Häufig den Beruf wechseln: „Man kann sein Leben nicht planen“

taz: Herr Michaely, Sie wechseln alle paar Jahre den Beruf. Sind Sie je zufrieden?

Eberhard Michaely: Im Moment bin ich mit der Gesamtsituation sehr zufrieden. Die Brüche passierten immer dann, wenn ich nicht mehr zufrieden war. Dann habe ich die Situation eben geändert. Aber in den Phasen dazwischen war ich stets zufrieden.

Im Interview: Eberhard Michaely

Der Mensch

Eberhard Michaely, 1967 in Saarbrücken geboren, ist Schreiner, Musiker, Busfahrer und Krimiautor. Er lebt seit 1989 in Hamburg und arbeitet seit 2018 als Busfahrer für den Hamburger Verkehrsverbund.

Die Bücher

Michaelys Reihe über die pensionierte Fleischereifachverkäuferin Frau Helbing als Ermittlerin im Hamburger Grindelviertel begann 2021 mit „Frau Helbing und der tote Fagottist“ und umfasst inzwischen sieben Bände. 2025 begann mit „Wasserschaden: Hausmeister Penzkofer ermittelt“ eine zweite Reihe über einen findigen Laienermittler, diesmal auf St. Pauli.

taz: Vom Schreiner zum Musiker zum Busfahrer: Beruht Ihr Berufsleben auf Zufällen?

Michaely: In der Tat habe ich keinen Plan. Man kann ein Leben meiner Meinung nach nicht planen. Man muss das auf sich zukommen lassen und an jeder Abzweigung gucken: Bin ich noch auf dem richtigen Weg?

taz: Aber Ihre Eltern hatten noch „Berufe fürs Leben“, oder?

Michaely: Ja. Meine Mutter war Hausfrau, das war damals ganz klassisch. Mein Vater war selbstständig und betrieb eine Aluminiumgießerei im Saarland, wo ich ja herkomme. Die sollte ich übernehmen, deshalb habe ich erstmal Gießereimodellbauer gelernt.

taz: Was stellt der her?

Michaely: Modelle für Sandgießereien. Wenn ich etwas aus Metall haben möchte, brauche ich ja zunächst ein Modell – egal, ob das eine Bremsscheibe oder ein Gullydeckel ist. Dieses Modell wird in Sand eingegraben, wieder herausgeholt und der Hohlraum mit Metall ausgegossen. Ganz vereinfacht gesagt.

taz: Diese Ausbildung, machten Sie die aus Neigung oder aus Pflicht?

Michaely: Ach, damals habe ich mir noch nicht viele Gedanken darüber gemacht, ob ich das wirklich möchte. Dass ich die Firma eigentlich gar nicht übernehmen will, wurde mir erst während meiner Lehrzeit klar. Ich habe die Ausbildung noch zu Ende gebracht bis zum Gesellenbrief, danach aber nicht mehr in diesem Beruf gearbeitet. Ich wollte viel lieber Musik studieren. Ich habe damals sehr viel Saxofon in Jazzbands gespielt. Das war das, was mir wirklich lag. Ich bin dann zum Studium nach Köln gegangen, das war die damals renommierteste Hochschule für Jazz.

taz: Hatten Sie einen stilistischen Schwerpunkt?

Michaely: Nein. Es war ja eine breite Ausbildung im modernen Mainstream-Jazz, und mich hat alles interessiert. Ich habe in Jazzbands gespielt und komponiert, aber mit Jazz verdient man ja leider kein Geld. Also habe ich Musicals, auch bei „Cats“ und „Phantom der Oper“ mitgespielt, außerdem im St. Pauli Theater und im Theater am Holstenwall. Dazu habe ich viel unterrichtet und kam so gerade über die Runden.

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taz: Aber irgendwann war die Musik zu Ende. Warum?

Michaely: Ich hatte das Gefühl, die Musik hat sich erschöpft. 2013 habe ich meine Instrumente eingepackt und beschlossen, keine Musik mehr zu machen. Das habe ich bis letztes Jahr durchgehalten, über zehn Jahre lang. Dann habe ich das Saxofon nochmal herausgeholt, ein bisschen gespielt und gemerkt, es geht eigentlich noch, wenn ich möchte. Jetzt liegt das Instrument aber schon wieder seit über einem Jahr im Koffer.

taz: Aber ist das Musizieren nicht eine Leidenschaft fürs Leben? Wie erträgt man es, aufzuhören?

