
Schon am früheren Morgen haben an zahlreichen Orten in Frankreich kleine Gruppen mit den gelben Warnwesten Kreisel besetzt. Wie schon bei der Bewegung der „Gilets jaunes“ (Gelbwesten) Ende 2018 und 2019 protestieren sie gegen eine sinkende Kaufkraft und die ihrer Ansicht nach verächtliche Haltung der Staatsführung in Paris. In mehreren Fällen wurden diese Blockaden von den Ordnungskräften geräumt.
Zwischen 100.000 und 200.000 Personen beteiligten sich in rund 90 Städten an den organisierten Kundgebungen. Zu den Mittelschüler*nnen und Studierenden, die seit vier Wochen bereits für bessere Studienbedingungen, mehr Geld für das Bildungswesen und gegen das derzeitige Selektionsverfahren für den Studienzugang demonstrieren, haben sich auch Gewerkschaftsmitglieder und ehemalige Gelbwesten gesellt. Hinter einem Transparent, auf dem Preissenkungen und Lohnerhöhungen gefordert wurden, marschierte der linke Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon zusammen mit Abgeordneten seiner Partei La France insoumise.
Nicht überall aber verliefen die Kundgebungen friedlich. Vor allem in Paris, Marseille, Toulouse, Nizza und Lyon überschatteten sehr gewaltsame Ausschreitungen die eigentlichen Anliegen der Demonstrierenden. Noch bevor sich in Paris auf der Place de la République Tausende von Menschen zur angekündigten Kundgebung versammeln konnten, hatten schon sehr heftige Zusammenstöße zwischen einem sehr massiven und zum sofortigen Einschreiten bereiten Polizeiaufgebot und Gruppen von vermummten Jugendlichen begonnen.
Diese Konfrontationen dauerten den ganzen Nachmittag an. Laut Medien wurden mehrere Polizeibeamte und Jugendliche verletzt. In Saint-Etienne soll erneut ein Jugendlicher wegen der Explosion einer Polizeigranate eine Hand verloren haben. Die Vorsitzende der Grünen, Marine Tondelier, meinte dazu, die Regierung sei mit ihrer unnachgiebigen Haltung mitverantwortlich, und Premierminister Sébastien Lecornu habe „mehr Mitgefühl für die Müllcontainer als für die Schüler“.
Tausende von anderen Leuten, die an einer Kundgebung und nicht an Straßenkämpfen mit der Ordnungspolizei teilnehmen wollten, wurden von Polizeisperren daran gehindert, auf die „République“ zu gelangen. Wo sich in den umliegenden Straßen Zuflucht suchten, wo sie von den Ordnungshütern ebenfalls vertrieben und mit Tränengas attackiert wurden.
Trotzdem bildeten sich mehrere Demonstrationszüge auf verschiedenen Strecken, die von der Polizeipräfektur nicht als Route bewilligt worden waren. Die Polizei wollte die Ansammlungen gewaltsam auflösen, bewirkte damit aber nur, dass die Menschen in benachbarte Straßen vertrieben wurden. Plötzlich befanden sich beispielsweise mehrere hundert Demonstrierende in unmittelbarer Nähe des Elysée-Präsidentenpalasts.
Plünderungen und Sachbeschädigungen in Paris
Schließlich konnten aber Tausende, unter ihnen die LFI-Politiker und Mélenchon, wie ursprünglich vorgesehen zur Place de Clichy im Nordwesten von Paris marschieren. Am Rande der Ausschreitungen nutzten Randalierer auch die Gelegenheit zu Plünderungen und Sachbeschädigungen.
Diese Attacken richteten sich gegen Symbole des Kapitalismus wie Banken und Versicherungen, aber auch gegen kleine Geschäfte. Von brennenden Autos und Barrikaden stieg ein schwarzer Rauch in den Himmel und verhüllte während Stunden das gesamte Zentrum von Paris. Der Platz der Republik war mit Steinen und anderen Wurfgeschossen übersät.
Verwüstung und Brandstiftung in Lyon
Zur selben Zeit stürmten in Lyon ein paar Hundert Vermummte, völlig ungehindert von den Ordnungskräften, das Fremdenverkehrsbüro, das sie schließlich verwüsteten und in Brand steckten. Das historische Gebäude an der Place de Bellecour brannte völlig aus, bevor die Feuerwehr einschreiten konnte. In Marseille gelangten Vermummte in das Rathaus, wo sie die Eingangshalle verwüsteten. Das Bild einer umgestürzten und auf dem Boden liegenden Büste der „Marianne“ (Sinnbild der Republik) war auf allen Fernsehsendern zu sehen, welche live über die Krawalle berichteten. Der Bürgermeister von Marseille, Benoît Payan, beschwerte sich, die Regierung habe viel zu wenig Polizeitruppen geschickt und offenbar eine Großzahl der Einheiten für Paris reserviert.
Man musste sich sogar fragen, ob es noch möglich ist, in Frankreich für legitime Anliegen zu demonstrieren. Die Strategie der Ordnungskräfte wird ein Mal mehr in Frage gestellt. Die Grünen-Abgeordnete Sandrine Rousseau kritisiert das Vorgehen, weil die Ordnungspolizisten ohne Vorwarnung Gruppen von gewaltlosen und inoffensiven Demonstrierenden mit Gas angegriffen und so die Eskalation gesucht hätten. Bei den außergewöhnlich heftigen Konfrontationen waren indes so viele Jugendliche und an so vielen Orten beteiligt, dass sich das Problem dieser Gewalt nicht auf ein paar „Casseurs“ (Randalierer) reduzieren lässt.






