Justizdrama „Staatsschutz“: Sie will nicht Ausländerin genannt werden

Kann ein Film zu aktuell sein? Im Fall von „Staatsschutz“ wird die Aktualität in der Tat von unangenehmen Gefühlen begleitet. Teile der Handlung sind zu nah dran an dem, was viele angesichts der zu erwartenden Wahlergebnisse für die nahe Zukunft befürchten oder bereits als Gegenwart sehen.

Die Handlung lässt sich an wie ein normaler deutscher Fernsehkrimi. Eine junge Staatsanwältin wird Opfer eines rassistischen Anschlags. An Meldungen dieser Art haben wir uns erschreckenderweise längst gewöhnt. Es sind die Geschehnisse, die „Staatsschutz“ darauf folgen lässt, die das Gemütlichkeitsgefühl, das deutsche Krimis ihren Zu­schaue­r*in­nen gewohntermaßen vermitteln, empfindlich stören.

Dazu gehören Details wie ein Gespräch unter Redakteuren des Lokalfernsehens, die über den Anschlag berichten, aber nichts aufbauschen wollen und deshalb zunächst in angeblicher Neutralität von einem „Unfall“, in den die Staatsanwältin verwickelt sei, sprechen. Und die Trägheit, mit der die Polizei am Tatort zugange ist.

Der Film

„Staatsschutz“, Regie: Faraz Shariat. Mit Chen Emilie Yan, Julia Jentsch u. a. Deutschland 2026, 113 Min. Ab 27. 8. 26 im Kino

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Aber dann reagiert die Justiz ebenso träge. Ermittlungen verlaufen im Sand und produzieren schließlich nur einen einzigen Verdächtigen, der den Tathergang aber ganz anders schildert. Von wegen er hatte nichts wirklich Böses im Sinn und eine kritische Haltung gegenüber Ausländern sei doch weit verbreitet. Seine Verteidigerin polemisiert einen Zacken schärfer gegen die „linken Verzerrungen“ der Nebenklage.

„Was wäre, wenn …?“

Das ist eine große Stärke von Faraz Shariats Film, der in diesem Jahr bei der Berlinale mit dem Panorama-Publikumspreis ausgezeichnet wurde: Wie er die Quasi-Machtübernahme einer rechts-autoritären Gesinnung in den eigentlich zur Neutralität verpflichteten Institutionen wie der Justiz beschreibt. Es ist ein „Was wäre, wenn …?“, das einem den Atem nimmt, weil es so nebenbei passiert. Und man sich die Augen reibt und fragt, ob diese Zustände nicht vielleicht schon in einigen Regionen der Bundesrepublik Realität sind.

Eben noch glaubte sich auch die frisch angetretene Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan) gesichert in der „objektivsten Behörde der Welt“, wie man um sie herum behauptet. Wenn es nicht genug Beweise gibt, plädiert sie für Straffreiheit, auch im Fall eines rechten Störenfrieds. Dem Auftreten der engagiert linken Rechtsanwältin Alexandra Tiedemann (Julia Jentsch) setzt sie demonstrativ die kalte Schulter entgegen. Wo käme man da hin, wenn man in der Justiz nach politischen Sympathien urteilt.

Doch dann passiert es. Sie fährt Fahrrad und muss in den Schatten einer breiten, dunklen Straßenunterquerung eintauchen. Jede Frau kennt das leicht ungute Gefühl, das einen dabei selbst am helllichten Tag erfasst. Zunächst ist weit und breit niemand zu sehen. Dann saust wie aus dem Nichts ein anderer Fahrradfahrer heran, der sie überholt und ihr von vorn den Weg abschneidet, sodass sie stürzt.

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Staatsschutz überzeugt besonders, wenn er nebenbei die aufgeladene Stimmung in der Gesellschaft darstellt

Der Schreck sitzt tief

Als sie am Boden liegt, wird sie von oben mit einem brennenden Molotow-Cocktail beworfen. Ihre Jacke gerät in Brand. Während sie von oben das Johlen mehrerer Männer auf Mopeds hört, versucht sie verzweifelt, sich von der brennenden Jacke zu befreien. Es gelingt ihr; sie kommt mit kleinen Verbrennungen davon. Aber der Schreck sitzt tief.

