SV Elversberg: Weder Märchen noch Hoffenheim

Elversberg polarisiert, weil es in keine Schublade passt. Der Erfolg des Dorfklubs sagt auch viel über Finanzierungslücken im Fußball.

V om „Wunder-Dorf“ schreibt nicht nur die Bild-Zeitung gerne, wenn es um die SV Elversberg geht. Aller Augen sind nach dem ersten Spieltag auf Aufsteiger Elversberg gerichtet. Der kleinste Männerbundesliga-Standort aller Zeiten schlug Bayer Leverkusen verdient mit 3:2. Und weil andere Sensationen ausblieben, ging es schnell um die polarisierende SVE.

Der Fall Elversberg ist so interessant, weil er sich einer eindeutigen Zuordnung entzieht. Es lässt sich weder als reines Underdog-Märchen erzählen noch als zweite TSG Hoffenheim. Die zwei Lesarten konkurrieren, aber letztlich geht keine ganz auf. In einer Gesellschaft, die sich oft Eindeutigkeit wünscht (Deutscher oder Ausländer, Mann oder Frau, Traditionsverein oder Plastikklub) ist die SVE Grauzone. Und damit für viele herausfordernd.

Es gibt gute Argumente, die gegen Elversberg-Sympathie sprechen. Ähnlich wie die TSG Hoffenheim ist der Klub extrem von einem Überreichen abhängig, in diesem Fall Pharma-Multimillionär Frank Holzer. Seit den 1980ern hat Holzer den Klub im Griff, heute ist er Aufsichtsratsvorsitzender und sein Sohn Präsident. Unabhängige demokratische Strukturen? Lol. Und ohne die Kohle wäre der Klub natürlich nicht in fünf Jahren von der Regionalliga in die Bundesliga marschiert.

Ablehnung auch problematisch

Aber es gibt auch Argumente für Elversberg. Der Klub erreichte seinen Erfolg eher überraschend, ohne dicke Schecks und mit guter Entwicklungsarbeit (anders als Leipzig und Hoffenheim, die das nur behaupteten). Der Marktwert des Kaders ist der zweitniedrigste der Liga. Eigentlich will man bloß dabei sein. Und die Ablehnung vieler Ultras ist auch problematisch: Wenn tolle Stimmung und „richtige“ Ultras einem Klub erst das Recht aufs Dabeisein geben, braucht man eine sportliche Qualifikation gar nicht abzuhalten – sondern könnte wie in den USA die 18 größten und traditionsreichsten Stimmungsbuden casten.

In der Debatte steckt ein richtiger Kern: Viele große Ostklubs etwa, an denen Generationen als Kulturgut hängen, darben in unteren Ligen, während Westdörfer wie Elversberg auch dank gutem Geld hochkommen. Die komplizierte SV Elversberg zeigt: Wenn Fußball von Konzernen finanziert wird, mehr Geld mehr Erfolg bringt und Unternehmen sich regional binden, ist die Förderung ungerecht – und starke Dorfklubs sind undemokratische Mäzen-Königreiche. Langfristig stabil ist das fast nie. Die Antwort darauf lautet nicht: Elversberg raus. Sondern: Fußballfinanzierung neu machen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit “Alles beginnt im Zentrum”. Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.

Jetzt unterstützen

  • informationsspiegel

    Related Posts

    AfD-Pläne für Europa: Rechtsextremes Schredderprogramm
    • October 22, 2026

    AfD-Chefin Weidel will die europäischen Institutionen radikal entmachten. Von einem Austritt aus der EU und dem Euro ist indes nicht mehr die Rede. mehr…

    Weiterlesen
    Wozu das AfD-Leak führen kann: Gamechanger für ein Parteiverbot?
    • October 22, 2026

    Die AfD-Mails können Belege in einem Verbotsverfahren werden, sagt Rechtsanwalt Chan-jo Jun. Wie ist die Partei mit rechtsextremen Vorfällen umgegangen? mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    AfD-Pläne für Europa: Rechtsextremes Schredderprogramm

    • 22 views
    AfD-Pläne für Europa: Rechtsextremes Schredderprogramm

    Wozu das AfD-Leak führen kann: Gamechanger für ein Parteiverbot?

    • 20 views
    Wozu das AfD-Leak führen kann: Gamechanger für ein Parteiverbot?

    Proteste in Frankreich: Marseille bangt und hofft

    • 19 views
    Proteste in Frankreich: Marseille bangt und hofft

    Neuer Roman von Juli Zeh: Die Beweislage ist dünn

    • 16 views
    Neuer Roman von Juli Zeh: Die Beweislage ist dünn

    „Call of Duty: Modern Warfare 4“: Selbstjustiz à la USA

    • 16 views
    „Call of Duty: Modern Warfare 4“: Selbstjustiz à la USA

    Rechtliche Bedeutung der AfD-Leaks: Die Analyse wird langwierig und mühselig

    • 14 views
    Rechtliche Bedeutung der AfD-Leaks: Die Analyse wird langwierig und mühselig