Südtiroler Dolomiten: „Heute ist Insta das Problem“

Als die dunklen Wolkenberge über die Bergkante rollen und die Temperatur absackt, drängt Rupert Gietl zur Eile. Er will trocken zur Bergstation der Kabinenbahn Rotwand kommen. Eigentlich bräuchte man das schlechte Wetter hier auf der Anderter Alpe in den Dolomiten nicht zu fürchten, denn im Fels finden sich überall Unterschlüpfe – Überreste von Lagern, Stellungen, Kommandobaracken, Schützengräben und Unterkünften. Relikte aus dem Ersten Weltkrieg, als die Front zwischen Österreich-Ungarn und Italien quer durch die südlichen Kalkalpen verlief. „Da lässt sich ein Regenguss sicher abwarten“, sagt Gietl. Heute hat er aber einen vollen Kalender und dafür keine Zeit.

Bevor es zurückgeht, zeigt er die Reste einer Seilbahn, über die die Soldaten damals mit allem versorgt wurden. Eine simple Windenkonstruktion, die eine Menge Unbilden aushalten musste – wie auch die Gebirgsjäger, Bergsteiger, Söhne von Kleinbauern und Landarbeitern, die hier stationiert waren. Es gibt keine belastbare Zahl, wie viele Menschen an der Gebirgsfront zwischen Trient und Sexten getötet wurden. Vom Stilfser Joch bis zum Isonzo könnte es bis zu 180.000 Tote gegeben haben – verschiedenen Quellen zufolge starben ein bis zwei Drittel davon nicht durch Waffen, sondern durch Lawinen, Blitzschlag, Muren und Erfrierungen.

Trotzdem hätten einige hier wohl „die Zeit ihres Lebens“ gehabt, wie man in Feldpostarchiven nachlesen könne, sagt Gietl. Er ist „Konfliktarchäologe“ und hat viel geforscht zu den zweieinhalb Jahren von Mai 1915 bis Herbst 1917, als sich Italiener und Österreicher auf Hochgebirgskämmen und Gipfeln feindlich gegenüberstanden. „Eigentlich nicht erstaunlich, wenn man weiß, wie hart und lebensgefährlich auch die alltägliche Arbeit in den Bergen hier für sie war – in den Stellungen waren sie zumindest versorgt.“

Was Sexten noch bis heute bestimmt, ist die Erfahrung dieses Kriegs. Das Dorf direkt an der Front wird 1915 komplett evakuiert. Als die Menschen zwei Jahre später wiederkommen, stehen sie vor Trümmern. Dann der nächste Bruch: Mit dem Friedensvertrag von Saint-Germain fällt Südtirol 1919 an Italien, ohne dass die deutschsprachige Bevölkerung befragt würde. Während die Region italianisiert wird und die Drei Zinnen über Nacht amtlich zu den Tre Cime werden, setzen die Sextner alles daran, ihre Tiroler Tradition zu retten und wiederaufzubauen. Aber erst einen weiteren Krieg und ein paar Jahrzehnte später, 1972, stellt das Zweite Autonomiestatut für Südtirol die deutsche Sprache mit der italienischen gleich.

Erdrückende Fremdbestimmung

Es kann sein, dass dieses Gefühl, sich gegen Fremdbestimmung wehren zu müssen, im aktuellen Konflikt zum Overtourism – zu viel Tou­ris­t:in­nen – bei den Menschen hier getriggert wird: Auf der italienischen Seite bilden sich schon morgens um sechs an der Bushaltestelle im venetischen Misurina lange Schlangen, hunderte Tou­ris­t:in­nen warten dicht gedrängt auf einen Platz im Shuttlebus zur Auronzohütte, um möglichst nah an die Tre Cime heranzufahren. In der Hauptsaison kommen bis zu 14.000 Menschen täglich in das Gebiet, das als Naturpark und Unesco-Weltnaturerbe eigentlich unter besonderem Schutz steht. Bei Krisengipfeln in der Region wünschten sich Bürgermeister eine Obergrenze von 2.000 Menschen.

Reguliert wird bislang jedoch nur halbherzig, und die Regulierung endet an einer Verwaltungsgrenze: Wer über Toblach anreist, braucht seit 2025 eine Online-Reservierung, wer über Misurina kommt, bislang nicht.

Die sozialen Medien sind voll mit Videos und Posts von Menschenmassen, die sich, im Sommer teils mit Flipflops, über den Rundweg um die Gipfel schieben oder hunderte Meter vor einer Hütte anstehen, die mit Sahne gefüllte Krapfen verkauft. „Die Sextner kommen hier gar nicht mehr hoch“, sagt Archäologe Gietl.

Sorge um das Image

Und nicht nur die Einheimischen fühlen sich aus ihrer eigenen Welt ausgegrenzt. Beim Tourismusverein Sexten ist der Vorsitzende Walter Holzer besorgt – und vor allem mächtig verärgert: „Insta ist das Problem“, sagt er. „Der Mensch geht weg von der Individualität hin zur Schwarmteilnahme.“ Offenbar wollten „die Städter“ heutzutage „da sein, wo viele Menschen sind“. Das schrecke Stammgäste ab, Wanderer und Bergsteiger:innen, die seit Jahrzehnten in die Gegend kommen. „Die sehen die Bilder und denken, Sexten wäre zu voll.“

Dabei lässt sich das leicht widerlegen. Denn wer vom Ortsteil Moos aus den Weg ins Fischleintal nimmt, der alternativ zu den Drei Zinnen führt, macht eine andere Erfahrung. Die 1.000 Höhenmeter auf hin und zurück knapp 14 Kilometern sind eine knackige Tageswanderung. Und schon in dem im Sommer wie im Herbst von Blumenwiesen und Lärchenwäldern geprägten Fischleintal sieht man bald keinen Menschen mehr, wenn der Fels weiter oben nackter wird, erst recht nicht.