Michaley: Es hat sich so ergeben. Es war einfach eine logische Wendung für mich.

taz: Zwischendurch hatten Sie und Ihre Frau einen Laden für Kinderkleidung und Spielwaren. Warum das?

Michaely: Das war eine Zufallsentscheidung. Und ich muss sagen, es war eine spannende Phase. Aber ich habe rechtzeitig gemerkt, dass der Einzelhandel eigentlich keine Chance hatte gegen das aufkommende Internet. Ab 2010, 2011 hat man deutlich gemerkt, dass die Leute anfingen, sich die Ware nach Hause schicken zu lassen, statt ins Geschäft zu gehen. Da habe ich gesagt: Das hat keine Zukunft, wir machen den Laden wieder zu. Wir müssen was anderes finden. Es gibt ja immer Alternativen.

taz: Fiel der Abschied von dem Laden leicht?

Michaely: Ach, der Laden hat schon Spaß gemacht, es war eine schöne Sache. Aber wenn so eine Episode zu Ende ist, ist sie halt zu Ende. Wenn sich etwas nicht rechnet, kann man es nicht weitermachen. Ich bin da ganz pragmatisch. Ich hänge an nichts. Danach habe ich für einen Hersteller von Regalsystemen gearbeitet, das reichte von Büro- bis zu Werkstattarbeiten. Es war ein kleiner Betrieb, und nach fünf, sechs Jahren hatte sich auch diese Tätigkeit erschöpft. Dann habe ich zufällig eine Anzeige gesehen, in der die Hamburger Hochbahn Busfahrer suchte. Da dachte ich: Das wäre auch mal spannend, so einen Gelenkbus zu fahren. Ich habe mich beworben, fahre jetzt seit acht Jahren für die Hamburger Hochbahn Bus und habe es nicht bereut.

taz: Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Busfahrerambitionen reagiert?

Michaely: Da haben schon einige gefragt: „Ist das dein Ernst?“ Es ist ja logisch, dass, wenn man etwas verändert, einige Leute erstmal sagen: „Bist du dir sicher, dass es das Richtige ist?“ Das hat mich aber noch nie beeinflusst in dem, was ich mache. Wenn ich das Gefühl habe, ich möchte jetzt Musiker sein oder ich möchte ein Ladengeschäft führen oder Busfahrer sein oder Autor, ist das meine Entscheidung. Außerdem: Was unterscheidet den Autor denn vom Busfahrer? Viele Leute sehen da ein „soziales Gefälle“. Aber das finde ich wirklich lächerlich. Ich sehe da keinen Unterschied.

taz: Wie gestaltet sich Ihr Arbeitsrhythmus?

Michaely: Ich arbeite in Teilzeit: Fünf Tage Busfahren, fünf Tage frei, immer abwechselnd im Früh- und im Spätdienst. Der Frühdienst beginnt zwischen 3.30 Uhr und 7 Uhr. Das variiert von Tag zu Tag, weil die Busse ja nacheinander vom Hof gehen. Der Spätdienst dauert maximal bis 1.30 Uhr. Die Nachtbusse werden von Nachtbusfahrern chauffiert. Das ist eine eigene Clique aus Leuten, die aus verschieden Gründen gern nachts fahren.

taz: Als Fahrgast vermutet man, dass Busfahrer viel Stress haben – im Verkehr und mit Fahrgästen. Stimmt das?

Michaely: Naja, zu mir steigt der Querschnitt der Gesellschaft in den Bus. Natürlich gibt es sehr unfreundliche Leute. Es gibt aber auch wahnsinnig freundliche Leute, die extra nochmal nach vorne kommen und sagen: „Ich wünsche Ihnen nachher einen schönen Feierabend! Vielen Dank, dass Sie mich gefahren haben.“ Ich kann nicht sagen, dass es nur schlechte oder nur gute Erfahrungen sind. Es ist gemischt, wie überall.

taz: Erleben Sie auch bedrohliche Situationen?

Michaely: So richtig Angst hatte ich noch nie im Bus. Bedrohliche Situationen passieren vielleicht alle drei Jahre mal. Ich kann ja auch jederzeit Kontakt zur Leitstelle aufnehmen, die dann die Hochbahn-Wache oder die Polizei alarmiert. Aber meistens ist der Alltag völlig unspektakulär. In der Regel kommen die Leute rein, setzen sich hin, gucken auf ihr Handy und steigen fünf Stationen später wieder aus.

taz: Was genau schätzen Sie am Busfahren?

