder und wissen damit immer noch nichts anzustellen. Die paar wenigen Torschüsse – nur von Spanien, Kap Verde müsste ja erstmal den Ball haben, um selbst schießen zu können – fängt Kap Verdes großartiger Torwart ab. So geht das immer weiter, bis zur 70. Minute. Spanien kann kein Tor schießen, Kap Verde versucht es gar nicht erst. Dann kommt Spaniens Jungstar Lamine Yamal aufs Feld.

Der bringt immerhin ein paar leidlich gefährliche Situationen zustande, aber jetzt schnuppert Kap Verde schon viel zu sehr an der für unmöglich gehaltenen Chance, gegen Turnierfavoriten Spanien einen Punkt zu holen. Verteidigung ist das neue Toreschießen, yeah! Wenn das für US-Zuschauer das erste Fußballspiel ist, was sie sich anschauen, sind sie nach den ersten 70 Minuten für den Sport verloren. So wie Europäer für den Baseballsport, wenn ein Pitcher keinen einzigen Run zulässt. Für alle anderen: Kap Verde, feiert!!!! (pkt)

Schweden – Tunesien 5:1 (2:1)

Huch, was war das los. „Doppelpack Ayari“ lese ich in der Fußball-App meines Vertrauens, als ich in der Früh die nächtlichen Ergebnisse checke. Aber 5:1? Und ich dachte, Gott ist tot. (arue)

Elfenbeinküste – Ecuador 1:0 (0:0)

Es war dieser eine Moment in der 90. Minute, als Amad Diallo einen Pass von rechts mit links direkt abnahm und flach, präzise und unhaltbar das Spiel entschied. Nach dieser 90. Minute passierte zwar 10 Minuten lang noch ziemlich viel (vgl. Scheiß-Nachspielzeit), aber in den 90 Minuten zuvor war es auf dem Platz in Philadelphia ja auch schon hoch hergegangen. Im Stadion hatte Ecuador dominiert, auf dem Platz meistens: nicht zuletzt mit drei Latten- oder Pfostentreffern; auf der Tribüne: fast ausschließlich. Letzteres ist der aktuellen US-Regierung zu verdanken, die keine ivorischen Fans ins Land lässt. Dass sich das aber als Nachteil für das Team von Elfenbeinküste Trainer Emerse Faé erweist sollte (vgl. Deutschland-Spiel), war – zumindest auf den Fernsehbildern – nicht zu erkennen. Spielerisches Fazit: viel krachendes Aluminium. Buchhalterisches Fazit: 1:0. (mak)

Niederlande – Japan 2:2 (0:0)

Daichi Kamada wird diesen Moment gewiss nicht so schnell vergessen. Kurz vor dem Abpfiff wird er vom eingewechselten Mitspieler Koko Ogawa so wuchtig angeköpft, dass der Ball von seinem Scheitel doch noch ins gegnerische Tor zum Ausgleich fällt. Die Fifa spricht ihm den Treffer zu. Es ist das kuriose Ende einer ansehnlichen zweiten Halbzeit. Beide Teams haben gezeigt, wie gut sie Fußball spielen können. Getroffen hat dann nicht derjenige, der es am meisten gewollt hat. Kamada konnte einfach nicht anders. Macht nichts! (jok)

Deutschland – Curaçao 7:1 (3:1)

Kein Wort las ich im Vorfeld dieses Spiels häufiger als „Pflichtsieg“. Pflichtsieg für Deutschland – ist doch klar. Woher diese Arroganz? Wir reden hier über dieselbe Nation, die sowohl in Katar als auch in Russland in der Vorrunde ausgeschieden ist. Man kann davon ausgehen, dass in fast jeder Gruppe Platz 1 bis 3 weiterkommen wird. Grund genug sofort zum glühenden Underdog-Ultra zu werden, zum Curaçao-Advokat. Und der curaçaoanische Ausgleich in der 21. erweckte in mir klar den Eindruck: Curaçao ist nicht hierhergekommen, um sich von Vornherein in die von vielen deutschen Medien gegebene Rolle des Steigbügelhalters für den deutschen Sieg zu fügen. Kommentator Tom Bartels findet trotzdem, Deutschland solle sich hiernach sofort auf die „wichtigen Gegner“ konzentrieren.

Nach Toren von sechs verschiedenen Torschützen (immerhin bisschen ungewöhnlich) gewinnt Deutschland trotzdem klar (und natürlich irgendwo erwartbar). Der Takeaway nach so viel deutscher Arroganz sollte, wie ich finde, trotzdem nicht sein, dass Deutschland gewonnen hat. Der Takeaway sollte sein, dass das belächelte Curaçao 90 Minuten konzentriert gespielt, immer wieder effektiv verteidigt und den Deutschen nicht von Vornherein den Sieg geschenkt hat. Hat Bartels gerade gesagt, dass Curaçao mit diesem Spiel auf die Landkarte gekommen ist??? Ah auf die WM-Landkarte. Gut, das ist ziemlich akkurat. Ich rudere zurück. (arue)

Einen ausführlichen Spielbericht lesen Sie hier.

