Die Gesellschaft steckt in einer Vertrauenskrise. Und die zeigt sich auch im Journalismus. Laut „Digital News Report“, einer internationalen Befragung des Reuters Institute, vertrauen nur noch 37 Prozent der befragten Personen den Medien. Vor zehn Jahren waren es noch 45 Prozent. Die große Frage lautet daher: Wie kann Journalismus dagegen bestehen?
Manche sehen eine Antwort in radikaler Transparenz. Einer davon ist Eliot Higgins, der Gründer der Rechercheplattform Bellingcat. Er sagte einmal: „Wahrheit ist nicht mehr genug.“ Gleichzeitig beanspruchen viele, genau diese Wahrheit als Einzige zu kennen. Deswegen setzt Bellingcat auf sogenannte Open Source Investigations, oft auch Osint genannt.
Gemeint sind damit Recherchen, die bereits öffentliche Quellen nutzen. Journalist:innen begeben sich dabei auf digitale Spurensuche. Sie finden Beiträge in sozialen Medien, analysieren Satellitenbilder oder Flugtrackerdaten, öffentliche Protokolle, Metadaten von Fotos, scrollen durch alte Webseiten in Internetarchiven und recherchieren alles, was man vom Schreibtisch aus herausfinden kann, ohne dass man jemanden anrufen muss oder geheime Informationen benötigt.
Dafür genutzt werden oftmals Osint-Tools, also digitale Werkzeuge, die die Recherchen vereinfachen. Es gibt einiges im Angebot, etwa Plattformen, die das Internet sehr genau nach Gesichtern durchforsten können, oder ein Programm, das auflistet, auf welchen Websites eine eingegebene E-Mail-Adresse mit Profilen verknüpft ist – praktisch Schuhabdrücke im Netz, die den Journalist:innen Hinweise liefern.
Einige Beispiele für Ergebnisse solcher Recherchen, die allein mit öffentlich verfügbaren Quellen arbeiteten: eine minutengenaue Rekonstruktion des Sturms aufs Capitol 2021, Beweise für das Massaker in Butscha 2022 oder die mutmaßliche RAF-Terroristin Daniela Klette, deren öffentliches Facebook-Profil 2023 von einem Bellingcat-Journalisten innerhalb weniger Minuten entdeckt wurde.
Inspriationsquelle: Geheimdienst
Als sich Bellingcat 2014 gründete, waren sie Pioniere auf diesem Feld. Osint war im Journalismus kein Begriff. Vielmehr stammt Osint aus dem Geheimdienstbereich – erkennbar an der Endung -int des Akronyms, die für intelligence steht.
Schon Ende der 1990er Jahre entdeckte der US-amerikanische Geheimdienst das Potenzial öffentlicher Quellen für seine Arbeit. Nun sind Journalist:innen keine Geheimagent:innen. Ihr Ziel ist sogar das Gegenteil, nämlich Öffentlichkeit herzustellen. Auch deswegen wird der Begriff mittlerweile sehr kritisch betrachtet, und viele Journalist:innen sprechen in diesem Bereich lieber von Open-Source-Recherchen. Aus Platzgründen wird hier trotzdem das Wort Osint genutzt.
Richtig bekannt wurde Bellingcat mit Ermittlungen zum Absturz einer malaysischen Passagiermaschine mit der Flugnummer MH17, die 2014 von den Niederlanden auf dem Weg nach Malaysia über der Ukraine abgeschossen wurde. Einzig mit öffentlich zugänglichen Daten wie zum Beispiel Facebook-Posts von Anwohner:innen in der Region konnte die Gruppe belegen, dass Russland verantwortlich war.
Mit forensischer Bildanalyse, dem Tracking von über 200 Profilen russischer Soldaten und Satellitenbildern der Abschussstelle wies Bellingcat nach, dass es sich um einen russischen Raketenträger gehandelt hatte. Ihren kompletten Rechercheweg haben sie online gepostet, Schritt für Schritt.
Quellenschutz ist das höchste Gebot
Gerade im investigativen Journalismus ist das ungewöhnlich, denn dort gilt als höchstes Gebot der Quellenschutz. Formulierungen wie: „Der Name wurde von der Redaktion geändert“, oder: „Die Dokumente liegen uns vor“, sind daher in investigativen Recherchen häufig.
Als Beispiel: Die beiden Journalisten, die die Watergate-Affäre des US-Präsidenten Richard Nixon aufgedeckt hatten, schützten „Deep Throat“, die wichtige Quelle ihrer Berichterstattung. Sie offenbarte sich nach 30 Jahren selbst.
Seitdem hat sich einiges an der Medienlandschaft geändert. Das Publikum ist nicht mehr von Journalismus abhängig, um an Nachrichten zu gelangen. Jede:r mit Internetzugang kann mitreden. In den sozialen Medien kann sich jede:r eine öffentliche Plattform nehmen, dieses Privileg ist nicht mehr exklusiv Medienhäusern vorbehalten.
Passives Publikum wird aktiv
Im letzten Jahrhundert hatte die Presse praktisch ein Nachrichtenmonopol. Journalist:innen bestimmten, was es in die Zeitung, die Abendnachrichten oder die Radiosendung schaffte. Sie hatten eine Gatekeeper-Rolle und waren wie Türsteher:innen, die entscheiden, welche Informationen sie durchlassen und welche nicht.
Das Publikum bestand allein aus Rezipient:innen, erhielt also nur Nachrichten, bestimmte sie aber nicht selbst mit. Mittlerweile ist das anders geworden. Das Publikum fungiert nicht mehr nur als passive Zuschauer:innen, sondern nimmt aktiv teil.
