Buch über Abweisung vertriebener Juden: Im Niemandsland

Am 28. Oktober 1938 wurde der Abiturient Marcel Reich in Berlin frühmorgens von einem Polizisten geweckt und als polnischer Jude ausgewiesen. Reich war in Berlin groß geworden und konnte kaum Polnisch. Er wollte seine Theaterkarte für die nächste Premiere am Gendarmenmarkt noch seiner Wirtin schenken. Ein bizarrer Akt von Normalität in einen Moment, in dem Normalität verdampfte. Reich wurde deportiert, überlebte das Warschauer Ghetto und wurde der einflussreichste Literaturkritiker der Bundesrepublik.

1938 war, so die Historikerin Susanne Heim, ein Schlüsseljahr für die verfolgten Juden. Nach dem Anschluss Österreichs und der Besetzung des Sudetenlands wurden Tausende Juden über die Grenze vertrieben und landeten oft wochenlang im Niemandsland zwischen den Grenzen des Deutschen Reichs, Ungarns und Polens. Die jüdische Hilfsorganisation joint schrieb, seit 1938 gebe es „einen neuen Begriff in der europäischen Geografie eingeführt: Niemandsland der Juden.“

Heim zeichnet die Chronik der Flucht aus verschiedenen Blickwinkeln nach, von Völkerbund und jüdischen Unterstützungsgruppen, NS-Regime und Flüchtlingen. Schon 1933 setzt der Völkerbund James Grover McDonald als „Hochkommissar für die Flüchtlinge aus Deutschland“ ein. Als er 1935 aufgab, schrieb The Nation, dass seine Rücktrittserklärung wahrscheinlich seine erfolgreichste Tat war. Das NS-Regime torpedierte alle Versuche einer vertraglichen Regelung, die Nachbarstaaten wollten keine deutschen Juden aufnehmen. Bis 1939 bleiben alle Versuche, die Ausreise zu organisieren, ergebnislos. Effektiv arbeiteten nur jüdische Hilfenetzwerke wie joint.

Abschreckung durch surreale Bürokratie

Die europäischen Staaten betrachteten die deutschen Juden als Wirtschaftsflüchtlinge, nicht als politisch Verfolgte. Die Flüchtlinge hatten es mit einem Wust von repressiven, widersprüchlichen Aus- und Einreisebestimmungen zu tun, einem kafkaesken bürokratischen Apparat, der Visa und Transitpapiere verlangte, die schon am nächsten Tag nichts mehr wert waren. Von Schweden bis Frankreich schreckte eine surreale Bürokratie die Exilanten ab. Der Soziologe Alphons Silbermann floh 1933 nach Paris und war mit einem Catch-22-System konfrontiert: ohne Aufenthaltserlaubnis keine Arbeitserlaubnis, ohne Arbeitserlaubnis keine Aufenthaltserlaubnis.

Ein britischer Captain urteilte, dass die Situation der deutschen Juden „verzweifelt“ sei, weil die Nazis ihnen das Kapital raubten, das sie brauchten, um zu emigrieren. Die Lage der deutschen Juden sei 1934, verglichen mit 1935, „paradiesisch gewesen“.

Es war schlimm, dann wurde es schlimmer. Das ist die Dramaturgie von „Die Abschottung der Welt“. Das einzige Projekt mit minimalen Erfolgsaussichten war der Rublee-Schacht-Plan 1939, demzufolge amerikanische Juden die Ausreise deutscher Juden mit finanzieren sollten. Mit dem deutschen Überfall auf Polen war der Plan obsolet. Die Illusion einer legalen vertraglichen Rettung war endgültig zusammen gebrochen.

Warum taten die Demokratien nichts? Die Gründe waren vielfältig. Die Briten wollten die jüdische Einwanderung nach Palästina verhindern, um dort als Mandatsmacht nicht zwischen die Fronten der jüdischen-arabischen Auseinandersetzung zu geraten. Der Interessenvertreter der französischen Juden fürchtete, dass die Emigration deutscher Juden den Antisemitismus auch gegen französische Juden anfachen könnte. US-Präsident Roosevelt hätte mehr Juden in die USA aufgenommen. Aber in den USA herrschte seit 1920 eine extrem migrationsfeindliche Stimmung. 1939 waren zwei Drittel der US-Bürger gegen die Aufnahme jüdischer Kindertransporte aus Deutschland. Trump hatte Vorläufer.

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1939 waren zwei Drittel der US-Bürger gegen die Aufnahme jüdischer Kindertransporte aus Deutschland

Die von Roosevelt einberufene Konferenz von Evian 1938 endete ohne Ergebnis. Der australische Delegierte erklärte dort, man wolle kein Rassenproblem importieren. Das kam der NS-Ideologie nah. Nach dem Scheitern von Evian jubelte das NS-Blatt Völkischer Beobachter: „Keiner will die Mischpoke haben. Judenkonferenz von Evian blamiert die internationalen Heuchler.“

Die Grenzen blieben zu – aus einer Mixtur von realpolitischen Erwägungen, Antisemitismus und Opportunismus. Nicht zu unterschätzen ist die Wirkung der griechisch-türkischen Pogrome nach dem Ersten Weltkrieg, die in Gebietstausch und dem Abkommen von Lausanne 1923 endeten. Ethnische Säuberungen waren seitdem als eine rohe Variante nationalstaatlicher Interessenpolitik akzeptiert.

