Queerfeindlichkeit unter Jugendlichen: An der Toleranzgrenze

Der Tag geht schon gut los. „Homo!“, schimpft einer der Schüler, gleich in der ersten Stunde. Und das ausgerechnet heute. Doch Silvie Arts, 23, Lehrerin an einer Berufsschule in Nijmegen, bringt das nicht aus der Ruhe. „Hast du eine Ahnung, warum ich heute Lila trage?“, fragt sie den Schüler. „Oh, natürlich! Es ist Lila Freitag“, fällt es jemandem anders in der Klasse ein. Dieser Tag, auf Niederländisch „Paarse Vrijdag“, wird seit 2010 jährlich an Schulen im ganzen Land begangen. Unter anderem durch violette Kleidungsstücke soll Solidarität mit queeren Schüler:innen gezeigt und geschlechtliche und sexuelle Vielfalt gefeiert werden.

Nach der Stunde sitzt Silvie Arts, die neben einer Bluse in hellem Lila auch ein Regenbogen-Armband trägt, in einem kleinen Arbeitszimmer der Schule und erzählt von dieser Anekdote. „Daraus entwickelte sich ein Gespräch darüber, warum dieser Tag nötig ist. Das ist manchmal ziemlich schwierig, Die Frage kam auf: ‚Warum gibt es keinen Tag für Heteros?‘ “ Die anderen am Tisch nicken wissend: ein Lehrerkollege und zwei Schüler*innen sitzen dort. Sie sind gekommen, um mit der taz über den Lila Freitag zu sprechen, der in diesem Jahr unter besonderer Beobachtung steht.

Ende September diskutierte das Land über eine Befragung der Universität Utrecht und des Instituts Trimbos. Die Untersuchung, für die alle vier Jahre 11- bis 16-jährige Jugendliche befragt werden, ergab, dass die Akzeptanz von Homosexualität extrem abgenommen hat. Nur noch 51 Prozent der Mädchen und 22 Prozent der Jungen äußerten sich positiv. 2021 waren es noch 78 beziehungsweise 40 Prozent gewesen. Für die niederländische Gesellschaft, die lange als Inbegriff von Toleranz galt und sich auch selbst gern so sah, war das ein Schock.

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An der Berufsschule am westlichen Rand Nijmegens werden 450 Schüler:innen zum Beispiel zu Automechaniker:innen oder Elektrotechniker:innen ausgebildet. Die Schule positioniert sich klar. Das Kollegium hat gemeinsam entschieden, dass Teile der Fassade und die Türen im Innenbereich mit Blick auf den Lila Freitag violett gestrichen wurden.

Ein Regenbogen verspricht Sicherheit

Ryan van der Pluijm erinnert sich noch an den ersten Tag an dieser Schule. „An dem Tag trug eine Dozentin einen Regenbogen-Anstecker. Da war mir klar: Bei ihr kann ich offen sein und muss nicht ‚mein Freund‘ sagen, wenn ich eine Freundin habe.“ Van der Pluijm ist 22 Jahre alt, nonbinär und wird hier in der Schule als Elektrotechniker:in ausgebildet. Aufgewachsen in Spanien, kehrte Van der Pluijm vor vier Jahren in die Niederlande zurück. Heute gehört Van der Pluijm zur Gender Sexuality Alliance der Schule. Das ist eine Gruppe von Schüler:innen und Lehrkräften, die sich für ein sicheres Umfeld einsetzen. Queere und nichtqueere Menschen sind in der Allianz vertreten. Nach Angaben des landesweiten Netzwerks dieser Allianzen gibt es solche Gruppen an etwa 80 Prozent der weiterführenden Schulen.