Ein automatischer Anspruch auf Glaubwürdigkeit allein durch den journalistischen Beruf ist nicht mehr gegeben. Wer daher genau offenlegt, wie recherchiert wurde und woher genau welche Informationen stammen, vermittelt gleichzeitig: Du musst mir nicht glauben, nur weil ich Journalist:in bin. Ich liefere dir die Beweise.
Die journalistische Arbeit mit sowieso schon öffentlichen Quellen kann einen neuen Grad an Transparenz gegenüber dem Publikum ermöglichen. Immer mehr Redaktionen bauen Ressorts auf, die sich auf Open-Source-Recherchen fokussieren.
Mehr Ressorts mit Osint
Besonders seit der Vollinvasion Russlands in der Ukraine 2022 sind Osint-Methoden im Journalismus sehr viel verbreiteter geworden. Soldat:innen posten Videos – in den Redaktionen werden sie geolokalisiert und verifiziert. Das Kriegsgeschehen auf den Bildschirmen, weit entfernt von der Front.
Die New York Times beschäftigt seit 2017 in ihrem Visual Investigation Team Journalist:innen, die sich mit forensischer Bildanalyse auskennen. Vieles von dem Material, das sie untersuchen, stammt aus sozialen Medien. Auch die BBC hat seit 2023 ein spezialisiertes Team, das sich auf diese Art der Recherche konzentriert.
In deutschen Redaktionen ist Osint weniger organisiert. Es gibt eher einzelne Journalist:innen, die sich auskennen. Oft nutzen auch Faktencheckteams viele Osint-Methoden, wenn sie Informationen verifizieren. Einige wenige Formate wie das investigative Dokuformat „Die Spur“ vom ZDF erwähnen, dass sie vermehrt auf Osint-Methoden setzen wollen.
Transparenez als Waffe
Ist Open-Source-Recherche der Weg, das Vertrauen des Publikums zurückzugewinnen? Manisha Ganguly bezweifelt das. Sie ist investigative Journalistin und seit mehreren Jahren Leiterin des Visual-Investigations-Teams des Guardian. Hier hat sie das Open-Source-Rechercheteam aufgebaut.
Sie sagt, wenn Leute schon von einer gegenteiligen Sache überzeugt seien, ändere ein transparenter Rechercheweg nichts. „Die Transparenz kann gegen einen verwendet werden“, sagt Ganguly der taz. Wenn nicht nur das Ergebnis präsentiert wird, sondern auch der Weg dorthin, könnten Recherchen leichter angezweifelt werden.
„Menschen wollen nur noch glauben, was sowieso zu ihren politischen Überzeugungen passt“, sagt sie. Oft gehe es nur noch um Emotionen. Dagegen mit der analytischen Herangehensweise von Open-Source-Recherchen anzukämpfen, sei schwer.
Die Menschen nicht vergessen
Als Ganguly vor Jahren begann, Osint für ihre journalistische Arbeit zu nutzen, berichtete sie vor allem zu Krisengebieten. Damals war es der Krieg in Libyen, später die Kriege in der Ukraine und Gaza. Denn die Methoden ermöglichen es ihr, auch dann weiterzuberichten, wenn es schwer ist, physisch vor Ort zu sein. Mit Satellitenbildern analysierte Ganguly zum Beispiel das Ausmaß der Zerstörung in Gaza.
Dabei ist ihr wichtig, dass Osint nie als einzige Methode eingesetzt werden sollte. „Es braucht zusätzlich immer menschliche Quellen“, sagt sie. Etwa Expert:innen, die sich mit Kriegswaffen auskennen und sie verifizieren.
Noch ein Aspekt kommt hinzu: Transparenz kann gefährlich sein. Ein Beispiel: Ein Journalist verwendet ein Video von Facebook aus einem Kriegsgebiet, um in seinem Artikel den Rechercheweg zu erklären. Die Person, die das Video hochgeladen hat, spielt dafür vielleicht gar keine Rolle. Aber für sie bedeutet die viel breitere Öffentlichkeit, die der Journalist erreicht, plötzlich im Scheinwerferlicht zu stehen. Eine Gefahr für jede:n, der oder die sich verstecken muss.
Auch wenn es um andere Bereiche geht, viele Osint-Methoden kommen digitalem Stalking gleich. Ein Foto aus dem eigenen Garten auf Instagram – ein erfahrener Osintler findet die Adresse heraus. Oft sind sich Menschen nicht bewusst, wie viel sie im Internet öffentlich teilen. Das heißt aber nicht, dass sie auch Personen von öffentlichem Interesse wären.
Redaktionen im Osint-Hype
„Letztlich sind Osint-Methoden ein Werkzeug. Man kann damit Gutes und Schlechtes tun“, sagt Ganguly. Im Jahr 2026 sei sowieso keine Recherche ohne einen Osint-Anteil.
Aber Ganguly beobachtet eine Fetischisierung des Begriffs. „Alle wollen plötzlich Osint-Leute im Team haben, wissen aber gar nicht, was das bedeutet“, erzählt sie von ihren Erfahrungen. Osint werde als günstiges Wundermittel für bildstarke Beiträge betrachtet. Osint-Washing, sozusagen. Stattdessen sollten Journalist:innen lernen, die Methoden richtig einzusetzen. Das Ziel müsse immer sein, Mächtige zur Verantwortung zu ziehen, sagt Ganguly.







