Büchner-Preisträgerin Christine Wunnicke: Fröhliche Wissenschaft und heitere Aufklärung

Es ist nicht gerade so, dass es in der deutschsprachigen Literatur viel Grund zum Amüsement gäbe oder gar zum Lachen. Schwere, Pein und Ernst führen meist die Dichterfeder, und wenn man sich die Liste der Büch­ner­preis­trä­ge­r:in­nen der letzten Dekaden anschaut, dann muss man nach Leichtigkeit, Esprit und Witz eher mit der Lupe suchen. Umso verwunderlicher ist es, dass sich die Jury des wichtigsten Literaturpreises des Landes in diesem Jahr für eine Autorin entschieden hat, die in ihren kammerspielhaften Romanen federleicht zwischen intellektueller Durchdringung historischer Konstellationen und geistreicher Komik vermittelt.

Die 1966 in München geborene Christine Wunnicke, zumindest bis vor drei, vier Jahren in jedem über sie erscheinenden Artikel mit dem Attribut des „Geheimtipps“ versehen, wird nun also von der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt wunderbarerweise „für ihr stets überraschendes und souverän konzipiertes Erzählwerk“ ausgezeichnet. Gelobt wird die „Verblüffungskraft dieses Œuvres, sein unbekümmerter Eigensinn, die unbeirrbare Arbeit eines Vierteljahrhunderts“.

Auch wenn die publikumsscheue Autorin erst seit wenigen Jahren eine größere Zahl von Leserinnen und Lesern begeistert, inzwischen auch vielfach geehrt wurde, etwa mit dem Wilhelm-Raabe- und de Jean-Paul-Preis, so hat sie doch über lange Zeit kontinuierlich an einem unvergleichlichen, eigenständigen Werk gearbeitet. Und über die Jahre eine illustre und groteske Figurenfamilie um sich geschart: einen schottischen Rockmusiker etwa; einen schwulen Cowboy („Brokeback Mountain“ ist dagegen geradezu Kindertheater); die zwei Filmpioniere Selig und Boggs; den von einer Form der Hysterie befallenen japanischen Nervenarzt Shimamura oder einen viktorianischen Geist namens Katie.

Oftmals sind diese Figuren nicht nur exzentrisch und mit einer jeweils sehr besonderen Obsession gesegnet, sondern auch historisch verbürgt – wenngleich sie in Wunnickes Büchern ein bizarres Eigenleben entwickeln. Auf die Frage, in welchen entlegenen Bibliotheken und Nachschlagewerken sie nach ihren Hel­d:in­nen und Geschichten fahndet, sagte Wunnicke einmal: „Die finden mich, da muss ich nicht suchen. Die fliegen mir zu.“

An ihren Doktor Shimamura ist sie zum Beispiel über Google geraten – ein falscher Suchbegriff hat sie auf verschlungenen Pfaden nach Japan und zur Fuchskrankheit geführt. Ihrem Roman „Katie“ ging ein von ihr verfasstes Radiofeature für den SWR zum Thema „Spiritismus“ voraus, und bei der weiteren Recherche stieß sie dann auf ihre Held:innen.

Wunnickes erzählerische Kunst besteht darin, durch die mikroskopisch genaue Erkundung eines kleinen historischen Ausschnitts ins Zentrum von mentalitätsgeschichtlichen Zuständen vorzustoßen – solchen, die sich häufig an gegenwärtige Diskurse anschließen lassen. Wenn sie etwa wie in ihrem jüngsten Roman „Wachs“ eine Liebesgeschichte im revolutionären Frankreich erzählt, zwischen der Pflanzenmalerin Madeleine Basseporte und der Wachs-Anatomin Marie Biheron, so richtet sie verfremdet und pointiert zugleich den Blick auf aktuelle Genderdebatten und macht daraus etwas Verspieltes, Überzeitliches, auf schöne Weise Verstörendes. Sie schreibt damit zugleich eine Gegengeschichte, verweist aufgeblähte Männer in Nebenrollen, beweist ein feines Sensorium für die Mechanismen von Überlieferung und Macht.

Christine Wunnicke betreibt in ihren satirischen Vivisektionen, atmosphärischen Zeitporträts, liebevollen Charakterstudien fröhliche Wissenschaft und heitere Aufklärung. Sie decouvriert Mythen und macht das Mythische im Faktischen kenntlich, und das auf so wenig Raum und auf so kluge Weise, dass man über den Reichtum der schmalen Bücher bei jeder Lektüre staunen muss. Tatsächlich ist Wunnicke selbst obsessiv, wenn es um die Hintergründe ihrer Bücher geht, um Recherche und Zeitkolorit. Aber gleichzeitig pocht sie auf die Freiheit der Literatur. „Wenn ich einen Roman schreiben will, dann mach ich eh, was ich will. Steht ja Roman drauf. Ich recherchiere halt, was ich kriegen kann“, sagte sie vor ein paar Jahren im Gespräch. Und was nicht zu kriegen ist, muss erfunden werden. Weniger wahr wird es dadurch nicht.

Alle möglichen Register bedient

Das eigentlich Besondere aber ist, wie sie das macht – mit einer Sprache, die sich aller möglichen Register bedient, von historischen Fachsprachen bis zur Ironie, von der gedrechselten Wendung bis zum groben Dialog. Von „subtilem Sprachwitz“ ist in der Würdigung der Darmstädter Akademie die Rede. Wo wir beim schönen Eigensinn der Jury wären, eine sprachmächtige Autorin auszuzeichnen, die dazu noch mit tiefgründigem Humor ausgestattet ist.

Wer ihre Bücher liest, wird nicht nur klüger, sondern wird auch blendend unterhalten. Und vermutlich von einem „kleinen Lachen“ ergriffen, das sie ihrem Helden in der „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ gestattet: „Fuchsgeist, sagte Shimamura Shunichi. Er sprach das Wort immer im Wiener Tonfall aus, weil er es in Wien zum ersten Mal auf Deutsch gesagt hatte. Fuchsgähst. Er lachte das kleine Lachen, das für dieses Wort reserviert war. Dann schlief er ein.“

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