Australien – Türkei 2:0 (1:0)

Ups, damit war nun wirklich nicht zu rechnen, vielleicht habe ich den großen Moment des Spiels schon verpasst. Als ich mich kurz nach 7 Uhr einschalte, die Partie zwischen Brasilien und Marokko (siehe unten) ist einfach zu spät abgepfiffen worden, führt Australien 1:0. Und das Überraschungsteam ist dabei, das Ergebnis fachmännisch einzubetonieren. So kurz dabei und schon alles gesehen? Denkste! Gleich beim ersten Versuch, doch die türkische Hälfte zu betreten, trifft Australien erneut. Connor Metcalfe, der beim Bundesligaabsteiger St. Pauli nicht einmal in der ganzen Saison traf, platziert den Ball mit einem Flachschuss im unteren rechten Eck. Wenn das kein großer Moment ist. Außenseiterfußball in Bestform. (jok)

Haiti – Schottland 0:1 (0:1)

Hallo, Ihr Lieben,

Hier mein kurzer Bericht zum Schottenspiel. Nö, ich bleibe nicht bis 5 Uhr wach, das Ergebnis müsst Ihr bitte nachtragen.

Klare Sache, die Schotten werden Weltmeister. Mit der selbstironischen Hymne „It Only Takes One Lion“ der Indie-Pop-Band Belle and Sebastian haben sie den besten WM-Song, auch wenn er nicht die offizielle Hymne ist. Zugegeben: Der Titel ist ein kaum subtiler Seitenhieb auf Englands Hymne „Three Lions“ – den Song von Baddiel und Skinner, der diesen Sommer seinen 30. Geburtstag feiert. Während es dort aber heißt, dass Paul Ince „bereit für den Krieg“ sei, besingen Belle and Sebastian die friedliche Tartan Army, die Schottenkaro-Armee der Fans: „Du kannst einer Armee beitreten, die für den Frieden ist.“

Ach ja, das Spiel: Schottland besiegte Haiti mit 1:0. Es gab schon vor dem Spiel einen Trikottausch, aber der war einseitig: Die Haitianer mussten sich umziehen, weil auf den ursprünglichen Trikots eine Illustration der Schlacht von Vertières aus dem Jahr 1803, die Haitis Unabhängigkeit sicherte, zu sehen war. [Link auf Beitrag 8503564] Kriegerisches hat auf US-Sportplätzen nichts zu suchen, schließlich will Donald Trump den Friedensnobelpreis gewinnen.

Zum Finale, in dem Schottland das Team aus Curaçao besiegen wird, bleibe ich aber wach. (Ralf Sotscheck)

Brasilien – Marokko 1:1 (1:1)

Ein befriedigendes Gefühl hat Marokko beim 1:1 gegen Brasilien hinterlassen. Das Team aus Nordafrika ist ja quasi noch amtierender WM-Halbfinalist und letztlich noch nicht ganz fix ausgerufener Afrika-Cup-Gewinner. Es kann also Fußball spielen. Und zwar einen schönen Fußball des 21. Jahrhundert, ein Jogo Bonito 2.0. Mit enormem Schwung kam Marokko auf den Platz und hat Brasilien von Beginn an unter Druck gesetzt – mit einem schönen Lupfer von Ismail Saibari zum 1:0 (21.). Brasilien, das sich als nicht ganz vollständiges Starensemble präsentierte, kam nicht ins Spiel, schon gar nicht ins schöne Spiel. Eine Einzelaktion von Vinicius Jr. sorgte für den 1:1-Ausgleich.

Dann hatte sich die Seleção leidlich gefangen, aber ganz am Schluss war es doch noch mal Marokko, das sich aufbäumte und beinahe (soll heißen: sehr beinahe) den Siegtreffer erzielt hätte. Zur hoffnungsfrohen Zusammenfassung geht man nach diesem Spiel in New York zum Bücherregal (dessen Nähe ja einer der sehr wenigen Vorteile des Fernsehfußballguckens ist) und liest diesen Satz: „Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann.“ Steht bei Gramsci und beschreibt die Umbruchsituation des Weltfußballs ganz gut. (mak)

Katar – Schweiz 1:1 (0:1)

Wer dieses Spiel gewinnt, war allen klar: WM-Geheimfavorit Schweiz. Auch ich habe ihnen beim Tippspiel ein lockeres 4:1 gegen Katar zugetraut. Doch wahrscheinlich waren die Schweizer selbst zu siegessicher und holten sich so in der Nachspielzeit einen Gegentreffer ein. Mit dem 1:1-Ergebnis jubelt Katar über seinen ersten WM-Punkt jemals – ist doch schön, wenn diese WM auch Überraschungen bereithält. (cas)