Michealy: Ich bin gern in der Stadt unterwegs. Ich sehe immer, was in der Stadt los ist. Und dadurch, dass ich 30 verschiedene Linien fahre, komme ich in der ganzen Stadt rum. Ich sehe, wie die Stimmung in der Stadt ist, wie das Wetter ist – das ist schon sehr spannend. Ich mag das. Und hinter der großen Scheibe habe ich ja den besten Überblick.

taz: Aber im Straßenverkehr kann man sich schon ordentlich aufregen, oder?

Michaely: Busfahren ist nicht Autofahren. So ein Bus macht ja einen gewissen Eindruck. Das kennt jeder Autofahrer: Wenn ich in eine schmale Straße einbiege und sehe, da kommt ein Bus oder Lkw – dann suche ich als Autofahrer eine Möglichkeit auszuweichen oder eine Lücke. Weil ich genau weiß: Der Lkw und der Bus können das gar nicht. Als Busfahrer darf ich auch nicht ohne Absicherung rückwärts fahren, weil ich hinter dem Bus nichts sehe.

taz: Der Bus ist auch im Zweifel stärker …

Michaely: Ja, und er macht Eindruck. Insofern kann man Autofahren und Busfahren überhaupt nicht vergleichen. Man hat ein anderes Standing im Verkehr. Man wird eher akzeptiert, als wenn man in so einem kleinen Wagen ankommt. Und eventuell bleibe ich mit dem Bus einfach stehen, bis dem Autofahrer irgendwann dämmert, dass er es ist, der ausweichen muss.

taz: Und warum haben Sie mit dem Schreiben angefangen?

Michaely: Das war auf einer Pilgerreise von Hamburg, wo ich seit 1989 lebe, nach Saarbrücken, wo ich geboren bin. Ich wollte unbedingt mal pilgern, um herauszufinden, warum die Pilgerreise in allen Weltreligionen ihren festen Platz hat. Ob nach Mekka oder nach Santiago de Compostela – einmal im Leben soll man eine Reise mit sich alleine machen, seine Gedanken sortieren, was auch immer. Ich bin aber nicht gläubig und dachte: Was wäre für mich ein logisches Ziel? Ich habe mir dann überlegt: Ich laufe zum Grab meiner Eltern in einen Vorort von Saarbrücken, also zu meinem Wurzeln.

taz: Wie hatten Sie Ihre Pilgerreise organisiert?

Michaely: Ich bin einfach los und habe mich treiben lassen. Am Nachmittag habe ich dann geguckt: ist hier eine Pension oder ein kleines Hotel? Oder ich habe mit meinem Zelt im Wald geschlafen. Ich glaube, es ist wichtig, dass man das nicht im Vorfeld exakt plant. Sondern man muss das – wie das Leben überhaupt – auf sich zukommen lassen und dann entscheiden: Heute gehe ich bis dahin oder nicht soweit oder nach dort, da ist es schöner … So bin ich immer grob Richtung Südwest gelaufen, bis ich in Saarbrücken angekommen bin.

taz: Haben Sie unterwegs besondere Menschen getroffen?

Michaely: Nein. Ich bin bewusst allein gelaufen und habe unterwegs auch keinen Kontakt zu Leuten gesucht. Ich bin ohnehin eher ein Einzelgänger.

taz: Wissen Sie denn jetzt, warum Leute pilgern?

Michaely: Ja.

taz: Nämlich?

Michaely: Das verrate ich nicht. Das muss jeder selber herausfinden.

taz: Wie lange hat die Reise gedauert?

Michaely: Für die 760 Kilometer habe ich 24 Tage gebraucht. Es war eine sehr interessante und nachhaltige Reise. Unterwegs habe ich Tagebuch geführt. Das war gar nicht geplant, aber ich hatte irgendwann das Gefühl: Ich muss niederschreiben, was mir unterwegs so alles passiert. Bei der Gelegenheit habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich gern schreibe. In Hamburg habe ich dieses Tagebuch in einer kleinen Auflage drucken lassen und an Freunde und innerhalb der Familie verschenkt. Danach habe ich einfach weiter geschrieben. Ich habe angefangen, Romane zu schreiben. Bis ich 2020 meinen ersten Buchvertrag bekommen habe.

taz. Wie finden Sie die Figuren für Ihre Krimis?

