Historiker über Wikingerlegenden: „Die allermeisten Menschen waren keine Seeräuber“

taz: Herr Toplak, um Wikinger ranken sich viele Mythen. In Serien und Büchern kommen sie gerne als kampflustige Hünen mit Hörnerhelmen vor, die in Drachenbooten ständig auf Raubzug gingen. Nun habe ich bei meiner Recherche erfahren, dass Wikinger nicht mal der richtige Begriff für die Menschen der Zeit ist.

Matthias Toplak: Das stimmt. Der Name „Wikinger“ stammt vom Altnordischen, „fara i víking“ und bedeutet so viel wie auf Raubzug zu gehen. Das machten allerdings längst nicht alle Menschen, die wir heute als Wikinger bezeichnen. Der Begriff hat sich für eine ganze Kultur eingebürgert.

Im Interview: Matthias Toplak

Matthias Toplak hat in Köln, Stockholm und Tübingen studiert und über Bestattungsrituale in der skandinavischen Wikingerzeit promoviert. Seit Oktober 2021 ist der Historiker nun Direktor des Wikinger Museums Haithabu in Busdorf bei Schleswig.

taz: Was wäre denn eine korrektere Bezeichnung?

Toplak: Vermutlich trifft es Menschen aus dem altnordischen Kulturraum besser. Zugegeben, das klingt nicht annähernd so gut wie Wikinger.

taz: Und wie entstand die Vorstellung, dass die Menschen aus dem Norden so gerne plünderten und brandschatzten?

Toplak: Dieses Bild entstand schon sehr früh. Die meisten Überlieferungen über die Zeit der Wikinger stammen von christlichen Mönchen. Sie waren oft Leidtragende der Überfälle. Immerhin waren die reichen Kirchen und Klöster lohnende Ziele für die Wikinger. Dort gab es kaum Widerstand, aber reiche Beute. Die Berichte über die brutalen Überfälle sind durchaus glaubhaft, allerdings überstrahlen sie viele andere Facetten des altnordischen Kulturraums.

taz: Inwiefern?

Toplak: Die allermeisten Menschen waren keine Seeräuber, sondern Bauern, Fischer, Handwerker oder Händler. Schätzungen zufolge lag der Anteil der Menschen, die zumindest einmal im Leben auf Raubzug waren, bei etwa fünf bis zehn Prozent. Die überwiegende Mehrheit der Männer der skandinavischen Wikingerzeit ist nie weiter als bis zum nächsten Marktplatz gekommen.

taz: Aber der Teil mit den Schiffen stimmt schon …

Toplak: Tatsächlich kommen die Menschen auf dem Seeweg weit in der Welt herum. Neben den Raubzügen schaffen es Händler bis nach Zentralasien und in die islamische Welt. Und es entstehen Siedlungen auf Island und Grönland.

taz: Der Begriff Wikinger impliziert ja auch eine gewisse gemeinsame Kultur und ein gemeinsames Verständnis als „Volk“. Doch wie viel haben „Wikinger“ aus Schweden, Schleswig-Holstein oder Island gemeinsam?

Toplak: Über die Gemeinsamkeiten wird in der Forschung viel diskutiert. Aber ich denke, wir können durchaus von einem altnordischen Kulturraum sprechen. Es gibt doch einige verbindende Elemente, also neben der seefahrtfokussierten Lebensweise. Zum Beispiel wird eine relativ einheitliche Sprache gesprochen, das Altnordische. Damit konnte man sich von Haithabu bis nach Grönland verständigen.

taz: Haithabu war eine Wikinger-Siedlung im heutigen Schleswig-Holstein. Sie leiten das archäologische Museum dort. Welche weiteren verbindenden Elemente gab es?

Toplak: Dazu kommt der Vielgötterglaube mit Odin und Thor als obersten Gottheiten, den wir sowohl in Haithabu als auch auf Island belegen können. Auch Architektur und materielle Kultur sind relativ einheitlich, man denke zum Beispiel an die charakteristischen Langhäuser, die in abgewandelter Form vom Nordatlantik bis nach Osteuropa zu finden sind. Deutlich vielfältiger war dagegen das Aussehen. In Gräbern, die wir als „Wikingergräber“ einordnen, finden sich auch Slawen, Angelsachsen oder Franken. Das heißt, unter den Wikingern waren mit großer Wahrscheinlichkeit auch Menschen mit dunklen Haaren, dunklen Augen und dunklerer Hautfarbe.

taz: Wir haben hier also Menschen, die zwar gerne zur See fahren und die Welt entdecken, aber oftmals auch einen stinknormalen Alltag leben. Wie wurden ausgerechnet die Wikinger zu einer Projektionsfläche für völkische Ideologien?