Der Lila Freitag hat für Van der Pluijm eine Wirkung. „Heute geben sich auch Dozent:innen, die nicht das ganze Jahr mit Regenbogen-Symbolen rumlaufen, zu erkennen. Als queere Person fühle ich mich dadurch sicherer.“ Zugleich weiß Van der Pluijm, dass auch dieser Tag längst nicht alle Probleme löst. Als die Ergebnisse der Umfrage zur Queerfeindlichkeit Jugendlicher veröffentlicht wurden, habe Van der Pluijm das erschreckt. „Ich gebe mich so offen wie möglich, auch um anderen, die sich outen wollen, zu helfen.“ Jetzt sei da eine neue Angst. „Ich denke mehr darüber nach, wie ich mich präsentiere. Und wenn ich eine Partnerin habe, stelle ich mir eher die Frage, ob wir Hand in Hand über die Straße laufen.“

Neben Ryan van der Pluijm im Arbeitsraum der Schule sitzt Stef, ein 18-Jähriger Schüler, der sich zum Automechaniker ausbilden lässt und lieber mit Vornamen genannt werden möchte. Er ist nicht queer, aber auch er merkt, dass sich etwas um ihn herum etwas verschiebt. „Es gibt Leute die dagegen sind, und es gibt solche, die einfach mitlaufen.” Aber er sieht auch, dass Veränderung möglich ist. „Wenn sie dann eine LGBTQ-Person kennenlernen, bekommen sie ein anderes Bild.”

Der schwule Premier bekommt Hassnachrichten

Noch immer sehen sich die Niederlande gern als Land der Regenbogenflaggen. Sie waren 2001 der erste Staat der Welt, der die Ehe für queere Paare öffnete. Seit 2026 regiert mit Rob Jetten nicht nur der jüngste Premier in der Geschichte der Niederlande, sondern auch der erste offen schwule. Allerdings: Schon in den ersten zwei Tagen nach seinem Amtsantritt im Frühling bekam er hunderte homophobe Hassnachrichten.

Dass ablehnende Haltungen gegenüber queeren Menschen besonders unter jungen Männern zunehmen, ist aber kein rein niederländisches Phänomen. Das Marktfoschungsunternehmen Ipsos führt eine jährliche Pride-Umfrage in 26 Ländern durch, dort bildeten sich im vergangenen Jahr ähnliche Tendenzen ab. Der Rückzug in soziale Netzwerke seit der Coronapandemie und die antifeministischen Tendenzen dort – Stichwort Manosphere – werden oft als Gründe für die Veränderung genannt.

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Wenn jemand sagt: ‚Dieser LGBTQ-Kram wird uns aufgezwungen‘, antworte ich: ‚Nenn mir drei Beispiele‘ 

Jaser Husseini, Berufsschullehrer, über Strate­gien gegen Queerfeindlichkeit

Jaser Husseini beobachtet das besonders bei den Jüngeren an seiner Schule. Husseini unterrichtet Bürgerschaftskunde an der Berufsschule in Nijmegen und hat heute die Farbe seines Hemds auf den Tag abgestimmt. „Ich zähle mich selbst nicht zur Regenbogen-Community“, sagt der 40-Jährige, aber er gehört wie Van der Pluijm auch zur Gender Sexuality Alliance. „Was die ersten beiden Ausbildungsjahre betrifft, in denen Jugendliche ab 15 sind, sehen wir diese Tendenzen auch“, sagt er. Bei den älteren Jahrgängen nehme das ab. „Da merkt man, dass unser Ansatz funktioniert, sehr bewusst das Gespräch anzugehen und Schüler:innen mit anderen Meinungen zu konfrontieren. Das hat nicht mit einem Mal Wirkung. Es ist eher wie ein Saatkorn zu pflanzen, das man dann gießt.“

Wie das genau aussieht? „Wenn mir jemand sagt: ‚Dieser LGBTQ-Kram wird uns aufgezwungen‘ – ein klassischer Satz aus Social-Media-Blasen –, antworte ich: ‚Nenn mit doch drei Beispiele aus dem letzten Monat!‘ Dann kommt oft erst mal nichts, und dann die Geschichte von einer Parkbank, die in Regenbogen-Farben gestrichen wurde. ‚Wo steht die Bank, in welchem Park?‘, bohre ich weiter. Worauf die Person ihr Telefon rausholt und nachschauen muss. Die entscheidende Frage lautet dann: ‚Wieso wird dir damit etwas aufgezwungen?‘ “

