Als Gorbatschow Generalsekretär wurde: Die Chance auf Freiheit existiert

V or vierzig Jahren traf das Plenum des ZK der KPdSU eine schicksalhafte Entscheidung.

Zu diesem Zeitpunkt war die Sowjetunion immer tiefer in eine wirtschaftliche und strukturelle Krise geraten. Nach der stagnierenden Breschnew-Ära begannen die sowjetischen Führer, einer nach dem anderen zu sterben. Meine Tochter freute sich schon, wenn früh morgens die Trauermusik im Radio ertönte. Es kündigte den Tod des nächsten Generalsekretärs an und bedeutete schulfrei.

Der nach dem Tod Breschnews 1982 zum Generalsekretär gewählte Andropow, allmächtiger Leiter der Staatssicherheit, wollte Ordnung im Geiste einer neostalinistischen Effizienz schaffen. Wer die Schule schwänzte, den ließ er tagsüber in Kinos, Parks oder Bädern aufgreifen. Zu dieser Zeit hatten die sowjetischen Bürger bei der Arbeit zu sein.

Doch wie auch das sowjetische System, war Andropow bereits hoffnungslos krank, er übte nicht mal anderthalb Jahre die Macht aus. Auf ihn folgte ein ganz realer Kandidat für das Jenseits, der alte Apparatschik Tschernenko. Er amtierte ein einziges Jahr.

Mit Gorbatschow verband sich die Hoffnung auf Reform

Da hieß es schon länger, dass es im Politbüro nur eine Figur gab, mit der sich die Hoffnung auf mögliche Reformen verband, Michail Gorbatschow. Er war energisch und wesentlich jünger. Durch glückliche Umstände wurde er am 11. März 1985 zum Generalsekretär des ZK gewählt. Nur drei Jahre später würde dies zum Fall der Berliner Mauer führen. Und 1991 zerfiel dann schließlich das ganze sowjetische Imperium.

Doch vor den Reformen wurden zunächst gravierende Fehler gemacht. Die Anti-Alkohol-Kampagne war sinnlos und brachte das Volk gegen Gorbatschow auf. Im April 1986 ereignete sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Sie deckte die Hilflosigkeit und die Lügen des staatlichen Systems erneut sehr drastisch auf.

1986 hat Gorbatschow ein Wort ausgesprochen, das seinen Reformen und dieser Zeit den Namen geben würde: Perestroika. Er sagte, dass Menschen „die ganze Wahrheit brauchen“. Es war der Stein, der eine Lawine auslöste, die ein ganzes Lügensystem schließlich zum Einsturz brachte.

In den letzten Jahren unter Gorbatschow glaubte ich, er zögere mit den Reformen, weil er zwischen zwei Stühlen saß. Er wollte sie und konnte sich dennoch nicht konsequent genug von den Illusionen seiner parteilichen Identität trennen. Das führte schließlich zu seinem Machtverlust.

Verzerrtes Bild

In den von den Putin-Ideologen herausgegebenen Geschichtsbüchern wird das Bild von Gorbatschow in düsterem Licht dargestellt. Ihm wird vorgeworfen, im Interesse des kollektiven Westens gehandelt zu haben. Dass durch ihn in Osteuropa die sogenannten „Samtenen Revolutionen“ und die „Annexion der DDR durch die BRD“ stattfanden. Als Gorbatschow der Friedensnobelpreis verliehen wurde, sei „die Reaktion in der UdSSR feindselig kühl“ und ablehnend gewesen.

Tatsächlich haben viele in Russland heute eine Abneigung gegen Gorbatschow. Unbeliebtheit, das ist oft das Schicksal von Reformern. Aber in der letzten Rede 1991 vor seinem Rücktritt als Präsident der UdSSR sagte er deutlich die Wahrheit. Er erklärte, wie in nur sechs Jahren seiner Amtszeit das totalitäre System abgeschafft, der Kalte Krieg beendet, Wettrüsten und Militarisierung des Landes gestoppt wurden. Man öffnete sich der Welt, lehnte die Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder ab, die Nutzung von Truppen außerhalb des Landes.

Damals dachten auch wir, dass die Wende vollzogen sei, es keinen Weg zurück gab. Heute ist von all dem nichts übrig geblieben. Im Sommer 2022 wurde Gorbatschow beerdigt.

Aktuell glauben nun viele, dass Russland zur ewigen Unfreiheit verurteilt sei. Doch es hatte eine zweite Chance. Und es wird eine weitere bekommen.

  • informationsspiegel

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