
„Nach Ungarn haben wir auch Serbien verloren.“ Das ist nicht etwa ein Zitat aus dem Kreml, sondern eines vom AfD-Bundestagsabgeordneten Maximilian Krah. Während halb Europa den Sturz Aleksandar Vučić’ am Sonntag bejubelte, sprach Krah auf X von „keinem guten Tag“. Die Rechte müsse sich neu aufstellen, ihr bisheriges Konzept überzeuge nicht mehr.
Zur Erinnerung: Vučić bestimmte die serbische Politik seit 2012 – als Vizepremier, Premier und zuletzt als Präsident – und baute das Land zu einem hybriden Regime um. Im Freedom-House-Index sackte Serbien von 78 Punkten (2016) auf zuletzt 53 Punkte von 100 ab. Seit 2019 gilt es nur noch als „teilweise frei“. Die Vučić-Jahre waren von Korruption, fehlender Rechtsstaatlichkeit und einer außenpolitischen Schlagseite gen Moskau geprägt.
Das „Wir“ Krahs ist dennoch kein Ausrutscher. Schon als Ungarns Langzeit-Premier Viktor Orbán im April abgewählt wurde, meldete er sich noch am Wahlabend per Video aus Budapest. „Für uns ist es schlecht, das müssen wir zugeben“, sagte er dort. Die Parteispitze war dagegen wortkarg geblieben, Alice Weidel ließ nur ihren Sprecher den Verlust eines „bedeutsamen Partners“ bedauern. Zu Serbien schweigt sie bislang ganz.
In den ersten Jahren nach ihrer Gründung 2013 interessierte sich die AfD zwar kaum für Serbien. Und wenn, dann für Vučić’ Gegner. Noch 2017 empfing der damalige Parteichef Jörg Meuthen Boško Obradović von der rechten Dveri-Bewegung, der damals gegen Vučić um das Präsidentenamt antrat.
Seitenwechsel
Spätestens 2019 wechselte die AfD die Seite. Ihr damaliger außenpolitischer Sprecher Armin-Paul Hampel erklärte im Oktober 2019 bei Vučić’ Parteivize Marko Đurić die Unabhängigkeit des Kosovo für unrechtmäßig. Weitere Beispiele: Nach der von Manipulationen überschatteten serbischen Parlamentswahl 2023 machte der AfD-Abgeordnete Harald Weyel vor allem die Opposition für Gewalt verantwortlich. Im Oktober 2024 lobte Co-Parteichef Tino Chrupalla den „aktiven Grenzschutz“ Serbiens und traf die damalige Familienministerin Milica Đurđević Stamenkovski. Anfang 2025 lud die sächsische AfD sie im Gegenzug als Rednerin zu ihrem Wahlkampffinale ein.
Auch die österreichische FPÖ, wohl die engste Schwesterpartei der AfD, steht seit langem offen an Vučić’ Seite. Schon unter dem langjährigen Parteichef Heinz-Christian Strache zählte sie den Kosovo zu Serbien. Harald Vilimsky, Leiter der FPÖ-Delegation im EU-Parlament, warb 2024 dafür, dass vom gesamten Westbalkan allein Serbien in die EU aufgenommen werden sollte. Vučić revanchierte sich für diese Treue 2025 mit einem Orden.
Die Nähe zu Vučić war allerdings nie ein Privileg der Rechtsaußen. Seine Partei SNS ist mit der EVP verbunden, der Parteienfamilie von CDU und CSU. Angela Merkel traf ihn in neun Jahren 16 Mal und lobte das „sehr vertrauensvolle“ Verhältnis. Ernsthafte Konsequenzen angesichts des Abbaus der Rechtsstaatlichkeit blieben aus, Ruhe auf dem Balkan zählte offenbar mehr als Demokratie.
Krahs Tweet offenbart wohl ehrliche Wehmut. Orbán und Vučić lieferten jahrelang den Beweis, dass sich Medien, Justiz und Wahlen kontrollieren lassen, ohne ganz mit der EU zu brechen. Das außenpolitische Versprechen der AfD – Souveränität, harte Grenzen, Annäherung an Russland – ließ sich fast prototypisch an Budapest und Belgrad vorführen. Binnen gut eines halben Jahres sind der AfD nun beide Vorbilder abhandengekommen.
Krahs Ruf nach einer Neuaufstellung ist aber auch eine Selbstdiagnose wider Willen. Wer zwei abgewählte Halbautokraten als Teil des eigenen „Wir“ betrauert, verrät, wie er selbst regieren möchte. Damit hat Krah seine Partei einmal mehr zur Kenntlichkeit entstellt.







