Nach dem CSD-Anschlag ins Café Keese: Als sei die Welt noch in Ordnung

E s ist nicht der richtige Moment, um feiern zu gehen, dieser Samstagabend. Erst beim Reinfahren in die Stadt erfahren wir von dem mutmaßlichen Anschlag auf den CSD. Viel weiß man noch nicht, außer, dass man eigentlich nichts weiß. Wir waren draußen in Brandenburg gewesen, bei Freunden mit Kind und Haus, und hatten in diesem kleinen Stück heiler Welt Kaffee und Kuchen gegessen.

Jetzt fahre ich uns auf dem Moped über den Ernst-Reuter-Platz. Die Stimmung der wenigen Leute, die vereinzelt herumlaufen, wirkt gedrückt. Am Tiergarten dann die Polizeisperre, nur die leeren Flaschen, der Müll auf den Gehwegen und die vielen Polizei-Wannen erinnern daran, dass hier bis vor Kurzem eigentlich ein großes Fest stattgefunden hat. Nun wird hier wohl nach einem Täter gefahndet. Ich fahre uns nach Hause. Einschlafen können wir lange nicht, viel Neues erfahren wir über die News-Apps aber nicht.

Am nächsten Tag ploppen immer wieder Nachrichten von Freunden auf: „Geht es euch gut?“ „Bist du in Berlin, warst du auf dem CSD?“ Draußen regnet es. Du machst dann doch irgendwann das Radio aus, seit Stunden berichten sie auf Deutschlandfunk nichts Neues. „Lass uns vor die Tür gehen“, sagst du. „Bringt ja nichts, den ganzen Tag hier rumzusitzen.“

Gedankenverloren laufen wir entlang der Straße des 17. Juni, vorbei an den leeren Gebäuden rund um die TU. Ab und zu fährt ein Polizeiwagen mit Blaulicht und Martinshorn an uns vorbei. Ich frage mich, ob das was mit der Fahndung zu tun hat.

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Die rund 20 Paare in weißen Hemden und blumigen Kleidern gehen wirklich voll ab

Schließlich laufen wir an einem Schaufenster vorbei, in dem mit regelmäßigen Discofox-Abenden geworben wird. Mit seinen Diskokugeln und dem weißen Lamellenvorhang vermittelt es in etwa den gleichen Vibe wie der 70er-Jahre-Partykeller meiner Großeltern. Café Keese steht in großen grünen Lettern aus derselben Zeit darüber. Und in geschwungener Schrift „Honi soit qui mal y pense“ („Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“). So oft hatte ich schon von diesem kultigen Tanzlokal gehört, jetzt stehen wir direkt davor.

Bier nur am Tresen

Ein älterer Mann mit weißem nach hinten gekämmtem Haar und perfekt sitzendem hellen Anzug tritt auf die Straße. Hinter ihm erkenne ich den riesigen fensterlosen Tanzsaal, noch mehr Diskokugelgeglitzer, Glitzervorhänge und rot bezogene Ecksofas. Sowie weiteren stylischen Tanzlokal-Stuff aus den 60er oder 70er Jahren, von dem ich nicht mal den Namen kenne. Und – so heißt es im Schaufenster – es soll sogar Tischtelefone geben. „Komm, lass uns hier ein Bier trinken“, sage ich.

Im Eingangsbereich stehen zwei Frauen im fortgeschrittenen Alter, auch sie in schicken, pastelligen Ausgekleidern. „Wo wollen Sie hin?“, fragt uns die Frau an der Garderobe und zeigt auf ein Schild: acht Euro Eintritt. Daneben liegen noch die Bingokarten mit durchgestrichenen Zahlen von heute Mittag. „Wir haben aber nicht mehr lange auf“, fügt sie hinzu. Dass wir doch nur ein Bier trinken möchten, sagst du.

Daraufhin verschwindet sie im Lokal, kommt kurz darauf wieder und sagt: „Okay, Sie können reingehen, aber nur, wenn Sie ihr Bier am Tresen trinken. Und tanzen geht dann leider auch nicht.“ Wir bedanken uns, ich grinse dich an, weil ich mir gerade vorstelle, wie wir beide zwischen den ganzen Ü70-Leuten zum Discobeat das Tanzbein schwingen.

„Crying at the discotheque“, heißt es hier gerade. Mich würde aber auch nicht wundern, wenn gleich Udo Jürgens um die Ecke käme und „Aber bitte mit Sahne“ von der Bühne trällern würde, denke ich mir, während wir auf den Barhockern Platz nehmen. Wir beobachten ein wenig, wie die rund 20 Paare in weißen Hemden und blumigen Kleidern wirklich voll abgehen. „Geil“, sage ich, als wir mit unseren Gläsern Berliner Kindl anstoßen und bereue ich es jetzt doch etwas, dass wir hier am Rande sitzen bleiben müssen. „Damenwahl“ leuchtet es über dem DJ-Pult immer wieder auf. „Die sind fitter als manch einer in meiner Generation“, sage ich.

Und kurz wirkt es hier drin, als sei die Welt noch in Ordnung. Wobei, vermutlich war sie das im Westberlin der 70er genauso wenig wie heute.

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