
Um mehr vietnamesische Produkte im Ausland absetzen zu können, will die Regierung in Hanoi Auslandsvietnamesen, ihre Firmen und Organisationen einspannen. Kürzlich hat Premierminister Pham Minh Chinh ein Dekret erlassen, nach dem Messen, Ausstellungen und Handelsnetzwerkveranstaltungen von Auslandsvietnamesen gefördert werden. Zudem will er sie ermutigen, Hanoi über Verbraucherpräferenzen und Umweltstandards im Ausland besser zu informieren.
Seit rund zwei Jahrzehnten bauen vietnamesische Auslandsvertretungen in Ländern mit einer großen vietnamesischen Community Verbände auf, um diese enger an Vietnam, dessen Sprache, Kultur, aber auch dessen Politik zu binden, sowie ihren „Patriotismus und Nationalstolz“ zu fördern, wie es in offiziellen Dokumenten heißt. Krönung sind die jährlichen Weltkongresse der Auslandsvietnamesen – der nächste findet im August im Außenministerium in Hanoi statt.
Das hatte ursprünglich vor allem politische Gründe: Wenn vietnamesische Politiker im Ausland zu Besuch waren, war das oft mit regimekritischen Protesten verbunden, die der Hanoier Regierung gegenüber kritisch eingestellt waren. Mit dem Aufbau von Organisationen von Anhängern der Regierung hoffte man auf andere Stimmen. Die kamen auch und wurden in den Staatsmedien hofiert.
Zudem sind die Rücküberweisungen von Geldern von Auslandsvietnamesen ein enorm wichtiger Teil des Staatshaushaltes für Hanoi. 2025 machten diese Gelder immerhin 18 Milliarden US-Dollar aus – ein Allzeithoch. Das traditionell strukturschwache nördliche Zentralvietnam, das stark unter dem globalen Klimawandel leidet und aus dem besonders viele junge Leute von ihren Familien zum Geldverdienen ins Ausland geschickt werden, ist auf diese Gelder sogar angewiesen.
Mit Druck und Appellen
Mit Appellen in einem eigenen Fernsehsender für die nach vietnamesischen Angaben knapp sechs Millionen Auslandsvietnamesen, mit Community-Veranstaltungen mit Popstars und Wirtschaftsbossen aus Vietnam versucht Hanoi alles, damit die Gelder weiter fließen und Auslandsvietnamesen auch in Vietnam investieren.
Ist ein vietnamesischer Politiker auf Staatsbesuch im Ausland, dann gehört ein Treffen mit Auslandsvietnamesen in der Regel zu den Programmpunkten. So lobte beispielsweise Staats- und Parteichef To Lam im Mai bei einem solchen Treffen anlässlich seines Staatsbesuches in den Philippinen Auslandsvietnamesen als wichtige „Botschafter für die Förderung“ der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit.
Auch in Deutschland gehören solche Treffen zum Standard, sie finden meist im Berliner Dong-Xuan-Center statt, das dann reichlich mit vietnamesischen Staatsflaggen geschmückt ist. Der Großmarkt – Dong-Xuan ist Vietnamesisch und heißt „Frühlingswiese“ – im Berliner Stadtteil Lichtenberg bietet seit 2005 Waren und Dienstleistungen; die Handelsbeziehungen der Händler aus Vietnam, Indien, China, der Türkei und Pakistan erstrecken sich auf ganz Europa. Wenn Provinzpolitiker hierherkommen, treffen sie sich mit ihrer Landsmannschaft und werben für Investitionsmöglichkeiten in der Heimat.
Nächstes Ziel ist Tee
In Kanada, wo nach Angaben des dortigen vietnamesischen Außenhandelsbüros 300.000 Vietnamesen leben (kanadische Staatsbürger mit vietnamesischen Wurzeln werden mitgezählt) setzt Vietnam vor allem auf Unterstützung von Auslandsvietnamesen bei dem Absatz von Lebensmitteln. Das Büro verfolgt nach eigenen Angaben das Ziel, sich durch Netzwerke von Auslandsvietnamesen in lokale Vertriebswege zu integrieren.
Dadurch sei es beispielsweise gelungen, Fischsoße in das Sortiment von Supermarktketten aufzunehmen, heißt es beim Außenhandelsbüro. Das nächste Ziel sei Tee. „Vietnamesen nutzen und fördern vietnamesische Produkte“, appelliert das Büro. „Auslandsvietnamesen werden dazu aufgerufen, aktiv nach neuen vietnamesischen Produkten in ihrer Region zu suchen und Informationen darüber zu teilen“, denn das persönliche Gespräch sei manchmal effektiver als teure Werbekampagnen.
Der Förderung des Vertriebs vietnamesischer Produkte im Ausland steht allerdings gegenüber, dass im Ausland ansässige Firmen nicht ohne Weiteres eine Genehmigung zum Export aus Vietnam erhalten. Dazu müssen sie entweder eine Tochterfirma in Vietnam gründen oder mit einem dortigen Außenhandelsunternehmen kooperieren. Diese Bürokratie dient vor allem der politischen Kontrolle.
So ist der Export von knappen Gütern wie Marmor vor allem solchen Unternehmen vorbehalten, die der Hanoier Regierung politisch positiv gegenüberstehen. In den Auslandscommunitys wird fehlendes politisches Wohlgefallen und Kooperation mit Dissidenten auch mit dem Entzug von Exportgenehmigungen bestraft.