Toplak: Anders als bei antiken Hochkulturen wie Ägyptern oder Römern gibt es im Nordischen Kulturraum noch große Wissenslücken, die die Archäologie nicht füllen konnte. Es gibt zum Beispiel kaum Schriftquellen. Wir kennen zwar mehrere Tausend Runeninschriften, aber die sind kurz und knapp und liefern kaum Einblicke in den Alltag. Dieses Ungewisse lässt sich eben bequem durch eigene Narrative füllen. Die politische Instrumentalisierung der Wikinger setzt schon im 17. Jahrhundert ein, als man vor allem in Skandinavien begann, sie als besondere Vorfahren zu stilisieren.

taz: Als solche wollten sie auch die Nazis sehen?

Toplak: Genau, auch die Nationalsozialisten bedienten sich munter an den Wikingern. Das Bild der großen, blonden, blauäugigen, auffällig glattrasierten Hünen, mit dem noch Schulwandbilder in den Achtzigern arbeiteten, geht auf die NS-Zeit zurück und hat sich bis heute festgesetzt. Zum Beispiel versuchen bis heute extreme Rechte, Wikinger für sich zu besetzen. Das geht so weit, dass wir uns hier mit dem Wikinger Museum Haithabu sehr konsequent gegen rechtsextreme Vereinnahmung positionieren müssen, so haben wir eine strenge Hausordnung, etwa zum Tragen von Symbolen.

taz: Welche Auswirkungen hatte die NS-Instrumentalisierung auf die Forschung?

Toplak: Heinrich Himmler trieb in den Dreißigerjahren mit viel Geld und Personal die Ausgrabungen in Haithabu voran. Man hoffte, hier Belege für die Kulturhöhe des germanischen „Herrenmenschen“ zu finden. Was der damalige Ausgrabungsleiter Herbert Jankuhn fachlich leistete, war durchaus präzise und für ihre Zeit wegweisende Archäologie. Die Schlüsse daraus bedienten aber die rassistische NS-Ideologie.

taz: Dabei schienen die Wikinger eher Kosmopoliten gewesen zu sein. Was berichten denn die arabischen Händler über die Nordmänner, mit denen sie Handel trieben?

Toplak: Im zehnten Jahrhundert verfassten arabische Gelehrte und Diplomaten sehr detaillierte Reiseberichte. Der Händler Ibrahim ibn Yaqub at-Tartuschi kam bis nach Haithabu und berichtete über den Alltag. Und der islamische Gelehrte Ibn Fadlan traf in Osteuropa auf die Skandinavier und erzählt von ihnen. Diese Schriftquellen sind extrem wertvoll, weil sie eben unverfälscht sind. Anders als die christlichen Quellen hatten die arabischen Gelehrten kein Interesse daran, die Nordleute besonders diabolisch darzustellen, sondern beschrieben sie relativ neutral. Sie wundern sich höchstens mal über verrückte Angewohnheiten.

taz: Zum Beispiel?

Toplak: Besonders irritiert sind die gläubigen Muslime von der vergleichsweise freizügigen Sexualmoral der Nordleute. Die Männer und Frauen baden gemeinsam und haben auch offen vor anderen Geschlechtsverkehr. Solche Einblicke lassen sich mit rein archäologischen Quellen nicht nachweisen.

taz: Wie viel lässt sich denn über die Geschlechterrolle bei den Wikingern sagen? 2017 wurde zum Beispiel in Birka die DNA-Analyse eines Grabs veröffentlicht, in dem eine Frau mit Kriegerausstattung lag.

Toplak: Der Blick auf die Geschlechterrolle ist wieder ein gutes Beispiel für den ideologisch-verklärten Blick. Im 19. Jahrhundert wünschten sich die Archäologen eindeutige Geschlechterverhältnisse, Mann im Krieg, Frau am Herd. Heute erleben wir eher das Gegenteil, wir hoffen auf möglichst viel Gleichberechtigung und eine Geschlechtervielfalt. Beides sind Vorannahmen, die tatsächliche Ereignisse zu verdrängen drohen. Aus den Inschriften auf Runensteinen oder prächtigen Gräbern lässt sich aber entnehmen, dass freie Frauen (Anm. der Redaktion: Frauen, die nicht Sklavinnen oder Mägde sind) durchaus einflussreich waren. Sie konnten allein einen Hof führen, sich scheiden lassen und waren erbberechtigt. Ganz verwunderlich ist das auch nicht. Wenn die Männer auf Raubzug oder Handelsreise waren, musste jemand den Hof am Laufen halten. Das war die Aufgabe der Frauen.

taz: Wie hilfreich sind Serien wie „Vikings“ für Ihre Arbeit – Fluch oder Segen?

Toplak: Beides zugleich. Besucherinnen und Besucher kommen oft mit falschen Erwartungen zu uns nach Haithabu und sind teils enttäuscht, wenn wir nicht das liefern, was sie aus den Serien kennen. Allerdings will „Vikings“ ja auch keine historische Dokumentation sein, sondern als Serie unterhalten. Gleichzeitig steigt das Interesse messbar, wenn eine neue Staffel erscheint. Und wenn von hundert Besuchern, die wegen der Serie kommen, zehn am Ende sagen „die echte Wikingerzeit ist ja noch spannender“, dann ist das ein Erfolg.

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