
Sie war ein Idol für Millionen, Frauen vor allem, auch queere Menschen, schwule Männer und trans Personen. Nun, da sie am Dienstag, wenige Monate nach ihrem 80. Geburtstag, in Nashville, Tennessee, an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben ist, versuchte US-Präsident Donald Trump abermals, sie als eine der seinen zu kapern. Aber Dolly Parton war keine Fellow seiner Politik, sie hasste, nach eigener Aussage, Politik und wollte sich schon gar nicht von diesem New Yorker Immobilienspekulanten und Pseudoversteher der working class people vereinnahmen lassen. Der Präsident jedenfalls verordnete, gewiss im Einklang mit den meisten US-Amerikanern, eine Woche Trauerbeflaggung aus Anlass des Todes dieser Künstlerin.
Parton, 1946 als viertes von zwölf Kindern geboren, wuchs in den Smoky Moutains, Tennessee, auf, eine Gegend, eine Landschaft voller gottesfürchtiger Menschen, Armut die Regel, Wohlhabenheit die Ausnahme, die Industrien schmutzig, politisch durch und durch republikanisch, konservativ, distanziert zu allem, was aus den eher liberalen Metropolen wie Los Angeles oder New York kam. In einer Familie voller begabter MusikerInnen – Country durch und durch, noch keiner der später industrialisierten Sorte – war Dolly Parton die erfolgreichste. Am Ende ihres Lebens hatte sie mehr als 100 Millionen Alben verkauft, bekam zehn Grammys zugesprochen, war eine weltweit berühmte Frau mit einer lebenslang währenden Karriere ohne Knicks oder Abstürze.
Aberhunderte Lieder wie „Jolene“ 1974, „Island in the Stream“ 1983 (dieses von den Bee Gees, aber ihr zugeeignet, interpretiert mit einem ihrer Buddys, Kenny Rogers), „Your Love has Lifted me higher“ und vor allem „I will always love you“, das sie 1974 schrieb und 1994 in der Fassung von Whitney Houston zur biggest Schnulze on earth ever werden konnte. Ihre Themen kreisten, wie es sich für guten Country, später Pop, gehört, um das Alltägliche, also um das Wichtigste aller: Liebe, Kummer, Armut, Geldsorgen, Beengung in den Verhältnissen, das Leben in der Familie, Geschwisterlichkeit …
Was sie von den allermeisten Künstlerinnen vor allem im Country unterschied, war ihr entschiedener Wille, alles in eigener Sache selbst kontrollieren zu wollen und auch zu können: Sie holte sich früh die Macht über ihre eigenen Arbeiten, sie gründete ihren Musikverlag; wer etwas von ihr wollte – und das wollten viele –, musste mit ihr auskommen, nicht mit ihrem Management.
Freundlich, nachbarschaftlich, familiär
Wer sie einmal in einem Konzert sah, sei es in der Grand Ol’ Opry in Nashville, später in den Konzertarenen Europas, konnte es – wie der Autor dieser Zeilen – kaum glauben: Da stand eine körperlich kleine Frau vor vielen tausend Leuten und agierte, als bewege sie sich in einem wirklich sehr kleinen Club: Auf interessante Art wirkte sie so natürlich, wie die Idee von Natürlichkeit es nur irgendwie hergibt. Man könnte sogar sagen: freundlich, nachbarschaftlich, familiär. Ihr Credo: träumen, arbeiten, dankbar sein – wie sie es einmal bekannte. „Ich hoffe, dass ich eines Tages als jemand erinnert werde, der versuchte, in der Welt etwas Gutes zu tun.“
Das mit der Natürlichkeit ist selbstverständlich so eine Sache: Sie wirkte bei jedem Blick auf sie wie das Falsche im Sinne von Theorien zur Echtheit eines Menschen, äußerlich betrachtet. „Es kostet eine Menge Geld, so billig auszusehen“, sagte sie einmal, und, auf die Frage, wie sie es mit ihren Frisuren halte, bombastisch aufgetürmt bisweilen: „Die Leute fragen mich immer, wie lange es dauert, meine Haare zu machen. Ich weiß es nicht – ich bin ja nie dabei.“ Sie trug Perücken, daraus machte sie kein Geheimnis, denn, auch dies als Satz von ihr überliefert: „Ich glaube, Gott hat mir Talent gegeben, weil er es mit meinen Haaren vermasselt hat.“ Sie machte auch kein Gewese um die Tatsache, dass sie Schönheitsoperationen liebe: „Ich mag künstlich sein, aber worauf es ankommt, in meinem Herzen bin ich echt.“
Als sie längst mehr als eine Sängerin, Komponistin, Texterin war, nämlich Teil des Bigger Entertainments, äußerte sie, dass es ihr recht sei, wenn ihre männlichen Gegenüber sie nicht für voll nähmen: „Ich habe Geschäfte mit Männern gemacht, die mich für genauso dumm halten, wie ich aussehe. Bis sie kapieren, dass ich es nicht bin, habe ich das Geld längst und bin weg.“
Parton war immer für Selbstbestimmung
Politisch wirkte sie durch wohlgewogene Statements, als seien alle Klischees über Konservatives falsch. Feminismus war ihr keine Theorie, sie lebte dessen Gebote im Sinne der weiblichen Eigenständigkeit einfach. Black Lives Matter als Bewegung unterstützte sie, ebenso Jahre zuvor den Kampf um die Ehemöglichkeit für homosexuelle Paare. Im Kulturkampf zu Transfragen stand sie auf der Seite der trans Personen – was auch sonst: Dolly Parton war immer für Selbstbestimmung von Menschen.
Im Übrigen lohnt sich das Studium ihrer anderen Sprüche, Bekundungen, Statements – in einer Welt der Zurichtungen kommen diese gesammelt wie ein Brevier der Selbstermutigung daher. Dass sie diesen ihren Weg ging, immer begleitet von ihren Familienangehörigen, von ihren Leuten in ihrer Heimat, spricht für sie – und für die Menschen, mit denen sie aufwuchs und lebte. Mit ihrem Mann, Bauunternehmer Carl Dean, war sie sechs Jahrzehnte verheiratet. Als der im vorigen Jahr starb, schien irgendwie bestimmt, dass auch seine Frau mit der Liebe ihres Lebens, mit ihm, auf der Welt nicht mehr lange sein könnte.
Her Love has lifted us higher … das auch. Sie war die Echtheit in Person, dafür liebten sie auch KollegInnen, die mit Country nicht so viel zu schaffen hatten, aus dem Rock, aus dem Metalfach. Sie ehren mit ihrer Trauer eine Kollegin, die ihr Leben ernst nahm und es anderen nahelegte, es ebenso zu halten: mit Gott – und nur mit dir selbst!






