Spaniens Triumph im WM-Finale: Ein kleiner Sieg für den Fußball

Wie viele neutrale Fußballfans mögen sich wohl still und leise bedankt haben bei Ferrán Torres? In der 106. Minute dieses Finals legte Nico Williams im Strafraum per Kopf vor, nicht ganz klar, ob das überhaupt so gewollt war, dann drosch Torres den Abstauber für Spanien ins Netz. Besonders elegant war das 1:0-Endergebnis nicht herausgespielt, es roch eher nach Arbeit als Magie. Aber gegen Argentinier, die sich des Fußballspielens verweigerten, zählte Glanz längst nicht mehr.

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Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

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Zwanzig Torschüsse standen am Ende für den neuen Weltmeister Spanien zu Buche, ganze zwei für Argentinien. Dessen Spielidee bestand darin, Spanien mit nickeligen Fouls das Fußballspielen madig zu machen. Zumeist gelang das. Und irgendwann vor Minute 106 in der Verlängerung beschlich einen dieser Gedanke: Würde es am Ende so laufen wie immer in der K.o.-Phase dieses Turniers? Würde Argentinien wieder gewinnen mit diesem schwer erträglichen Geholze?

Ferrán Torres und Kollegen hatten was dagegen. Nachdem Argentinien sich kurz vor der Verlängerung selbst durch eine überfällige Gelb-Rote Karte für Enzo Fernández geschwächt hatte, fand Spanien mehr Lücken. Es half auch, dass Luis de la Fuente klug wechselte, unter anderem den wieder sehr umtriebigen Mikel Merino brachte und den feinen Techniker Nico Williams, der auf links das Spiel breiter machte und damit auch Yamal half. Und eben Torres. Wie schon gegen Portugal entschieden die Joker das Spiel. Insgesamt dreimal traf Spanien in der Verlängerung den Kasten, zu Recht zählte nur einer der Treffer.

Zähes Finale, unterhaltsame Verlängerung

Damit war die Verlängerung gewiss der unterhaltsamste Teil eines sonst an Chancen armen und zähen Finals. Argentinien hatte das Spiel auf sein Niveau runtergezogen, und weil Spanien zugleich die argentinische Offensive so effizient aus dem Spiel nahm wie zuvor schon die von Frankreich, passierte sehr lange nicht viel – abgesehen von Fouls.

Ein Arbeitssieg war es letztlich für den neuen Weltmeister – gegen einen alten Weltmeister, der so klar seinen Zenit überschritten hatte, dass er Spanien spielerisch wohl gar nicht hätte stellen können. Lionel Messi, bei seiner nun vielleicht wirklich allerletzten WM angelangt und am Schluss in Tränen, blieb unsichtbar. Und das sagenumwobene Glück der Argentinier in den letzten Spielminuten bei dieser WM schien nun auch mal aufgebraucht.

Lob des Weltmeisters

Was für ein Team dagegen bietet wieder einmal der neue Weltmeister Spanien! Der erst 19-jährige Innenverteidiger Pau Cubarsí wurde völlig zu Recht als bester Nachwuchsspieler des Turniers ausgezeichnet. Der gleichaltrige Lamine Yamal sah Licht und Schatten, aber gibt natürlich reichlich Versprechen. Architekt Rodri spielte ein brillantes Turnier mit umwerfenden 93 Prozent Passgenauigkeit bis zum Finale; ebenfalls groß waren der oft unterschätzte Dani Olmo sowie Marc Cucurella auf links. Viele erfahrenere Spieler der zweiten Reihe glänzten, darunter Fabián Ruiz und Mikel Oyarzabal.

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Politische Instrumentalisierung gab es dann auch noch – wen wundert’s bei dieser WM

Und dann hat Spanien ja auch noch den mit einer Verletzung zur WM angereisten Nico Williams und den diesmal formschwachen 23-jährigen Hochbegabten Pedri zu bieten. Schwer vorstellbar, dass diese erneute Dominanzphase der Spanier mit diesem WM-Titel endet. Und wer amtierender Weltmeister bei Männern und Frauen, dazu bei beiden Geschlechtern U19-Europameister und amtierender Europameister der Männer ist, macht jedenfalls nicht so viel verkehrt.

Auftritt Donald Trump

Politische Instrumentalisierung gab es dann auch noch – wen wundert’s bei dieser WM. Die Fifa gestattete Donald Trump freundlich, sich wie schon bei der Klub-WM als Teil der Siegesfeier zu inszenieren und die gewünschten Propagandabilder zu schaffen.

Es war die nächste höchst unangenehme WM-Siegerehrung, nachdem 2022 der Autokrat Tamim bin Hamad Al Thani ein katarisches Gewand um den überrumpelten Messi gelegt und damit das eigene Emirat symbolisch auf jedem Siegerbild verewigt hatte, und 2023 der damalige spanische Verbandspräsident Luis Rubiales seine Spielerin Jenni Hermoso mit einem übergriffigen Kuss demütigte. Wer mehr über den Zustand des internationalen Fußballs wissen will, braucht sich nur WM-Siegesfeiern anzusehen.

Die extra laut gedrehte Musik konnte übrigens nicht verhindern, dass die Buhrufe gegen Trump und Infantino deutlich vernehmbar waren, als die beiden das Spielfeld betraten. Gern wollte Donald Trump den Pokal überreichen, als erster Staatschef überhaupt und mit klarem Narrativ: ein Weltmeister von Gnaden eines US-Präsidenten. Fifa-Präsident Gianni Infantino dürfte indes aufgefallen sein, dass nach all den Vorwürfen, er habe den Fußball in Trumps Hände gegeben, es vielleicht ungünstige Bilder produzierte, wenn er den WM-Pokal wörtlich Trumps Händen überließe.

So tänzelten die beiden im Gleichschritt in Richtung des spanischen Teams, mit allen vier Händen am Pokal. Die zutiefst lächerliche Szene hatte etwas von Verrenkung beim Kindergeburtstagsspiel. Und jeder wollte steuern.

Nach der Übergabe weigerte sich Trump zunächst, die Bühne zu verlassen, wie schon bei der Klub-WM. Infantino machte einen halbherzigen Versuch, ihn aus dem Weg zu zupfen, dann überließ er dem faschistoiden Milliardär und Kriegstreiber höflich das Podium. Und Trump platzierte sich auf dem Siegerfoto. Welche Regierung diese WM zur Imagepflege nutzte, auch das also wird künftigen Generationen bildlich in Erinnerung bleiben.

Am Ende hat der Fußball gewonnen

Sportlich immerhin lässt sich bilanzieren, dass der Fußball am Ende gewonnen hat. Und das, obwohl es zwischenzeitlich wirkte, als hätten die USA und die Fifa ein allzu spürbares Interesse an einem WM-Titel für Messi in seiner Wahlheimat. Spanien hat das zu verhindern gewusst. Das Team von Luis de la Fuente hat den Wettbewerb dabei nicht zweifelsfrei dominiert.

Auch im Finale war spürbar, dass oft ein klassischer Vollstrecker im Sturm fehlt und zu viele gute Chancen nicht verwertet werden. Etwas zu kompliziert wollten es die Spanier machen. Aber am Ende machten sie es eben. Die Argentinier erwiesen sich als so schlechte Verlierer, wie sich schon während des Spiels befürchten ließ. Leandro Paredes ging nach Abpfiff erst Eric García an die Kehle und schlug dann Gavi ins Gesicht, er sah dafür Rot. Gewonnen hat am Ende der Anstand im Fußball. Zumindest ganz kurz mal bei dieser WM.

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