Überhaupt bietet die Gegend rund 700 Kilometer markierte und beschilderte Wanderwege und doppelt so viele, die mit Steinmännchen gekennzeichnet und nur für Geübte geeignet sind. „Es gibt hier alles“, sagt Holzer. Im Sommer und Herbst Leichtwandern und Bergwandern, Felsklettern, im Winter Schneewandern, Ski alpin und nordisch. „Und es gibt auch die Zinnen, nur von anderen Punkten aus gesehen.“

Hotel mit Geschichte

Und auch die Geschichte lässt sich erleben – nicht nur im Freiluftmuseum auf der Anderter Alpe, sondern auch deutlich komfortabler im Hotel Drei Zinnen, das 1929 bis 1931 nach Plänen des Architekten Clemens Holzmeister gebaut wurde, einem Mitbegründer der Tiroler Moderne. Entstanden ist es zehn Jahre nach der Annexion, in einer Zeit, in der die italienische Verwaltung des faschistischen Italien systematisch gegen alles Deutsche vorging. Ein Haus im alpinen Baustil der deutschen Sprachregion zu errichten, war sicher ein nationalistisches Statement, vor allem aber die Fortsetzung einer jahrhundertealten Bautradition – in einem Moment, in dem diese Tradition gewaltsam unterdrückt wurde.

Damit die Masse der sechs Geschosse sich harmonisch ins Ortsbild einfügte, nutzte Holzmeister den Hang, sodass das Gebäude nach vorn nur vier Stockwerke über die Straße ragt, dazu eine weiße Fassade und ausgewogene Proportionen. Eine Sensation war bei der Eröffnung das beheizte Außenschwimmbecken.

Zur Eingangshalle gesellen sich eine traditionelle Stube, Karten- und Lesezimmer, die mit Fresken von Rudolf Stolz ausgestattet sind, folkloristisch, aber immer in schwungvoller Bewegung gezeichnete Figuren in Alltagsszenen. Holzmeister soll den Maler mit den Worten engagiert haben: „Wenn es Rudolf Stolz malt, brauche ich keinen Entwurf zu sehen.“ Ein Satz aus einer Zeit vor der nächsten Katastrophe. Denn während Stolz 1940 von NS-Gauleiter Franz Hofer in Innsbruck mit dem Mozart-Preis für „den nationalsozialistischen Machthabern genehme Arbeiten“ geehrt wurde, wurde Holzmeister vom selben Regime aus seinem Beruf und seinem Land vertrieben.

Bis heute wird das Kartenzimmer im Hotel als Teil eines liebevoll bewahrten Gesamtkunstwerks präsentiert, wie es Traudel Watschinger nennt, die das Hotel in dritter Generation führt. Das gesamte Haus stehe unter Denkmalschutz, sagt sie. Nicht einmal die Möbel dürften unabgesprochen verändert werden. Die behutsame Erneuerung von ein paar Fenstern koste schon mal „fünfstellig“.

Nur der Bretterzaun, der die Badenden im Außenpool in den 1930er Jahren – vom Pfarrer verfügt – aus Sittlichkeitsgründen abschirmen musste, ist inzwischen weg, der Blick frei auf die Sextner Sonnenuhr, eine ebenso interessante Struktur der Dolomiten wie die berühmten Zinnen. „Ansonsten müssen wir alles immer genauso reparieren, wie es war“, sagt Watschinger. „Wenn wir nicht nachhaltig sind, wer dann?“ Dann muss sich die Grande Dame verabschieden, eine Architektengruppe ist zu Gast. Die interessiert die Geschichte des Hauses, die Tiroler Moderne der Grenzregion, über deren Zukunft zweimal Diktaturen entschieden, ohne die Bewohner zu fragen, und die heute ein drittes Mal überfordert wird – diesmal von der schieren Zahl derer, die nur auf ein Foto der Außenansicht aus sind.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    KI auf Streamingdiensten: Die acht Mio. des schrecklichen Mr. Smith
    • October 24, 2026

    Die Musikindustrie feiert das Urteil gegen US-Produzenten Michael Smith. Dieser hatte KI-Musik auf Spotify veröffentlicht und mit Bots in die Charts gedrückt. mehr…

    Weiterlesen
    USA unter Trump: Der stille Traum vom besseren Leben
    • October 24, 2026

    Eine Woche lang wohnte unsere Autorin mit fremden Männern in einem billigen Airbnb in Dallas. Genug Zeit, um sie zum Reden zu bringen. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    KI auf Streamingdiensten: Die acht Mio. des schrecklichen Mr. Smith

    • 7 views
    KI auf Streamingdiensten: Die acht Mio. des schrecklichen Mr. Smith

    USA unter Trump: Der stille Traum vom besseren Leben

    • 6 views
    USA unter Trump: Der stille Traum vom besseren Leben

    Trauer und Entsetzen in Jordanien: Anschlag auf die Oase des Friedens

    • 6 views
    Trauer und Entsetzen in Jordanien: Anschlag auf die Oase des Friedens

    Retrospektive zu Rammellzee: Sein Widerstand war zeitlebens ungebrochen

    • 8 views
    Retrospektive zu Rammellzee: Sein Widerstand war zeitlebens ungebrochen

    Südtiroler Dolomiten: „Heute ist Insta das Problem“

    • 8 views
    Südtiroler Dolomiten: „Heute ist Insta das Problem“

    Historiker über Wikingerlegenden: „Die allermeisten Menschen waren keine Seeräuber“

    • 7 views
    Historiker über Wikingerlegenden: „Die allermeisten Menschen waren keine Seeräuber“