UN-Naturschutzchefin über Ziele: „Die Natur wartet nicht“

taz: Frau Schomaker, das werden fordernde zwei Wochen für Sie als Naturschutzchefin der Vereinten Nationen. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Astrid Schomaker: Vorschlafen war in den letzten Wochen wichtig. Während der Konferenz müssen bestenfalls drei bis vier Stunden pro Nacht reichen. Wir haben nur zwei Wochen Zeit, um über 54 Themen zu verhandeln und zu entscheiden. Darauf bereiten wir uns im Grunde seit der letzten Konferenz vor.

Im Interview: Astrid Schomaker

Die Juristin Astrid Schomaker ist seit 2024 Exekutivsekretärin des Übereinkommens zur Biologischen Vielfalt der Vereinten Nationen mit Sitz in Montreal. Damit ist sie quasi die Stimme der Natur in der UNO. Lange Jahre arbeitete sie in verschiedenen Funktionen für die EU-Kommission, seit 2004 in der Hauptabteilung Umwelt.

taz: Was sind die wichtigsten?

Schomaker: Es geht zum Beispiel um ein Arbeitsprogramm zu Naturschutzgebieten, um Biodiversität und Gesundheit, um Gefahren durch invasive Arten, um Finanzfragen. Das zentrale Thema ist sicher unsere globale Bestandsaufnahme zum Schutz der Biodiversität, unser „Global Review“. Dieser Bericht zeigt, wie weit die 196 Vertragsparteien in den vergangenen vier Jahren damit gekommen sind, die 23 Ziele zu erreichen, die sie sich Ende 2022 im historischen Weltnaturschutzabkommen von Montreal gesetzt haben. Etwa, bis ins Jahr 2030 insgesamt 30 Prozent der Land-, Meer- und Süßwasserflächen zu schützen und zu erhalten. Oder 30 Prozent der geschädigten Ökosysteme, wie Moore oder Wälder, wieder herzustellen. Oder Forst-, Land- und Fischereiwirtschaft nachhaltiger zu gestalten.

taz: Ziele gibt es in dem Übereinkommen über die Biologische Vielfalt viele und genug, oder?

Schomaker: Ja, und diese Ziele sind gut. Ab jetzt geht es darum, sie auch zu erreichen. Darin sind wir noch nicht gut genug. Weil wir in den ersten vier Jahren seit Montreal langsam waren, denn die globalen Ziele mussten erstmal in nationale Planung umgesetzt werden, müssen wir bis 2030 jetzt schneller werden. Wir müssen den „Jerewan Pathway“ einschlagen …

taz: … den was?

Schomaker: … einen neuen Weg, eine Kurskorrektur. Auf dem „Jerewan Pathway“ müssen wir auf klaren wissenschaftlichen Erkenntnissen folgend unsere Ziele erreichen.

taz: Was ist dazu nötig?

Schomaker: Ganz klar: Konkrete Umsetzung der Ziele, eine breite Beteiligung der Zivilgesellschaft aber eben auch mehr Geld von Staaten und Unternehmen gerade aus dem Globalen Norden.

taz: Dafür wurde bei der letzten Weltnaturkonferenz vor zwei Jahren in Kolumbien ein Fonds beschlossen, in den Kosmetik-, Pharma- oder Lebensmittelkonzerne aus dem Globalen Norden einzahlen sollen. Statt der versprochenen eine Milliarde US-Dollar jährlich sind bisher nur 12.000 US-Dollar im Fonds. Wer bringt die Firmen dazu, zu zahlen?

Schomaker: Der Cali-Fonds war ein Durchbruch. Die indigenen Bevölkerungen und die Länder im Globalen Süden können daraus Geld erhalten, ohne dass sie erst mal 300 Seiten Projektvorschlag schreiben müssen. Das ist neu und wichtig. Es ist auch normal, dass es zwei bis drei Jahre dauert, bis so ein neues Instrument anerkannt wird. Aber jetzt muss es losgehen. Die Unternehmen müssen anerkennen, dass dieser Ansatz richtig ist. Sie können nicht weiter Ressourcen nutzen, ohne zu zahlen.

taz: Wie überzeugen Sie die Unternehmensführungen davon?

