
Als Barack Obama 2008 zum Präsidenten gewählt wurde, war Abdul El-Sayed 24 Jahre alt und hatte gerade seinen Bachelor in Biologie und Politik abgeschlossen. Jon Ossoff büffelte derweil in Georgetown für seinen College-Abschluss. Und doch war bei den Wahlkampfveranstaltungen zwischen den beiden Juniorkandidaten und dem mittlerweile ergrauten Elder Statesman bei gemeinsamen Auftritten eine echte Chemie zu spüren.
El-Sayed und Obama witzelten über ihre für den amerikanischen Geschmack eigenartigen Namen, Obama erwähnte mit Neid den eindrucksvollen Bizeps von Sayed. Jon Ossoff wird derweil schon lange nachgesagt, dass er die Lässigkeit und Souveränität von Obama hat. New-York-Times-Kolumnist Ezra Klein sagte, dass die Wahlkampfvideos von Ossoff die visuelle Grammatik von Obamas Wahlkämpfen benutzten, und der Politico-Kolumnist Jonathan Martin meinte, das O in Ossoffs Wahlkampflogo könne genauso gut für Obama stehen.
Die Demokratische Partei und die liberale Öffentlichkeit beklagen seit Obamas Amtsübergabe an Donald Trump im Jahr 2012, dass es keine politischen Talente und keine Führungsfiguren in der Partei mehr gebe. Präsident Joe Biden war 2020 eine heiß ersehnte Rückkehr zu politischer Normalität nach vier Jahren Trump, aber alles andere als eine Offenbarung. Im Präsidentschaftswahlkampf 2024 traute sich erst gar kein demokratischer Kandidat, gegen Biden und seine Wahlkampfmaschine anzutreten. Seit dem Beginn von Trumps zweiter Amtszeit sucht der Widerstand nun umso händeringender nach einem Anführer.
Seit diesem Dienstag scheint es jedoch so, als könne sich die demokratische Partei vor potenziellen Führungsfiguren kaum mehr retten. El-Sayed hat in Michigan souverän auch den übelsten Angriffen auf seine Person widerstanden. Die Versuche seiner Gegner, ihn als Islamisten zu zeichnen, prallten an ihm ab, und selbst der Verrat seiner Parteigenossin Haley Stevens, die kurz vor knapp die politischen Seiten wechselte, vermochte ihn nicht aus der Ruhe zu bringen. Er wehrte sich standhaft seiner Haut, ohne in die Vulgarität seiner Kontrahenten abzurutschen, und transportierte eine überzeugende Mischung aus Kompetenz und Bodenständigkeit.
Die Aura eines Kennedy
Ossoff wird unterdessen die Aura eines Kennedy nachgesagt. In seinem Wahlkampf hat er es geschafft, mit präzisen Angriffen Donald Trump unter die Haut zu fahren, ohne dabei seine Coolness zu verlieren. Ossoff sagte an Trump gerichtet Sätze wie: „Unsere Aufgabe ist es, nicht nur seine Boshaftigkeit zu bekämpfen, sondern die Fäulnis zu kurieren, die zu seinem Aufstieg geführt hat.“
Hinzu kommt Ossoffs Virtuosität im Umgang mit sozialen Medien, die er nicht zuletzt seiner Vergangenheit als Filmemacher zu verdanken hat. Seine aufwendig produzierten Kurzvideos, nicht selten mit kompakten Attacken gegen Trump aus seinen Reden versehen, erreichen regelmäßig Millionen Klicks. Seine Wahlkampfveranstaltungen sind immer bereits mit Blick auf Instagram choreografiert.
Ossoff und Sayed sind jedoch nicht die einzigen jungen demokratischen Talente, die sich am Dienstag der Nation gezeigt haben. Der Charme von James Talarico ist gewiss nicht jedermanns Sache, war aber im tiefreligiösen Süden überaus effektiv.
In South Carolina lernte die breite Öffentlichkeit die 46 Jahre alte Kinderärztin Annie Andrews kennen, die mit ihrer beißenden Kritik an Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. bei ihren WählerInnen punktete und das republikanische Urgestein Lindsey Graham ersetzte.
In New Hampshire gewann der nun erste offen schwul lebende Senator Chris Pappas. In Iowa wurde Rob Sands zum Gouverneur gewählt, der 2008 als junger Freiwilliger für Obama arbeitete und sich in Iowa einen Namen als Korruptionsbekämpfer gemacht hat. Und in Texas wurde die 52 Jahre alte Gina Hinojosa die erste Latina, die zur Gouverneurin gewählt wurde, und die erste Demokratin seit 1994, die in Texas einen staatsweiten Wahlkampf gewinnen konnte.
