
Für royalen Besuch rollte Delhi zu Wochenbeginn den roten Teppich aus. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein traf zum ersten Staatsbesuch des Fürstentums in Indien ein. „Das Handels- und Wirtschaftspartnerschaftsabkommen war ein wichtiger Meilenstein. Wir wollen auf dieser Dynamik aufbauen und unsere Beziehungen weiter vertiefen“, sagte er am Dienstag bei einem Treffen mit Premierminister Narendra Modi.
Delhi rückt damit erneut in den europäischen Fokus. Anfang Oktober war der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin zu Besuch. Bereits im Februar waren der Erbprinz und Parmelin zum KI-Gipfel in der indischen Hauptstadt. Die Besuche zeigen, wie wichtig Indien für die Staaten der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta) geworden ist.
Zwischenzeitlich traf Modi Polens Premierminister Donald Tusk. Dieser versuchte Indiens enge Beziehungen zu Russland zu nutzen, um Moskau zu einem Friedensschluss in der Ukraine zu bewegen. Während Russlands Krieg gegen die Ukraine Europas Sicherheit belastet, gefährdet der Irankrieg Indiens Energieversorgung.
Delhi baut derweil seine Wirtschaftsbeziehungen aus: In den vergangenen sechs Jahren unterzeichnete das Land neun Handelsabkommen. Die Efta liegt hier vor der EU. Ihr Abkommen, kurz Tepa, trat im Oktober 2025 in Kraft. Die EU hofft, den Abschluss ihres Freihandelsabkommens bis Mitte Dezember abzuschließen.
Eine Million neuer Arbeitsplätze in Indien
Doch was hat der Vorsprung gebracht? „Die Ergebnisse sind bislang überschaubar“, sagt Saon Ray, Gastprofessorin am Indian Council for Research on International Economic Relations in Delhi. Im Geschäftsjahr 2025/26 sanken Indiens Exporte in die Efta-Staaten um 10,8 Prozent auf 1,75 Milliarden US-Dollar. Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres gingen sie im Jahresvergleich um 22,7 Prozent zurück. Ohne Gold gerechnet blieben sie allerdings nahezu stabil.
Sabine Monauni, stellvertretende Regierungschefin Liechtensteins
Die Efta-Staaten Schweiz, Norwegen, Island und Liechtenstein planen, innerhalb von 15 Jahren 100 Milliarden US-Dollar in Indien zu investieren und eine Million Arbeitsplätze zu schaffen. Indien setzt dabei auf Pharma, Biotechnologie, Maschinenbau und erneuerbare Energien, erklärt Ray. Schweizer Unternehmen planen bis 2030 Investitionen von 29 Milliarden US-Dollar und erwarten davon rund 400.000 Arbeitsplätze.
Ob die Ziele erreicht werden, hänge auch von der geopolitischen Lage ab, die Investitionen bremsen kann, warnt Ray. Indien bleibe jedoch die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt. „Wenn die Unsicherheit nachlässt, könnte es sinnvoll sein, in Indien zu investieren“, sagt sie. Für eine Bewertung von Tepa sei es noch zu früh. Das Abkommen berge jedoch großes Potenzial.
Tepa trat rund zehn Monate vor dem geplanten EU-Abkommen in Kraft. Beide Verträge unterscheiden sich in wichtigen Punkten, sagt Ray. Indien und die EU haben zusätzlich ein Investitionsschutzabkommen vereinbart. In Indien sind bereits mehr als 6.000 EU-Unternehmen aktiv. Auch die kleinere Efta ist mit Konzernen wie Nestlé, Novartis und UBS auf dem indischen Markt vertreten.
Lieferketten verlagern sich nach Indien
Für Liechtenstein geht es um die Diversifizierung seiner Wirtschaftsbeziehungen. Und: „Unsere exportorientierten Industrien brauchen Marktzugang“, sagt Sabine Monauni, stellvertretende Regierungschefin Liechtensteins in Delhi. Der zeitliche Vorsprung gegenüber der EU sei ein Vorteil. Zugleich müsse Liechtenstein seinen Verpflichtungen bei den Investitionen nachkommen. „Seit 2024 haben wir mehr als 107 Millionen US-Dollar in Indien investiert und über 1.000 Arbeitsplätze sowie zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen“, bilanziert sie. Tepa habe den Unternehmen zusätzliche Motivation gegeben, in Indien zu investieren.
Lieferketten würden sich zunehmend nach Indien verlagern. Angesichts geopolitischer Unsicherheiten diversifizieren liechtensteinische Unternehmen ihre Produktion. Der Werkzeughersteller Hilti etwa produziere auch in Indien und exportiere von dort in die ganze Welt. „Indien bietet aufgrund des Tepa mehr Sicherheit“, sagt Monauni.
Es gehe den Unternehmen nicht nur um günstige Produktion. „Sie wollen nachhaltig in die Belegschaft investieren“, sagt sie. Liechtensteinische Firmen bringen – wie andere deutschsprachige Länder – Erfahrung in der beruflichen Ausbildung mit. In Indien gebe es zudem eine junge, große Arbeitnehmerschaft, die Liechtenstein in dieser Form nicht zur Verfügung stehe.
Liechtenstein strebt ein Doppelbesteuerungsabkommen mit Indien an, das Deutschland seit 1995 hat. Ob sich der Vorsprung der Efta auszahlt, dürfte sich in den kommenden Monaten zeigen.






