Verbotene Liebesbeziehungen im NS-Staat: Und sie sind doch da

Das Gefühl, anders zu sein als die anderen, anders als die übrigen Kinder in der Schule, anders als die Freunde, der eigene Partner – das ist ein charakteristisches Gefühl für Kinder aus verbotenen Beziehungen. Das Gefühl, allein zu sein, haben viele von ihnen immer wieder in ihrem Leben gehabt, und etliche waren auf der Suche nach Menschen mit ähnlichen Biografien.

Gerd Raatz hat diese Gefühle im September 2023 beim ersten Projektforum in Sandbostel verloren: „Ich fühle mich jetzt nicht mehr allein“, sagte Raatz, Jahrgang 1943, damals. Bis dahin, bis zu seinem 80. Geburtstag, kannte er nur den Vornamen seines Vaters. Der war französischer Kriegsgefangener und dank des Teams des Projekts „trotzdem da“ gelang es schließlich, etliche der weißen Flecken in der Biografie von Gerd Raatz zu füllen. Schließlich konnte er Kontakt zu einer Halbschwester in Frankreich aufnehmen. Auch die Begegnung mit anderen Menschen mit ähnlicher Biografie hat ihm gutgetan.

Gerd Raatz ist eines dieser Kinder, die „trotzdem da“ sind. Eines von mehr als zwanzig Kindern aus verbotenen Beziehungen, die das Team der Gedenkstätte Lager Sandbostel ausfindig gemacht und interviewt hat. Für sie hat sich die Geschichtsschreibung lange nicht interessiert, ihre Herkunft und ihr Schicksal wurden in der deutschen Gesellschaft selten bis gar nicht thematisiert.

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Lucy Debus, Andreas Ehresmann (Hsg.): „trotzdem da! Kinder aus verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangs­arbeiter*in­nen“. Stiftung Lager Sandbostel/Assozion A, Hamburg 2026, 168 S., 24 Euro

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„Russenkind“ wurde Katharina Sämann in Worpswede hinterhergerufen, als sie acht, neun Jahre alt war. „Franzosenkind“, riefen die anderen Kinder Eduard Sprök hinterher, bei Rosa Trettin riefen die Jungs „Polak“ – dann hat sie zugehauen. Erinnerungen, die wehtun. Ausgrenzung war Alltag im Leben vieler dieser Kinder, die „trotzdem da“ waren, obwohl für sie kein Platz in der ideologisch definierten NS-Volksgemeinschaft vorgesehen war.

Doch bei rund 35 Millionen Kriegsgefangenen und 8,5 Millionen ausländischen Zwangs­ar­bei­te­r:in­nen im Deutschen Reich waren Kontakte, auch direkte und engere, schlicht nicht zu vermeiden. Schon 1942 schätzte die NSDAP die Zahl der aus verbotenen Beziehungen hervorgegangenen Kinder auf 20.000. Eine Zahl, die nicht überprüfbar ist, die allerdings bis zum Ende des Krieges noch deutlich gestiegen sein dürfte, auch wenn die Nationalsozialisten alles taten, um abzuschrecken. „Ein Butterbrot – ein Jahr Gefängnis; ein Kuss – zwei Jahre Gefängnis; Geschlechtsverkehr – Kopf ab“, lautete der abschreckende Nenner, auf den es Walter Müller, Präsident des Landgerichts Köln, brachte.

Doch die Abschreckung funktionierte nicht, trotz der öffentlichen Hinrichtung polnischer und sowjetischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter oder des Scherens des Kopfes von Frauen. Das belegen auch die Ausländerkinder-Pflegestätten, in denen Kinder von Zwangs­ar­bei­te­r:in­nen aus Polen und der Sowjetunion aufgenommen, zur Zwangsadoption freigegeben, aber auch gezielt vernachlässigt wurden. Mindestens 50.000 Kinder haben diese Heime nicht überlebt, so Schätzungen.

Auf all diese Facetten von verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangs­ar­bei­te­r:in­nen geht „trotzdem da“ ein. Der Katalog zur Wanderausstellung, die derzeit in Berlin gastiert, funktioniert wie ein Scheinwerfer, der ein Thema in den Fokus der Erinnerungskultur rückt, das viel zu lange übersehen wurde und das weiter erforscht werden sollte.

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