Die Millennials sind am Zug
Sie alle stellen einen Generationswechsel bei den Demokraten dar. Die späten Boomer und jungen Gen-Xer haben abgedankt, die Millennials sind dran. Sie verkörpern einen Abschied vom verkrusteten Parteiestablishment, das nicht zuletzt das Debakel von 2024 zu verantworten hat. Sie bringen frischen Wind, eine frische Energie und das Versprechen eines Neubeginns nach Washington.
Dabei scheint es eine direkte Linie von Barack Obama zu dieser Generation zu geben. Der Meinungsforscher und Polit-Experte Nate Silver verglich in einem Interview Obama mit dem Basketballstar Steph Curry. Curry revolutionierte vor 15 Jahren seinen Sport, indem er ausschließlich auf Distanzwürfe setzte. Die Taktik hatte Erfolg, seine Mannschaft gewann eine Meisterschaft nach der anderen, und heute üben schon die Dreikäsehochs in der Schule Distanzwürfe.
Auf ähnliche Weise habe Obama die Politik revolutioniert. Er war der Erste, der einen wirklich digitalen Wahlkampf geführt hat und gleichzeitig einen neuen Kommunikationsstil auf die Bühne brachte. Obama riss die Mengen mit einer Vision mit, ohne intellektuelle Tiefe einzubüßen. Laut Nate Silver ähnelt die neue Riege Politiker den High-School-Kids, die einem neuen Vorbild nacheifern.
Die Generationenfolge in der Demokratischen Partei wurde jedoch unterbrochen. 2012 verlor innerparteilich Bernie Sanders gegen Hillary Clinton, die eine Rückkehr zur Demokratischen Partei vor Obama symbolisierte. Und dann unterbrach die Wahl Trumps alles.
So ging die Generation Obamas, die heutigen alten Boomer und jungen Gen-Xer, zwischen zwei politischen Zeitaltern politisch unter. Kamala Harris ist gewiss das tragischste Beispiel des Scheiterns dieser Generation. Sollte sie tatsächlich 2028 antreten, stünden ihre Chancen wohl eher mäßig.
Der Aufstieg der neuen Generation begann 2018
Der Aufstieg der neuen Generation begann unterdessen schon bei den Zwischenwahlen 2018 mit dem Überraschungssieg der klugen und charismatischen Sozialistin Alexandra Ocasio-Cortez, die in vielerlei Hinsicht die Bahn für die jetzigen Kandidaten brach. Es folgte etwa ein Pete Buttigieg, der erste offen schwule Präsidentschaftskandidat der USA. Im vergangenen Jahr tauchte dann wie aus dem Nichts der Jung-Millennial Zohran Mamdani als neuer Star der Demokratischen Partei auf.
Laut Nate Silver nimmt diese Generation mit ihrer Energie und einem neuen Wertekanon den Stab von Obama auf. Sie haben den Umgang mit sozialen Medien perfektioniert – Mamdani gewann in New York City den Bürgermeisterposten, zugespitzt gesagt, mit seinem Instagram-Auftritt. Sie sind tendenziell linksprogressiv und scheuen sich nicht davor, politische Botschaften populistisch zuzuspitzen. Und sie kommen durchweg authentisch rüber.
Als handfeste Kandidaten für die Präsidentschaft 2028 bieten sich derzeit aus dieser Gruppe vor allem zwei an: Jon Ossoff und Alexandria Ocasio-Cortez. Ossoffs Fixierung auf Trump und die Professionalität seines Wahlkampfes machen es schwer, seine Ambitionen zu übersehen. Zudem scheint er eine aussichtsreiche Formel darin gefunden zu haben, das Korruptionsthema mit dem Leid der einfachen Leute zu verbinden, die unter der Inflation leiden.
Als handfeste Kandidaten für die Präsidentschaft 2028 bieten sich derzeit aus dieser Gruppe vor allem zwei an: Jon Ossoff und Alexandria Ocasio-Cortez
AOC hält sich derweil bedeckt, was ihre mögliche Zukunft angeht: „Ich werde tun, was ich schon immer getan habe, mit aller Kraft dem amerikanischen Volk und meinen Wählern dienen“, sagt sie. Das geht freilich auf verschiedene Weisen. Auffällig war jedoch, das Ocasio-Cortez, die in ihrem Stammbezirk, der Bronx in New York, mühelos zum fünften Mal wieder gewählt wurde, während dieses Wahlkampfes ein dicht gedrängtes Reiseprogramm hatte. Sie zeigte sich von Virginia bis Nebraska und von Kalifornien bis nach Pennsylvania an der Seite ihrer Parteigenossen – gewiss nicht ohne Hintergedanken. Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, sich den Wählern im ganzen Land zu präsentieren.
Bis der Wahlkampf 2028 ernsthaft beginnt, dauert es jedoch noch ein paar Monate. In der Zwischenzeit müssen die neuen Senatoren und Kongressabgeordneten in Washington beweisen, dass sie es tatsächlich schaffen, dort die politische Kultur zu verändern. Wie schwer das ist, davon kann Barack Obama ein Lied singen.







