
Für ihr Finale der neu aufgelegten „Modern Warfare“-Marke setzt die Videospielreihe „Call of Duty“ auf große Namen: Niemand anderes als „Hannibal“-Darsteller und Ex-Bond-Bösewicht Mads Mikkelsen spielt den Antagonisten, Nordkorea führt Krieg gegen seinen südlichen Nachbarn, die (westlichen) Kultfiguren der Reihe – Captain Price und Ghost – bekämpfen sich gegenseitig. Besonders der Vollbart tragende Captain wird mit seinem persönlichen Rachefeldzug als Sympathieträger dargestellt. Somit passt „Call of Duty: Modern Warfare 4“ in das eisige US-Klima der Selbstjustiz, wo sich das Paramilitär besonders im Süden breitmacht. Doch das Potenzial für moralische Fragen, ob der Zweck alle noch so mörderischen Mittel heiligt, wird kaum ausgenutzt.
Die Marke „Call of Duty“ steht seit jeher für brachiale US-amerikanische Propaganda. Die radikal-apologetische Einstellung gegenüber jedweder militärischen US-Intervention – staatliche wie geheime – hat Gründe: Die Spielereihe arbeitet eng mit der U.S. Army zusammen, wird in Teilen sogar von ihr finanziert. Da ist es nicht verwunderlich, dass in früheren Spielen US-amerikanische Kriegsverbrechen wie der 1991 verübte „Highway of Death“ kurzerhand Russland unterstellt werden. Ganz so revisionistisch mag der neueste Ableger nicht sein, Zweifel am US-Militär oder an Bellizismus als Lösung kommen trotzdem nicht auf.
Eine nordkoreanische Invasion hatte bereits „Call of Duty: Advanced Warfare“ von 2014 zum Inhalt, wie auch das seit 2011 vergessene „Homefront“. Diesmal gibt die Rahmenhandlung den Figuren der selbsternannten „Demokratische Volksrepublik Korea“ durchaus mehr Tiefe. Der Blick auf das Land, wie dessen Führung und Konflikt mit dem Süden entstanden, bleibt allerdings oberflächlich.
Neben den koreanischen Schauplätzen verschlägt es Spielende nach Paris oder auf den verschneiten Times Square. GrafikfetischistInnen werden sich über Details freuen, andere sind enttäuscht über die spielerisch überschaubaren Neuerungen: Der Nahkampf mag dynamischer und auf das Kontern von Angriffen ausgelegt sein, ansonsten bleibt es beim allzu bekannten: schießen, ducken, nachladen. Der Grad der Gewalt ist hoch, schockiert aber nicht in Zeiten, in denen sich die Front des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine per Livestream verfolgen lässt.
Das Momentum, das „Call of Duty“ einst in die Killerspiel-Debatten brachte, scheint endgültig erschöpft zu sein, selbst wenn der deutsche Journalismus diese zyklisch wiederzubeleben versucht. Angebrachter wäre eine Diskussion darum, dass die Spielereihe allzu oft unfertige, fehlerhafte und dennoch hochpreisige Ableger veröffentlicht.
Im Gegensatz zu den Vorgängern aus den letzten beiden Jahren ist „Call of Duty: Modern Warfare 4“ zumindest ein fertiges Produkt und kein unter massiven Zeitdruck produziertes Bruchstück, das rechtzeitig die Quartalszahlen schönen soll. Stattdessen erzählt das Game die Kampagne in rund acht Stunden deutlich länger und trotz vieler, teils abstruser Handlungsstränge besser als die der letzten beiden Vertreter. Der Mehrspielermodus hält, was er immer verspricht – teure Mikrotransaktionen, konstant hohes Spieltempo, klaustrophobisch enge Areale –, und hat ein gewisses Suchtpotenzial.
Trotzdem ist „Modern Warfare 4“ nur das Pendant zum typischen Popcorn-Blockbuster. Angedeutete moralische Konflikte bleiben ein Schatten. Wer weder selbst denken noch übermäßig mit dem Spiel interagieren möchte, wird hier bestens unterhalten.






