Krankschreibung in Schweden: „Selbstverständlich und unproblematisch“

Krankgeschrieben und trotzdem arbeiten? Das geht in Schweden schon lange. Wer noch genug Kraft hat, um eingeschränkt weiterzuarbeiten, kann in Absprache mit Ärzten und Arbeitgebern Arbeitszeit und Aufgaben anpassen. In Deutschland ist die Einführung dieser Teilzeitkrankschreibung nach schwedischen Vorbild jetzt mit dem Beitragssatzstabilisierungsgesetz, dem Krankenkassensparpaket, geplant. Doch Ärz­t*in­nen in Deutschland halten das für nicht umsetzbar. Wie klappt das in Schweden und wie hält es das Land mit Krankschreibungen generell?

Bei kurzen Erkrankungen, für die ein paar Tage Bettruhe reichen, regeln Kranke und Vorgesetzte in Schweden alles unter sich: In der Regel muss erst ab dem achten Kalendertag ein Attest vorgelegt werden.

In medizinisch eindeutigen Fällen ist das auch auf Distanz zu bekommen, jedenfalls bis zum 14. Kalendertag. Danach endet die Pflicht des Arbeitgebers, den (bereits reduzierten) Krankenlohn zu zahlen, die staatliche Sozialversicherung Försäkringskassan übernimmt den Fall und die ärztliche Begleitung wird komplexer.

Ein Blick auf die Zahlen vom Januar 2026: Da waren in Schweden laut Försäkringskassan 181.380 Menschen krankgemeldet. Davon arbeiteten 52.105 in Teilzeit weiter. Die meisten (27.091) reduzierten ihre Arbeitszeit auf 50 Prozent, 11.177 auf 75 Prozent und 13.804 auf 25 Prozent.

Arbeitgeber haben hohe Verantwortung

Dieses vierstufige Krankschreibungsmodell gibt es in Schweden seit 1990. Aber schon seit Einführung der allgemeinen Krankenversicherung 1955 war laut Mari Huupponen eine Reduzierung der Arbeitszeit um 50 Prozent möglich. Die Expertin für Gesellschaftspolitik im größten schwedischen Gewerkschaftsbund LO beschreibt die Teilzeitkrankmeldung als einen völlig selbstverständlichen Teil des Gesundheitssystems. „Sie ist außerdem ein sehr unproblematischer Teil“, sagt sie im Gespräch mit der taz.

„Wir finden die Möglichkeit gut, weil sie die Rückkehr zur Arbeit erleichtert und vielleicht sogar verhindert, dass die Krankheit schlimmer wird“, so Huupponen. Es sei meistens besser für Erkrankte, den Kontakt zur Arbeit zu behalten und nicht ganz aus ihren üblichen Strukturen herauszufallen.

Die Gewerkschaftsexpertin hebt die hohe gesetzlich geregelte Verantwortung der Arbeitgeber als entscheidend hervor. Die müssten nicht nur Teilzeitarbeit ermöglichen, sondern seien auch zu Anpassungen verpflichtet, um die Arbeitsbedingungen für betroffene Angestellte langfristig zu verbessern.

Laut einer Untersuchung der Försäkringskassan von 2023 werden solche Anpassungen vor allem dann umgesetzt, wenn erkrankte Angestellte in Teilzeit weiterarbeiten. Am häufigsten empfehlen Ärzte demnach Arbeitsplatzumstellungen bei psychisch bedingten Krankschreibungen. Die wiederum machen den größten Anteil der Teilzeitkrankschreibungen aus.

Ursprünglich sollte die Arbeitszeit täglich etwas reduziert werden. Doch das war nicht für alle Berufe und Lebensbedingungen praktikabel. Seit 2022 kann die Reduzierung flexibler über die Woche verteilt werden, etwa um lange Pendelzeiten zu vermeiden – für Huupponen eine sinnvolle Verbesserung.

Krankengeld oft niedrig

Vom Lob für das Teilzeitkrankschreibungsprinzip mal abgesehen hat die Gewerkschaftsexpertin allerdings viel Kritik am schwedischen Gesundheitssystem, oder daran, „was vom einstigen Wohlfahrtsstaat noch übrig ist“, wie sie sagt.

Allein die Höhe des Sjukpenning, des Krankengeldes, sei nicht mehr, was sie mal war. Eigentlich sollten 80 Prozent des Lohns – bei Teilzeit anteilig – ersetzt werden, doch laut Huupponen liegt die Quote inzwischen meist darunter. Die den Sozialdemokraten nahestehende Organisation LO fordert eine Anhebung der Höchstgrenze und eine Koppelung an die Lohnentwicklung. Auch die Genehmigungskriterien für Langzeiterkrankte sollten geändert werden.

In Schweden sank der Krankenstand laut Försäkringskassan ab etwa Mitte der 2000er von über vier auf zwei Prozent und hält sich seitdem auf relativ niedrigem und stabilem Niveau. Anders als etwa in Norwegen, wo die Zahl der erkrankten Berufstätigen demnach durchschnittlich höher ist und stärker schwankt – das System ist weiterhin großzügiger. In Schweden wurde es derweil erklärtes politisches Ziel, den Krankenstand zu verringern.

„Anstatt dabei aber auf Verbesserungen im Arbeitsmilieu oder bei der Rehabilitation zu setzen, hat man die Krankenversicherung im Sinne des New Public Management umgebaut“, sagt Huupponen. In der Folge wurde es schwieriger gemacht, überhaupt Ersatzleistungen genehmigt zu bekommen.

Was in Schweden passiert, wenn man länger krank ist: Arbeitgeber rufen regelmäßig an und fragen nach dem Befinden, Fallmanager der Versicherung entwickeln Rückkehrpläne mit Arzt und Personalabteilung. Nach 90 Tagen überprüft die Versicherung, ob die erkrankte Person eine andere Aufgabe bei ihrem Arbeitgeber übernehmen könnte, wie Büroarbeit statt schwerer körperlicher Tätigkeit. Ist das nicht der Fall, geht es vorerst weiter, aber nach 180 Tagen wird geprüft, ob die Arbeitsfähigkeit vielleicht für eine ganz andere Tätigkeit ausreicht. Sieht die Versicherung das als gegeben an, kann sie das Krankengeld streichen. Nach einem Jahr wird es für weiterhin Berechtigte auf 75 Prozent des ursprünglichen Gehalts gekürzt.

Es gilt das Prinzip Kontrolle

„Das System verlangt heute sehr viel von dem Einzelnen“, kritisiert Huupponen. „Nicht alle Menschen haben die Kapazität, einen neuen Beruf zu lernen oder umzuziehen“, sagt sie. Für solche bräuchte es ein anderes System.

Das jetzige System beinhaltet zahlreiche Maßnahmen zur Wiedereingliederung, wie mehrwöchiges Probearbeiten ohne Einbußen beim Krankengeld, Arbeitstraining, Arbeitsmarktschulungen, Arbeitstherapie. Der Anspruch auf Krankengeld kann gekürzt oder gestrichen werden, wenn die Betroffenen Bedingungen nicht einhalten – oder wenn die Behörde trotz ärztlichem Attest meint, es bestehe kein Anspruch.

LO-Expertin Huupponen sagt: „Anstatt den Menschen zu festen Zeitpunkten mit Kontrollmechanismen Angst zu machen, sollten sie zu Momenten der Unterstützung umgewandelt werden, an denen man noch einmal individuell schaut, was den Betroffenen helfen könnte.“ Und zwar allen, unabhängig vom Prozentsatz der Krankschreibung.

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