
Rote Lippen, glänzend und sinnlich, sind es, die sich vors innere Auge schieben, wann immer der Name Tim Curry fällt. Dabei sind es gar nicht die Lippen des Schauspielers und Musikers, die Filmplakat und Vorspann des Kultfilms „Rocky Horror Picture Show“ prominent zieren, sondern die seiner Nebendarstellerin Patricia Quinn alias Magenta. Aber das macht nichts.
Tim Curry als Alien-Transvestit und Wissenschaftler Dr. Frank-N-Furter ist eh größer als die Filmrolle oder der Schauspieler geworden, eine queere Ikone der Gegenkultur, allumfassendes Symbol des 1975 veröffentlichten Glamrockmusicals um ein verirrtes Spießerpaar und allerlei fleischliche Gelüste.
Es sollte der am längsten durchgängig in den Kinos gespielte Film der Geschichte werden. Dies verdankte er auch dem unermüdlichen Publikum, das von München bis Los Angeles in jahrzehntelangen Mitternachtsvorstellungen in die Rollen der Schlossbewohner schlüpfte: Der Geist Frank-N-Furters konnte in jeden fahren.
Talent für Stimmen
Nun ist der Mann aus Fleisch und Blut, der diesem Geist einst sein Gesicht lieh, der britische Charakterschauspieler Tim Curry, im Alter von 80 Jahren verstorben. „Hollywood neigt dazu, europäische Schauspieler, insbesondere englische, als Bösewichte einzusetzen, weil man die Helden lieber als Amerikaner besetzt. Ich glaube, wir bringen eine gewisse Stilsicherheit mit“, sagte er 1997 der AP, und tatsächlich waren es die exzentrischen Schurken, die Curry auf der Leinwand verkörperte. Trotz seines Talents für Stimmen waren es dabei wohl eigentlich seine Augen, die stets das Exzentrische betonten: die leise Möglichkeit des Spotts gegenüber der Autorität – auch der eigenen.
„Wenn etwas einfach nur schlecht ist (und nicht etwa ‚Camp‘), liegt das oft daran, dass es in seinen Ambitionen zu mittelmäßig ist“, schrieb Susan Sontag schon 1964 in ihrem Essay „Notes on Camp“. Tim Curry war niemals schlecht. Ob in seiner ersten Broadway-Theaterrolle, dem Musical Hair, bei dem er Richard O’Brien kennenlernte, den Autor der späteren Rocky-Horror-Vorlage, als König Artus in Monty Pythons „Spamalot“, in späteren Filmrollen wie dem Horrorclown Pennywise in Stephen Kings „Es“ (1990) oder als Concierge in „Kevin – Allein in New York“: Stets verkörperte Curry seine Charaktere als performative Grenzgänger mit Lust an der spielerischen Provokation, ohne je ins Trashige abzurutschen.
Die vollkommen angstfreie Selbstverständlichkeit im stilsicheren Auftritt war es, die dabei weit über die Persona Curry hinausstrahlte, der sein Privatleben zeitlebens aus der Öffentlichkeit fernhielt.
Am Dienstagabend verstarb der Schauspieler und Musiker in seinem Haus in Los Angeles. Die Todesursache wurde nicht bekannt gegeben. Schon 2012 erlitt Curry einen Schlaganfall, von dem er sich nach eigenen Aussagen nur schwerlich erholte. Schon Ende der 1970er Jahre begann Curry auch Glamrock-Alben zu veröffentlichen. „Fearless“, so heißt das zweite Werk. Darauf singt er im Titel „Something Short Of Paradise“: „I’m giving up this restless life/My wayward friends/The bad advice they give/I’m settling down to keep you company“. Der progressive, bescheidene Geist Tim Currys wird uns noch lange begleiten. Gebrauchen kann die Welt ihn mehr denn je.
Mit Material von dpa