Schomaker: Wir müssen Vertrauen aufbauen. Die Geschäftswelt braucht Vertrauen darauf, dass es klare Regeln gibt, dass es sich rechnet. Die Länder des Globalen Südens müssen Vertrauen haben, dass die Unternehmen zahlen. Ich hoffe, dass die Zivilgesellschaft in den reichen Ländern den Druck auf die Industrie erhöht. Auch die Staaten können unterstützen, zum Beispiel, indem sie Unternehmen, die zahlen, Steuererleichterungen anbieten.

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taz: In den Mitgliedstaaten gelten Naturschutz und Klima aber zunehmend als Wirtschaftshindernis. Die Europäische Union zum Beispiel will in ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik die Umweltprogramme schleifen. Wie kontern Sie diese Gegenbewegung?

Schomaker: Wir wollen ja die Landwirtschaft nicht abschaffen, wir wollen und müssen sie verändern. Ich hoffe, wir lernen vom Umgang mit dem Gesetz zur Wiederherstellung der Natur in Europa, dass man diese Prozesse gemeinsam mit allen Beteiligten angehen muss. Die Landwirte brauchen Alternativen: Wenn sie weniger Wasser zur Bewässerung ihrer Tomaten benutzen sollen, brauchen sie andere Anbaumethoden. Was ich aber letztlich nicht verstehe: Die Landwirte profitieren doch als Erste von der Biodiversität, und sie leiden als Erste darunter, wenn sie abnimmt. Bisher sind wir mit unserer Botschaft immer gut durchgedrungen: Die Natur wartet nicht.

taz: Wirklich? Vor zwei Jahren haben die Länder versprochen, 200 Milliarden US-Dollar jährlich für den Schutz der Biodiversität bereitzustellen. Im dafür vorgesehenen Fonds sind derzeit nicht einmal 400 Millionen US-Dollar. Wie bewegen Sie die Staaten dazu, ihre Finanzzusagen einzuhalten?

Schomaker: Erst einmal nehmen wir zur Kenntnis, dass die für uns sehr wichtigen Entwicklungshilfebudgets überall kräftig zusammengestrichen wurden. Dabei ist Geld da. Die globale Wertschöpfung lag vergangenes Jahr bei 117 Billionen US-Dollar. 4,9 Billionen US-Dollar privates Geld fließt in Aktivitäten, die der Natur schaden – häufig staatlich subventioniert. Unser Ziel Nummer 18 sieht vor, bis 2025 Subventionen zu identifizieren, die der Biodiversität schaden, und sie bis 2030 um mindestens 500 Milliarden US-Dollar abzubauen. Davon sind wir weit entfernt. Solange Regierungen und Unternehmen mehr in Schädigung investieren als in Heilung, können wir uns hier ein Bein ausreißen, dann erreichen wir nichts.

taz: Die Mitgliedstaaten kommen nach Jerewan, um ihre Interessen zu vertreten und die ihrer Wirtschaft. Was können Sie dort erreichen?

Schomaker: Alle erwarten von den Vereinten Nationen, dass sie die Verhandlungen erleichtern. Wir müssen den Mitgliedstaaten ermöglichen, zu erkennen, wo die Gemeinsamkeiten liegen. Dass der Globale Süden und der Globale Norden zwar unterschiedliche Perspektiven haben, aber ein gemeinsames Interesse, nämlich den Schutz der Natur. Manchmal sagt ein Land etwas und die anderen gucken nur erstaunt. Dann muss man darauf hinweisen, dass das Land vielleicht gerade mit riesigen Waldbränden gekämpft hat und sich darum auf Wälder konzentriert. Mann muss Positionen erklären. Und man muss dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Man muss morgens um zwei Uhr noch einen Kaffee bekommen, die Räume müssen geheizt sein. Eine ähnliche vermittelnde Rolle hat das jeweilige Gastgeberland. Die Präsidentschaft in Armenien hat viel Energie in die Vorbereitungen gesteckt – es wird die größte UN-Konferenz, die je dort stattgefunden hat.

taz: Wie wird sich das Machtgefälle zwischen den Delegationen auf die Verhandlungen auswirken? Einige reiche Länder kommen mit Dutzenden von Teilnehmern, ärmere nur mit ein, zwei Personen?