USA – Paraguay 4:1 (3:0)

Das war ein Auftakt nach Maß für Paraguays Damian Bobadilla: Nur sieben Minuten nach Anpfiff gegen Gastgeber USA schob er den Ball unhaltbar für den Keeper ins Tor. Leider ins eigene. Das war denn doch gar nicht mal so gut. Aber die US-amerikanische Mannschaft, die sich zugutehalten kann, auch das Eigentor durchaus provoziert zu haben, dachte gar nicht daran, es dabei zu belassen. Womöglich befreit durch die Abwesenheit von Präsident Donald Trump im Stadion in Los Angeles schoss Stürmer Folarin Balogun gleich noch drei Tore, von denen immerhin zwei zählten.

Giovanni Reyna, zum Befremden des bundesligaunkundigen taz-Chronisten ab seiner Einwechslung in der 81. Minute von den TV-Kommentatoren stets „der Gladbacher“ genannt, legte ganz am Schluss noch zum 4:1 nach, und ja, zwischendurch hatte auch Paraguay ein Tor geschossen.

Kurios: Der Schiedsrichter, der in der zweiten Hälfte Paraguay einen Freistoß und dem US-Kapitän Tim Ream eine Gelbe Karte gab, um dann das Spiel aufgrund einer Einflüsterung des Video-Assistenten nach schon ausgeführtem Freistoß zu unterbrechen, Ream die Gelbe Karte wieder wegzunehmen und sie dem „gefoulten“ paraguayischen Spieler wegen Schauspielerei weiterzureichen. Fazit: Der bislang beste Auftakt eines der drei Gastgeberländer. USA, USA! (pkt)

Kanada – Bosnien-Herzegowina 1:1 (0:1)

Die 56. Minute in Toronto läuft. Nach einem weiten Abstoß des bosnischen Torwarts Nikola Vasilj wird der Ball vom kanadischen Abwehrspieler Luc de Fougerolles mit dem Kopf ins Seitenaus geklärt. Von weit her kommt der bosnische Kapitän und Linksverteidiger Sead Kolašinac angelaufen und nimmt, inzwischen sind wir in der 57. Minute, den Ball zum Einwurf auf. Kolašinac geht ein paar Schritte vor, deutet den Einwurf an, wartet ein wenig, noch ein wenig und – muss den Ball abgeben, was er auch ohne Murren tut. Schiedsrichter Facundo Tello aus Argentinien hat die Ausführung des Einwurfs zu lange gedauert, denn: wenn diese länger als 5 bis 8 Sekunden in Anspruch nimmt, dann wechselt automatisch das Einwurfsrecht. Das ist eine neue Regel bei dieser WM, sie soll die Nettospielzeit erhöhen und kommt bald auch in der Bundesliga zum Einsatz. Hier konnten wir sie nun zum ersten Mal live erleben. (mbr)

Südkorea – Tschechien 2:1 (0:0)

Das geht seit Monaten so. Nach dem Aufwachen schaut der Nachrichtenredakteur aufs Handy. Gucken, was Trump wieder gesagt hat, wen er bombardiert, wem er Frieden angedroht hat. Und was sonst noch hässliches passiert ist. Das bestimmt dann die Planung für den Tag auf taz.de. Am Freitagmorgen aber lautet die wichtigste Neuigkeit: Südkorea hat gespielt gegen, na, hier, Tschechien. Ab 4 Uhr morgens. Wie es ausgegangen ist? Muss man doch wissen. Schnell mal die Zusammenfassung gucken. Ah hier, gibts beim ZDF. „Es ist plötzlich ein offenes Spiel mit Chancen auf beiden Seiten“, jubelt der Reporter. Toller Ball! 2:1. Südkorea dreht das Spiel! Die Sonne scheint auch. Und Trump? Hat angekündigte Angriffe auf Iran abgesagt – was ja auch gut für die WM ist. Und das geht jetzt fast sechs Wochen so? Mehr davon! (ga)

Mexiko – Südafrika 2:0 (1:0)

Die rote Karte für Südafrikas Yaya Sithole nach einer sogenannten Notbremse? Die rote Karte für dessen Kollegen Themba Zwane in der Schlussphase des Spiels? Die Fifa-Turnierhymne DNA geschmettert von Andrea Bocelli und Ejae vor dem Anpfiff dieses Eröffnungsspiels? Nein, der Moment der Partie war natürlich jener für die Gastgeber befreiende Schuss von Julián Quiñones durch die Beine des südafrikanischen Torhüters Ronwen Williams zum 1:0 für Mexiko in der 9. Minute.

Auch bemerkenswert: Die rote Karte für Mexikos César Montes nach einem Foul an der Strafraumgrenze kurz vor Schluss. Ein farbiger Turnierauftakt. (arue)

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