Das Problem sind nicht nur Jugendliche

Husseini ist sich bewusst, dass die Wirkung solcher Strategien zunächst einmal begrenzt ist. Auf die großen gesellschaftlichen Fragen, auf das, was online passiert, darauf habe man keine Antwort. „Wir konzentrieren uns auf unsere Schule“, sagt er. „Wir versuchen, am Ende der Ausbildung Menschen in die Gesellschaft zu schicken, die argumentieren können und Normen und Werte wie Respekt und Akzeptanz vertreten.“

Doch queerfeindliche Tendenzen an Schulen nur als Jugendproblem zu sehen, greift zu kurz. Daan Krahmer ist in den Niederlanden zu einem inoffiziellen Experten zu diesem Thema geworden. Er unterrichtet seit mehr als zehn Jahren an weiterführenden Schulen und publiziert daneben über seine Erfahrungen als queerer Mann im Bildungsbereich. Dafür bekommt er auch von Kollegen oft heftige Reaktionen, wie er im Telefongespräch mit der taz erzählt. „Einmal fragte mich jemand, ob ich Aids hätte. Ein anderer sagte, er sei sich sicher, dass seine Kinder nicht so würden wie ich. Und ein dritter schrie mich urplötzlich an: ‚Alle meine Freunde sagen, dass du Teil einer Agenda bist, die uns aufgezwungen wird!‘ “

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Er selbst könne damit umgehen, so Krahmer. Anders sei das bei manchen Jugendlichen, die sich wegen des feindseligen Klimas nicht mehr in die Schule trauen oder beschließen, offen queer zu leben, wenn sie ihre Schullaufbahn beendet haben. Dieses andere Bild der Niederlande existiere neben dem ungleich bekannteren von dem progressiven Land. „Zu dieser anderen Realität gehören Politiker wie Thierry Baudet und Geert Wilders, die von ‚Gender-Terror‘ oder ‚Gender-Indoktrinierung‘ sprechen. Das wird online dann ständig wiederholt, bis ich es irgendwann wieder von Jugendlichen in der Klasse höre.“

Aber auch in queeren Kämpfen und Gegenstrategien gegen den Backlash haben die Niederlande viel Erfahrung. Die Organisation COC Nederland ist nach eigenen Angaben die älteste noch existierende Interessenvertretung queerer Menschen auf der Welt. Sie erstellt auch die Unterrichtsmaterialien zum Lila Freitag. Der ist zwar heute nicht mehr die Party, die er mal war, aber zumindest die Zahl der Schulen, an denen er stattfindet, steigt weiter. In diesem Jahr haben sich nach Angaben der Organisation erstmals über 3.000 Schulen beteiligt. Seit 2020 nehmen auch Grundschulen teil.

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Zurück in der Berufsschule in Nijmegen. Ein abschließender Rundgang führt in die Kantine, wo Lehrkräfte sitzen, die Regenbogen-Anstecker tragen oder Pride Aufkleber auf dem Laptop haben. Robert Meeuwsen unterrichtet Logistik und hat heute auch noch Geburtstag. Auch er begann den Morgen mit der Frage: „Wisst ihr, was heute für ein Tag ist?“ – „Dein Geburtstag“, antworteten die Schüler*innen. Auf den Lila Freitag kam die Klasse erst danach. Also sprach Meeuwsen mit den Schüler:innen über den Hintergrund.

Kam die Botschaft an? „Auf jeden Fall. Aber als ich ganz am Ende auf einen Teller mit lila Armbändern zeigte und fragte: ‚Wer möchte eins?‘, meldete sich trotzdem niemand. Das war dann doch zu viel.“ In einem der Praxisräume hat der Logistik-Lehrer eine Regenbogenflagge aufgehängt. Er nimmt sie nicht wieder ab, sie bleibt dort 365 Tage im Jahr hängen.

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