Michaely: Das ist etwas, worüber ich gar nicht nachdenken möchte. Das passiert einfach irgendwie. Ich habe Angst, dass es nicht mehr klappt, wenn ich zu viel darüber nachdenke. Ich kann es nicht erklären und will es auch gar nicht.

taz: Wie entstehen die Geschichten Ihrer Bücher? Ist qua Intuition plötzlich der ganze Plot da – oder hangeln Sie sich durch?

Michaely: Das Letztere. Es ist ein Weg vorwärts. Irgendwann fange ich an, indem ich eine Situation beschreibe, bei der ich das Gefühl habe: Das ist eine schöne, gemütliche Situation. Und dann hab ich einen Faden in der Hand oder auch nicht. Es kommt auch vor, dass ich ein Kapitel schreibe und wieder verwerfe. Wenn ich den Faden dann in der Hand habe, hangle ich mich daran entlang. Alles Weitere ergibt sich.

taz: Ihre ErmittlerInnen sind Frau Helbing, eine ehemalige Fleischereiverkäuferin, und jetzt auch Hausmeister Penzkofer. Warum solche Alltagstypen?

Michealy: Bei Frau Helbing, der Protagonistin meiner ersten Reihe, dachte ich an eine hanseatische Miss Marple. So eine ältere Dame, die ganz ruhig nebenbei ermittelt – und das muss gar nicht professionell sein. Und jetzt habe ich in meiner neuen Reihe diesen Hausmeister, auch das ganz bewusst. Es müssen ja nicht immer diese klassischen Krimis sein, deren Kommissar ein Alkoholproblem hat und dessen Ehe gerade in die Brüche geht. Mit solchen Stereotypen kann ich genauso wenig anfangen wie mit diesen brutalen Krimis. Ich habe lieber diese privaten Ermittler – die stehen mir näher. Die waren plötzlich da, und dann habe ich es so akzeptiert.

taz: Warum mussten es eigentlich Krimis sein?

Michaely: Das war Zufall. Nach meiner Pilgerreise hatte ich zunächst andere Romane geschrieben, die aber noch nicht so gelungen waren. Man braucht ja eine gewisse Zeit, bis man im Schreiben drin ist. Dann habe ich 2017 auf dem Hamburger Krimi-Festival Till Raether gehört, dessen Krimis auch sehr lustige Passagen haben. Da dachte ich: Mensch, ein humorvoller Krimi – das wäre doch mal was! Auf dem Heimweg entstand dann gleich die Figur der Frau Helbing, und damit war es entschieden.

taz: Wer besucht Ihre Lesungen?

Michaely: Überwiegend Frauen in Frau Helbings Alter. Die kaufen noch Bücher! Wie ja überhaupt überwiegend Frauen zu Lesungen kommen.

taz: Schreiben Sie auch an Busfahrtagen?

Michaely: Ich versuche, jeden Tag zu schreiben. Das gelingt mal besser, mal weniger. Manchmal schreibe ich mehr, manchmal nur zwei, drei Sätze. Das hängt von der Inspiration ab. Ich kann auch nicht ausmachen, woran das liegt. Das ist einfach so. An Busfahrtagen schreibe ich manchmal in den Dienstpausen. Ich habe immer Papier und Stift dabei. Und wenn es ein Tag mit vielen Ideen ist, setze ich mich in den Pausen hin, schreibe die Pause durch und fahre dann wieder weiter.

taz: Was kommt, wenn sich das Busfahren erschöpft hat?

Michaely. Das weiß ich nicht. Es kann natürlich passieren. Ich fahre jetzt schon ziemlich lange Bus, seit acht Jahren, und bin beängstigend zufrieden mit der Situation. Das ist mir selbst schon fast unheimlich, aber wenn es so ist, ist es okay. Ich habe ja nicht deshalb immer wieder etwas verändert, weil ich das Gefühl hatte, ich muss meinen Lebenslauf interessant machen. Sondern es hat sich so ergeben. Und sollte sich nichts Weiteres ergeben und ich denke: Busfahren und Schreiben – da bin ich angekommen – dann ist das so.

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