Dass die Abschottungspolitik ein Abgrund war, führte die Konferenz in Bermuda 1943 überdeutlich vor Augen. Seit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 hatte das NS-Regime seine Politik radikal geändert: Die Juden wurden nicht mehr vertrieben, sondern industriell ermordet. Als Hitlers Niederlage absehbar war, bot Rumänien den Alliierten aus Opportunismus an, Tausende jüdische Kinder in Sicherheit bringen zu lassen. Ohne Echo. Der britische Außenminister Anthony Eden erklärte, man könne allenfalls ein paar Menschen retten. Die Grenzen blieben für verfolgte Juden, so Heims nüchternes Resümee, bis Mai 1945 geschlossen.

Verfolgte Juden im Osten konnte eher auf das mörderische Regime Stalins hoffen als auf Beistand aus dem Westen. Laut Schätzungen überlebten knapp 400.000 nicht sowjetische Juden, die ins Innere der Sowjetunion flohen. „Die allermeisten europäischen Jüdinnen und Juden, die den Holocaust überlebten, entkamen ihm mit der unfreiwilligen Hilfe Stalins“, so Heim, auch wenn viele in gulagartigen Arbeitslagern landeten.

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Die Abschottung der Welt

Susanne Heim: „Die Abschottung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933–1945“. C.H. Beck, München 2026, 384 Seiten, 34 Euro

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Heim entfaltet diese Chronik des Verbrechens und Versagens präzise und souverän. Wir folgen Geflohenen in die Elendsviertel von Shanghai, in Zwangsarbeiterlager in Sibirien, in die von Ruhr und Typhus verseuchten Quartiere in Taschkent und die hilfreiche jüdische Gemeinde im japanischen Kobe. Die Erzählung ist schnörkellos, analytisch, vorsichtig mit Urteilen und noch vorsichtiger mit moralischen Wertungen. Saul Friedländer hat in „Das Dritte Reich und die Juden 1939–1945“ die Blickwinkel von Tätern, Opfern und Zuschauern zu einer vitalen, dichten, komponierten Erzählung gefügt. Das gelingt Heim nicht, dafür ist ihr Stil zu spröde, die Darstellung zu verdichtet.

Angesichts der Finsternis des Geschehens wächst das Bedürfnis nach etwas Licht. Heim weist klug darauf hin, dass der Brite Nicolas Winton, als Retter jüdischer Kindern verehrt, zu diesem Ruhm kam, weil Wichtigere schon gestorben waren, die Öffentlichkeit aber nach strahlenden Figuren verlangte. Männer würden sich, so Heim, für Heldenbilder besser eignen als „ein unübersichtliches Netzwerk von unzähligen Freiwilligen, das weit überwiegend aus Frauen bestand.“

Es gibt in „Die Abschottung der Welt“ auch ein paar knapp umrissene Leuchtfiguren, etwa einen japanischen Konsul, der im Baltikum freihändig Visa ausstellte. Und einen im Buch namenlosen deutsch-jüdischen Flüchtling, der in England Altmetall stahl, verkaufte, mit dem Geld eine irische Familie bestach und 75 Vertriebene rettete. Das Legale war verbrecherisch geworden, das Illegale das moralisch Intakte.

Ganz unten in der Hierarchie des Leids

Während des Zweiten Weltkriegs waren in Europa rund 40 Millionen Menschen auf der Flucht. Die staatenlosen Juden standen in der Hierarchie des Leids ganz unten, kein Staat vertrat sie. Oft wurden sie in der Fremde zudem als Deutsche angefeindet. Hannah Arendt, von Nazi-Deutschland ausgebürgert, engagierte sich in jüdischen Fluchthilfeorganisationen und prägte die Formel, dass die Staatenlosen, „das Recht verloren hatten, Rechte zu haben“. Menschenrechte, so Arendt, zählten in der Staatenwelt nichts.

2026 sind global mehr als 120 Millionen auf der Flucht, auch Millionen Staatenlose. Anders als vor 1945 existiert ein Netz von internationalen Organisationen, vom UNHCR über Ärzte ohne Grenzen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Doch das Recht, Rechte zu haben, ist vielerorts prekär.

Heim vermeidet Aktualisierungen. Das ist eine umsichtige Selbstbeschränkung, weil es Instrumentalisierungen und moralische Indienstnahmen umschifft. Im Vorwort fragt sie kritisch, wie künftige Generationen „über die heutige Migrationspolitik urteilen“ werden. Es ist eine Frage an uns.

  • informationsspiegel

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