Das Vertrauen in den Staatsapparat verliert die Staatsanwältin dann sehr schnell. Zu deutlich steht ihr vor Augen, wie anders Medien, Polizei und Justiz reagiert hätten, wenn ihrem „biodeutschen“ Kollegen etwas Ähnliches widerfahren wäre. Deshalb ist es kein Wunder, dass Seyo es nicht lassen kann, selbst Nachforschungen anzustellen, obwohl man sie eindringlich davor warnt.

Hier verlässt „Staatsschutz“ das sichere Fahrwasser eines deutschen Gegenwartsdramas und erlaubt sich mehr und mehr Genre-Elemente. Seyo wird als taffe Einzelkämpferin charakterisiert, wie man sie eher aus düsteren HBO-Krimis denn von ARD und ZDF kennt. Zwar hat sie in ihrem koreanischen Vater (Haeng-Goo Peter Yeo) einen warmen Unterstützer und in Min-su (Kotbong Yang) eine um ihr Seelenwohl besorgte Liebhaberin. Aber die Leere ihrer frisch bezogenen Neubauwohnung füllt sie einzig mit Kartons voller Recherchen.

Das Netz der rechten Unterwanderung

An die breite Fensterwand klebt sie ein Beweisführungsboard, das den Verschwörungstheoretikern dieser Welt Ehre erweist. Fotografien und Zeitungsausschnitte verdunkeln nicht nur das Wohnzimmer, sondern ergeben ein Netz der rechten Unterwanderung, gegenüber dem die kleine Seyo sehr machtlos erscheint.

Als emotionaler Ausgleich zur unangenehmen Aktualität der Verweise auf NSU-Morde und Ähnliches funktioniert Seyo mit ihrem trotzigen, störrischen Auftreten dennoch gut. Statt auf dem Fahrrad fährt sie nun mit einem fetten, mit Schutzglas ausgestatteten Sportwagen durch die Gegend. Auch besorgt sie sich eine Waffe und trainiert das Schießen. Und sie ermittelt trotz aller Warnungen und Rückschläge weiter in eigener Sache. In der Behördenmitarbeiterin Ayten (Alev Irmak) findet sie schließlich eine Verbündete, die ihr Zutritt zu alten Akten beschafft.

Die Thrillerelemente beißen sich jedoch mehr und mehr mit der gegenwartsnahen Schilderung rechter Machtübernahme. Szenen wie die, in der Seyo von zwei Polizeibeamten auf der Straße drangsaliert und schließlich sogar in Haft genommen wird, scheinen wenig plausibel und zu effekthascherisch. Man hätte sich gewünscht, dass der Film die Verschwörung, der Seyo auf die Spur kommt – Staatsanwaltschaft und rechte Täter kennen sich persönlich –, nicht nur behauptet, sondern als gesellschaftliche Entwicklung zeigt.

„Was hat die Fidschi da zu sagen?“

„Staatsschutz“ überzeugt immer dann besonders, wenn er nebenbei die aufgeladene Stimmung in der Gesellschaft darstellt. Etwa wenn Seyo im Gericht darauf aufmerksam machen muss, das sie Deutsche ist und nicht als Ausländerin bezeichnet werden will. Oder wenn sie darum kämpft, dass ein Zeuge, der ein T-Shirt mit den verklausulierten Buchstaben HKN KRZ trägt, eine Jacke anziehen soll. Im Hintergrund hört man jemanden etwas murmeln wie: „Das sind doch nur Buchstaben, was hat die Fidschi da zu sagen.“

Die ebenfalls hoch aktuelle Frage, wie sehr man die Mittel des Rechtsstaats ausschöpfen muss oder gar verbiegen darf, um selbigen zu bewahren, stellt „Staatsschutz“ zwar, aber eine Antwort darauf versucht der Film nicht.

  • informationsspiegel

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