Schomaker: Dieses Thema gibt es bei allen Verhandlungen der Vereinten Nationen. Wir unterstützen wenig entwickelte Staaten, Deutschland war da übrigens sehr großzügig. Wir garantieren, dass jede Delegation mit mindestens drei Gesandten kommt. Natürlich bleibt ein Unterschied, doch ich glaube nicht, dass sich das auf das Verhandlungsergebnis auswirkt. Zum Beispiel koordinieren sich die afrikanischen Staaten hervorragend und haben somit eine starke gemeinsame Position.

taz: Wie wichtig ist Ihnen die Rolle der Zivilgesellschaft in den Verhandlungen?

Schomaker: Total wichtig. Die eigentlichen Verhandlungen finden zwar zwischen den Vertragsparteien statt, die müssen ja hinterher auch die Verantwortung dafür übernehmen. Aber im Naturschutz muss jeder mit anpacken. Man muss ja nicht zum Heiligen werden, aber man kann sich vor Ort engagieren, man kann weniger Fleisch essen, öfter Rad und Bus fahren, das ist ja schon etwas.

taz: In den Dokumenten ist viel von „indigenen Völkern“ die Rede. Wie stellen Sie sicher, dass sie in den Verhandlungen gehört wird?

Schomaker: Die indigenen Völker und lokale Gemeinschaften sind wichtige Hüter der Biodiversität. Ihr traditionelles Wissen über Natur und Klima müssen wir nutzen, darum haben wir auf der Weltnaturkonferenz in Kolumbien ein Nebenorgan für indigene Völker und lokale Gemeinschaften gegründet, deren Arbeitsprogramm wir jetzt umsetzen müssen. Zum Beispiel geht es darum, wie wir die Rechte der indigenen Bevölkerung schon bei der Landplanung berücksichtigen.

taz: Egal ob es um den Einsatz von Geld geht, um Landnutzung, um den Fortschrittsbericht – alles müssen die Mitgliedsländer dokumentieren. Überfordert die das?

Schomaker: Das ist ein ganz großes Thema. Es gibt neben den drei Rio-Konventionen zum Klima, zur Biodiversität und zur Wüstenbildung zahlreiche Übereinkommen zum Schutz der Natur, zum Beispiel zu den zu wandernden Tierarten, zu Feuchtgebieten, das Washingtoner Artenschutzabkommen und so weiter. Ein erster Schritt wäre, mit der gegenseitigen Konkurrenz aufzuhören, gemeinsam Geld aufzutreiben und etwa die Berichtspflichten für die Rahmenkonventionen zum Klima und zur Biodiversität zusammenzulegen. Viele Umweltabkommen arbeiten überlappend und parallel, das können die armen Länder zum Teil nicht stemmen.

taz: In Jerewan treffen die Delegationen aus der EU, Russland und China, Nigeria und Brasilien aufeinander – die alle sehr unterschiedliche Ziele verfolgen. Sind solche Mammut-Konferenzen noch zeitgemäß?

Schomaker: Es gibt keine Alternative, und Multilateralismus ist kein Schönwetterthema. Wir haben diese Strukturen, weil wir gemeinsam Probleme lösen müssen, die wir nur gemeinsam lösen können. Die Konferenz in Jerewan ist sehr gut vorbereitet, wir werden dort nach Kompromissen suchen und sie auch finden.

taz: Wäre es aussichtsreicher, nur mit den Staaten zu verhandeln, die auch was erreichen wollen? Zum Beispiel mit denen, die sich in der High Ambition Coalition for Nature and People zusammengetan haben? Sie könnten ambitionierte und finanzierte Beschlüsse fassen und voranschreiten ….

Schomaker: … es wollen doch alle voranschreiten. Alleine schafft es keiner, die Lieferketten gehen über die ganze Welt, die Biodiversität verteilt sich über die ganze Welt. Wir müssen es schaffen, dass die Staaten ihr Geld so einsetzen, dass es dem Privatsektor ermöglicht wird, in Natur zu investieren. Auch im Subventionsbereich wird kein Land alleine voranschreiten wollen, denn Subventionen entstehen, weil Staaten und Märkte im Wettbewerb stehen. Da machen entweder alle mit – oder keiner.

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