
I ch sitze auf dem Sofa und grusele mich. Nein, ich schaue nicht „Germany’s Next Topmodel“, auch nicht eine „Pressekonferenz“ mit Donald Trump. Ich recherchiere, wie erfolgreich diese Kolumne ist. Das Ergebnis ist niederschmetternd. Aber dass hier erst mal Schluss ist, hat andere Gründe.
Dieser kleine, tapfere Text, der hier alle zwei Wochen erscheint, heißt „Wir retten die Welt“. Aber er hält nicht, was er verspricht. Diese Kolumne gibt es seit 2014 und die Welt ist so was von nicht gerettet: Als ich meinen Job als Weltretter anfing, betrug der CO₂-Gehalt in der Luft 397 ppm (Teile pro Million). Heute sind es 429 ppm. 2014 war es auf der Erde 0,8 Grad Celsius wärmer als vor der Industrialisierung. Heute sind es 1,4 Grad. Damals waren 22.413 Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Heute 48.646.
Auf dem Sofa läuft es mir kalt den Rücken runter. Krass, woran wir uns gewöhnt haben: Wie normal der Verlust von Natur, Sicherheit und Lebensqualität geworden ist. Wie gewohnheitsmäßig wir am Ast sägen, auf dem wir sitzen. Und uns über jede neue, noch schärfere Säge freuen. Wie alltäglich die Dummheit regiert. Man möchte schreien. Oder eine Kolumne schreiben.
Die Rettung der Welt lässt also auf sich warten. Die Schuld daran liegt wohl nicht nur bei mir, aber beweisen kann ich das nicht. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Dies ist mein vorerst letzter offizieller Akt als Weltretter, meine bis auf Weiteres letzte Kolumne in der taz. Ab April bin ich erst mal raus aus allem, lege das Handy weg, klappe den Laptop zu und vergesse alle meine Passwörter. Keine Mails, keine Anrufe, keine beruflichen Termine. Eine Rauszeit. Irgendwo weit weg von allem und allen. Da kann ich selbst bei der tollsten Öko-Wirtschaftsredaktion der Welt nicht alle zwei Wochen 3.300 Zeichen abliefern.
Warum jetzt Schluss ist
Das Ende der Weltrettung ist nicht das Ende der Welt. Pötter raus? „Hurra!“, werden viele jubeln. Endlich Schluss mit diesem Quatsch von steilen Thesen, Beschimpfungen, dummen Fragen und flachen Witzen. Genau dafür aber liebe ich diese Erzählform. Alle zwei Wochen konnte ich toben oder loben, Ideen in die Welt schicken, mir den Frust von der Seele schreiben, mich wundern oder träumen. Das habe ich über 305 Kolumnen gemacht. Danke fürs Lesen.
Jetzt heißt es: „Ihr rettet die Welt“. Ich gebe zu: Es ist nicht die einfachste Zeit, das Weltretten zu übernehmen, wenn das Weltzerstören Hochkonjunktur hat. Wenn große Schurken regieren und kleine Schürkchen die Klimaziele einstampfen wollen.
Aber Achtung: Resignieren ist keine Option. Zynisch zu werden auch nicht. Das überlassen wir mal schön den Schurken und ihren Speichelleckern. Wichtig: Die Hoffnung nicht zu verlieren. Auswege zu finden, in Lösungen zu denken, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Ich wundere mich oft, dass ich nicht verzweifelter bin. Vielleicht, weil ich hart an der Hoffnung arbeite.
Jetzt seid ihr gefragt
Denn die guten Nachrichten gibt es ja durchaus: Seit 2014 haben wir die CO₂-Emissionen in Deutschland von 900 Millionen Tonnen auf 650 Millionen reduziert, ohne ärmer zu werden. Der Ökostrom machte damals 27 Prozent am Strommix aus, heute sind es 56 Prozent. Erneuerbare und E-Autos sind heute billiger als ihre fossilen Konkurrenten. Wir haben mit den Fridays for Future eine mächtige Klimabewegung erlebt, mit der niemand gerechnet hatte. Ein Totalversager war meine Mission also nicht.
Also: Es geht was. Es geht eine Menge. Die Lösungen sind oft da, das Geld ist da, viele Leute sind bereit für den Wandel. Es braucht vor allem den Mut, Veränderungen voranzubringen und sie durchzukämpfen, notfalls mit 50,01 Prozent Mehrheit. Ich lasse Sie mit diesen Ideen jetzt mal allein und schaue mich woanders um. Ich bin sicher, Sie finden Ihre eigenen Vorstellungen von der Weltrettung.
Wer einmal ernsthaft Weltretter ist, der bleibt es auch. Wir können gar nicht anders. Ich halte mich an den Grundsatz, der mich seit 30 Jahren durch meine Arbeit als Umweltjournalist trägt: Der Kampf gegen die Dummheit hat gerade erst begonnen. Sie werden es nicht glauben – aber während ich das hier schreibe, ist es wirklich fünf Minuten vor zwölf. Die Richtung ist klar: Wir konzentrieren uns auf unsere Aufgaben. Nicht aufs Aufgeben.






