W ie gut, dass ich die Welt noch nicht verstand, als wir uns vor einer Ewigkeit auf den Weg von Kabul in Afghanistan nach Berlin machten. Es wäre die erste große Enttäuschung meines Lebens geworden. Eines Lebens, das erst wenige Jahre zählte, aber gerade deshalb eine umso größere Fallhöhe gehabt hätte.
Wäre „online gehen“ damals schon möglich gewesen und ich im lesefähigen Alter und meine Eltern im Besitz eines Handys mit Internetzugang, hätte ich am Vorabend unserer Flucht bereits die Flucht ergriffen, mit ihrem Smartphone unter meiner Bettdecke – und nachgeschaut: Wo genau liegt eigentlich dieses verheißungsvolle Berlin?
Schnell wäre ich wohl auf eine Karte gestoßen, die sich mir zwar topografisch noch nicht erschlossen, mich aber gerade aus diesem Grund beruhigt hätte. Geologisch gesehen war ich nämlich ein verwöhntes Kind: Kabul befindet sich 1.800 Meter über dem Meeresspiegel und liegt zwischen den massiven Ausläufern des Hindukuschs, deren höchste Gipfel sich fast 3.000 Meter über das Kabuler Becken erheben. An kaum etwas aus meiner frühen Kindheit erinnere ich mich so plastisch wie an diese imposanten Berge.
Ich hätte also unter meiner Bettdecke gehockt, neugierig in die Karte gezoomt und mich beim Lesen der Ortsteile gefreut wie ein, nun ja, kleiner Junge. So viele Berge! In meiner Fantasie wäre es aus dem Kabuler Talkessel in das Berlin der großen Erhebungen gegangen. Mit epischer Vorfreude auf die sakrale Aura des mit seinem Kruzifix über den Wolken ruhenden Kreuzbergs, auf den über den Osten thronenden Lichtenberg und die einzigartige Ästhetik des kargen Schönebergs.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Vermutlich hätte ich Jahre später, natürlich nur in Begleitung eines erfahrenen Bergführers, die für ihre Wetterumschwünge berüchtigte Berliner Version des K2 bestiegen – den Prenzlauer Berg. Ich wäre auf den langen Kämmen der Arkenberge im Berliner Norden gewandert und in den tiefen Tälern der Müggelberge in die Pilze gegangen. Holla die Bergfee! Und das sind noch nicht mal alle.
Platter als eine Flunder
Dann aber – mit dem Landeanflug auf Westberlin – der schlagartige Druckabfall in der Kabine meiner Kinderseele. So weit mein tränenreicher Blick gereicht hätte: alles nur ein Fleckchen Erde, das im Vergleich zu Kabul platter gewirkt hätte als eine Flunder. Was ein Fake!
Berlin halt. Immer schon eine Mischung aus Naturgewalt und Sperrmüll!
Später in der Schule habe ich von den Gletschern aus der Eiszeit erfahren, deren Schmelzwasser das Urstromtal formten und damit die Berliner Landschaft mitprägten. In einer flachen Region können sich selbst kleinste Erhebungen wie Berge anfühlen – und Jahrtausende später die übertrieben anmutende Bezeichnung „Berg“ rechtfertigen. Und natürlich habe ich erfahren, dass noch mehr Jahre später der ein oder andere dieser „Berge“ durch aufgeschütteten Kriegs- und Bauschutt noch ein wenig weitergewachsen war. Wat willste machen, Berlin halt. Immer schon eine Mischung aus Naturgewalt und Sperrmüll!
Ob Berge, Täler, Hügel oder Häufchen, heute fühle ich das anders. Mir geht es nicht mehr so sehr um kilometerhoch getürmtes Gestein. Im Angesicht einer Felswand kann man schnell auch mal Beklemmungen bekommen.
Vielleicht ist es in wuseligen Großstädten wie Kabul und Berlin entscheidender, tief durchatmen zu können, das Gefühl von Freiheit zu spüren, den Blick in die Weiten des Himmels schweifen zu lassen. Und Berlin hat viel Himmel! Ob das Wolkenpanorama am Horizont, Sonnenuntergänge oder Mondaufgänge, in Berlin lässt sich das an vielen Stellen bestaunen: auf dem Tempelhofer Feld, von Seen und Hainen aus, auf unzähligen Plätzen, Brücken und Hausdächern. Enttäuschen kann da eigentlich nur der trübe Berliner Winter.






