Wirtschaftskrise in Iran: „Ich würde kommen, wenn ich Benzin für die Fahrt hätte“

Es ist paradox: In Iran werden ständig neue Erdgasreserven gefunden, Erdöl fördert es sowieso. Dennoch geht dem Land gerade der Treibstoff aus. Viele Tankstellen haben Benzin und Erdgas, mit denen in Iran die meisten Fahrzeuge angetrieben werden, rationiert. Privatkunden bekommen dann beispielsweise nur noch 20 Liter Benzin pro Fahrzeug am Tag. Laut Augenzeugenberichten mussten mehrere Tankstellen in der Hauptstadt Teheran diese Woche komplett schließen.

„Die Schlangen an den Tankstellen werden mit jedem Tag länger“, schreibt eine Iranerin aus der Stadt Isfahan der taz über einen verschlüsselten Chat. Videos, etwa aus Teheran oder Mashhad, zeigen Dutzende wartende Autos. Viele Menschen würden geplante Reisen absagen – wegen Treibstoffmangels: „Ich würde ja gerne kommen, wenn ich genug Benzin für die Fahrt hätte“, sagt sie.

Eigentlich hat Iran Erdöl und Erdgas im Überfluss. Nach Russland besitzt Iran die größten Erdgasreserven der Welt, erst im August wurde ein neues Gasfeld in der südlichen Provinz Fars entdeckt. Doch wegen des Krieges und umfassenden US-Sanktionen fehlen Iran zunehmend die Investitionen und ausländischen Technologien, die nötig wären, die Rohstoffe aus dem Erdreich zu fördern und zu verarbeiten. Das ist der Grund für den sich verschärfenden Treibstoffmangel.

Nun könnten die iranischen Erdgasreserven innerhalb weniger Wochen aufgebraucht sein, meldet das Exilmedium Iran International“ unter Berufung auf anonyme Quellen in der iranischen Regierung.

Wie die amerikanische Wirtschaftsblockade wirkt

Die Treibstoffkrise kommt gepaart mit einer umfassenden Wirtschaftskrise, die dem Krieg und der amerikanischen Seeblockade geschuldet ist. Zudem haben die USA angekündigt, jedes Land, das mit Iran noch irgendeine Form des Handels treibt, vom amerikanischen Finanzsystem und damit vom Dollar-Zahlungsverkehr auszuschließen. Der amerikanische Finanzminister Scott Bessent sprach von einem „wirtschaftlichen D-Day“.

Ziel der Blockade ist es, sukzessive alle wirtschaftlichen Lebensadern des iranischen Regimes zu kappen. Die Machthaber in Teheran sollen so gezwungen werden, ihre Kontrollansprüche über die Seestraße von Hormus aufzugeben und an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Wie lange die Islamische Republik dem Druck noch standhalten kann, ist fraglich. Der iranische Staat ist bei seinen Einnahmen vor allem auf vier Lebensadern angewiesen: die Straße von Hormus, die Vereinigten Arabischen Emirate, China und die Türkei.

Die seit Juli wiedereingeführte amerikanische Seeblockade wirkt. Irans Erdölexporte, die auf diesem Wege nach Asien stattfinden, sind in den vergangenen Wochen stark gesunken. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate haben den Handel – mutmaßlich auf Druck der USA – ausgesetzt. 2024 lag der Handel noch bei rund 28 Milliarden US-Dollar.

Somit bleiben dem Regime nur noch zwei Lebensadern übrig, die Türkei und China. Wenn auch die Türkei demnächst, wie erwartet, den Import von iranischem Erdgas stoppt, bleibt voraussichtlich allein China dem iranischen Regime als Abnehmer, auch von Erdöl, erhalten – allerdings wegen der Seeblockade in nur bescheidenem Ausmaß. Und die großen chinesischen Raffinerien meiden das iranische Öl sowieso.

Der Wert des Rial erreicht ein neues Tief

So zumindest die Theorie. In der Realität trifft die amerikanische Wirtschaftsblockade gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger besonders hart. Während das Regime vorerst noch auf Rücklagen und auf Einnahmen aus dem Schwarzmarkt setzen kann, haben viele Iranerinnen und Iraner Schwierigkeiten, Grundnahrungsmittel zu kaufen.

Die iranische Währung hat seit Beginn des Jahres ein Drittel ihres Wertes verloren, ein Dollar kostet heute knapp zwei Millionen Rial. Nach Recherchen von Al Jazeera konnte man mit zwei Millionen Rial vor dem Krieg noch etwa vier Kilo Tomaten, ein halbes Kilo Hähnchenfleisch und etwas weniger als einen Liter Speiseöl kaufen. Heute bekommt man für denselben Betrag nur noch etwa die Hälfte davon.

Bei höheren Benzinpreisen droht der Aufstand

Vor diesem Hintergrund ist die Treibstoffkrise für Iran ein Pulverfass. Benzin und Erdgas sind in Iran staatlich stark subventioniert – das war eines der Versprechen der islamischen Revolution. Bei einem Verbrauch bis 60 Liter im Monat kostet ein Liter Benzin umgerechnet weniger als 1 Euro-Cent pro Liter und bei einem Verbrauch von mehr als 160 Litern etwa 2 Euro-Cent.

Unter den aktuellen Bedingungen kann der iranische Staat solche Preise nicht länger aufrechterhalten. Schon seit Jahren schiebt die Regierung die notwendigen Preiserhöhungen vor sich her, aus Angst vor neuen Unruhen. Bei der letzten Preiserhöhung im November 2019 folgte ein Massenaufstand, der nur durch ein Blutbad mit bis zu 1.500 Toten niedergeschlagen werden konnte.

„Der Grund dafür ist kulturell: Wir glauben, dass die Rohstoffe im iranischen Boden allen Iranern gehören. Es wäre absurd, wenn wir dafür normale Preise zahlen müssten“, sagt ein Iraner, der anonym bleiben möchte, der taz.

Dass die Regierung einen neuen, durch die Armut getriebenen Aufstand fürchtet, zeigte jüngst ein Auftritt der iranischen Regierungssprecherin Fatemeh Mohajerani. Als sie während einer Pressekonferenz gefragt wurde, wie viele Iraner aktuell in extremer Armut leben und wie vielen es an ausreichender Nahrung, Wohnraum und anderen Grundbedürfnissen mangelt, verweigerte sie eine Antwort. Die Sprecherin begründete das mit dem Hinweis, die Zahlen seien „sicherheitsrelevant“ und müssten daher vor Veröffentlichung durch den Obersten Nationalen Sicherheitsrat freigegeben werden.

  • informationsspiegel

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