
Wer vom Mediencenter der Mittelmeerspiele in die süditalienische Hafenstadt Taranto schaut, sieht eine Fabrik. Jedes Kind in der Provinz kennt sie: Es ist die Ilva, eines der größten Stahlwerke Europas. Es sollte ab den 1960ern dem prekären Süden Aufschwung bringen – und verursacht bis heute eines der größten ökologischen und gesundheitlichen Desaster Italiens. „Viele Jahre lang war Taranto die Ilva“, sagt Luca Corsolini, Mediendirektor der Mittelmeerspiele. „Taranto hieß Krebstote, niedergehende Industrie und unmöglicher Balanceakt zwischen Jobs und Gesundheit. Wir wollen Taranto davon befreien. Die Mittelmeerspiele geben den Menschen die Schönheit zurück. Wir wollen ihnen mittelfristig einen Grund schaffen, zu bleiben.“
Es ist ein nicht gerade bescheidener PR-Claim, den Corsolini da formuliert. Die Mittelmeerspiele, ein alle vier Jahre stattfindendes Miniolympia unter Mittelmeerstaaten, sollen angeblich die verarmte Industriestadt Taranto nachhaltig zur Sportstadt machen. 41 Sportanlagen in Taranto sowie umliegenden Orten wurden gebaut oder restauriert. „Nirgends im Süden gibt es jetzt eine Stadt so reich an Sportanlagen.“ Corsolini schwebt ein Zukunftsmodell vor mit internationalen Turnieren in Taranto, mit Athlet:innen, die ganzjährig wegen des milden Klimas kommen und den Tourismus ankurbeln, mit diversifizierter Sportkultur für die Bürger:innen. Aber klar, räumt er ein, „es gibt das Risiko, dass die Betreibungskosten für die Anlagen zu hoch werden“.
Es wäre keine unwahrscheinliche Volte. Denn so desaströs lief die Organisation, dass das internationale Komitee noch im Winter drohte, Taranto die Spiele zu entziehen. Zwei Stadien wurden nicht fertig; die Mittelmeerspiele, die am 21. August begannen und bis zum 3. September in 33 Disziplinen laufen, finden nun mancherorts auf Baustellen statt. Die angesetzten Kosten haben sich auf über 300 Millionen Euro verdoppelt. Und ein Nachnutzungsplan? Ja, darum wolle man sich nach dem Turnier kümmern. Von bislang rund 135.000 vergebenen Tickets verteilen sich zudem 57.000 auf Fußball und Zeremonien. Man könnte auch sagen: Wieder werden Menschen im Süden große Versprechen gemacht, während andere profitieren – ein bisschen wie bei der Ilva.
Die Tribünen der Volleyball-Arena sind spärlich gefüllt. Gerade spielen hier Algerien und die Türkei, ein ungleiches Duell: Die Türkinnen, Weltspitze im Volleyball, zerlegen Algerien. Eine italienische Mutter mit ihren zwei Kindern ist extra für heute angereist: „Wir sind Volleyballfans.“ Aber die Familie ist eigentlich wegen Italien gekommen, das später spielt. Da wird es voller. Besonderes Interesse ausländischer Fans lässt sich derweil zumindest an diesem Tag nicht feststellen. Nur in der Fechtarena schwenkt eine französische Familie Fähnchen.
Häufig nur B-Teams
Die Mittelmeerspiele, gegründet 1951 auf Initiative des ägyptischen Sportfunktionärs Muhammed Taher Pascha, hatten tatsächlich mal größere Bedeutung. Heute, in ihrem 75. Jubiläumsjahr, kann man hier weiter Stars wie den italienischen Hochsprung-Olympiasieger Gianmarco Tamberi oder den griechischen Schwimmer und Silbermedaillengewinner von Paris, Apostolos Christou, sehen. Aber wegen des immer engeren internationalen Terminkalenders schicken viele nur noch B-Teams oder Nachwuchstalente. Die EM der Leichtathletik, Schwimmen, Turnen und Volleyball drumherum wiegen schwer. Mediendirektor Corsolini sagt, dafür gebe es hier andere Werte: „Gerade haben wir die erste Medaille überhaupt für Andorra gefeiert. Viel mehr Länder können ihre Jugendlichen inspirieren. Das ist wirklich die Stimmung.“
Tatsächlich geht es teils solidarisch zu, geklatscht wird auch für gegnerische Hymnen. Doch ist die mediterrane Einheit brüchig. Palästina und Israel sind nicht dabei. Als die Spiele kurz nach Israels Gründung, dem Angriff durch arabische Staaten und der Vertreibung, Flucht und Enteignung von rund 700.000 Palästinenser:innen im Zuge der Nakba erstmals stattfanden, erreichten die arabischen Staaten mit Boykottdrohungen Israels Ausschluss. Auch Palästina wurde nie aufgenommen. Luca Corsolini gerät ein wenig ins Rudern. „Wir sperren niemanden“, sagt er. „Als Mittelmeerfamilie heißen wir Israel und Palästina willkommen, aber nur, sofern beide dabei sind.“ Woran das dann scheitert? Er dürfe nur diesen offiziellen Satz sagen. Mittelmeerfamilie als Drahtseilakt.
Und manchmal doch Familie. Die Halle der Fechter:innen ist fast ausverkauft: Hier gibt es heute Medaillen, mitsamt italienischen Lokalmatador:innen, wenngleich auch hier bloß die zweite Garde antritt. Aber selten ist Spitzensport so anfassbar. Kinder stürmen nach jedem Duell zur Absperrung und kriegen alle Selfies und Autogramme mit den italienischen Stars. Zwei Männer der ägyptischen Delegation plaudern fröhlich mit Familien im Publikum. Und als Davide Filippi nach einem engen Duell ins Finale einzieht, explodiert die Halle. Für einen Moment Olympia, nur niedrigschwelliger und günstiger. Denn das echte Olympia wird wohl trotz neuer Sportstätten so schnell nicht in Taranto Station machen.






