Ausstellung zum 9. Neuköllner Kunstpreis: Die Fragilität der menschlichen Seele

21 Gramm wiege laut Experimenten eines US-amerikanischen Arztes die menschliche Seele. Exakt so viel Öl hat die Künstlerin Asako Shiroki aus japanischen und koreanischen Kiefernnadeln destilliert und in ein herzgroßes Glas gefüllt. In beiden Ländern symbolisiere der Baum Widerstandsfähigkeit, sagt sie.

Das Glas bewegt sich nur leicht, wenn Be­su­che­r:in­nen in den Raum treten, und verströmt einen feinen Duft von Kiefer. Ähnlich zaghaft ist die Hoffnung auf Zukunft, in die die acht für den diesjährigen Neuköllner Kunstpreis nominierten Werke die Galerie im Saalbau hüllen.

Für ihr Kunstwerk „Evergreen“, das die schwierige Beziehung zwischen Japan und Korea thematisiert, hat Shiroki den ersten Preis gewonnen. Die mit einem Koreaner verheiratete japanische Künstlerin kondensiert darin Autobiografisches und Kollektives. Neben den Wunden der japanischen Aggression im Zweiten Weltkrieg sucht sie nach dem, was verbindet.

Die Ambivalenz ist spürbar. Die Kette, an der das Glas hängt, kräuselt sich wie eine Ländergrenze auf dem Boden. Aber sie trennt die zwei verschwommenen Kiefernfotografien, von denen eine in Korea, eine in Japan aufgenommen wurde, nicht, sie verläuft parallel zu ihnen. Eine klare Teilung sei von vornherein unmöglich, sagt Shiroki. Die Fotos selbst seien schon ineinander gemorpht.

Augenzwinkern und bedrohliche Fragen

Mit derselben Entschlossenheit unterlaufen auch die anderen sieben Kunstwerke – dieses Jahr allesamt von Künstlerinnen – klassische Einteilungen. Der Grenzbruch beginnt noch vor der Tür. Der in drei Sprachen gedruckte Fensterschriftzug „CARE IS A POLITICAL ACT“ von Rita Adib sprengt die Grenze zwischen Museum und Straße, aber auch zwischen Privatem und Politischem. Und das gleich in hundertfacher Ausführung.

Wer wo eintreten darf, verhandelt Ida Lawrence kunstvoll in „The Shop. The Sign. Particular Folk“. Das Ölgemälde ist übersät von Ladentüren, Hundeverbotsschildern, und Hunden in der immer gleichen, wartenden Pose. Erst wenn man länger vor dem Bild verweilt, weicht sein anfängliches Augenzwinkern der bedrohlichen Frage nach Ausgrenzung.

Der Mensch bleibt ab- und gleichzeitig anwesend in „Riders’ Arc“. Unter bunten Gewändern versinkt ein Motorrad. Früher haben sie Frauen in Hanoi bedeckt, um ihre Haut vor Sonne und Bräunung, die vietnamesischen Schönheitsidealen entgegensteht, zu schützen. Das Fahrzeug klebt Tra My Nguyen mit einer fetten Silikonschicht auf den Boden, und damit auch die Normen von Schönheit und Fast Fashion.

Aus der Zeitstarre holen einen die blubbernd-quietschenden Laute, die im nächsten Raum ein großer Lautsprecher zum Besten gibt. Erst im Lesen der Begleitbroschüre versteht man das immer schrillere Kreischen am Ende der Maschinenarie. In der Klanginstallation „AFAIK“ hat Bea Targosz „Hard Data“ zur Veränderung der Luftschadstoffe weltweit „sonifiziert“. Beruhigt wird man dadurch nicht.

Loslassen als Akt der Resilienz

Einem ungewohnten Dialogversuch begegnet man auch im Acrylbild „Technofeudalism Automation“. Im Sinne der „Appropriation Art“ remixt die brasilianische Malerin Fernanda Figueiredo wild Zeiten, Kulturen und Techniken. Motive des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier werden von Monstergesichtern, präkolumbischen Figuren und grellen AI-Formen überlagert.

Die Realitäten bleiben vermischt in den unwirklichen Landschaftsbildern von Vanessa Amoah Opoku. „Sunrise to Sunrise (Tricksters), 1.7“ zeigt Erinnerungsorte, die es nie gegeben hat. Die deutsch-ghanaische Künstlerin zog dafür mit einer 3D-Laserscanapp durch Ghana und Kärnten und legte die Landschaften zu neuen Hypothesen zusammen.

Die Ausstellung

„Neuköllner Kunstpreis 2025“: Galerie im Saalbau, bis 11. Mai. Ausstellungsrundgang mit den Künstlerinnen am 15. März und am 12. April

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Darüber deuten sich in Glasplatten eingravierte Gesichter von fünf „tricksters“ an, Widerstandsfiguren wie der spinnenförmige Weisheitsgott Anansi aus westafrikanischen Mythen, Symbol der Auflehnung gegen die Sklaverei. Gotische Buchstaben laden Be­su­che­r:in­nen ein, einen Zettel mit Mantras des Widerstands abreißen und in eine marmorne Wasserschale abgeben: Loslassen als Akt von Resistenz.

Schließlich scheitert der Wunsch nach Grenzauflösung, zumindest für „ToM“ („Tides of Memories“). Die AI-gestützte Maschine träumt davon, Wasser zu werden. Ihr Bildschirmkopf zeigt Wasserszenerien, die Geschichten scheiternder Migration und kolonialer Gewalt erzählen.

In einer aufwendigen Installation lässt Helin Ulas „ToM“ mit großen, alienhaften Lampen kommunizieren. „Ahh“ und „ohh“ ist aber das einzige, was die sogenannten „Creatures“ der Maschine antworten können. Sie seien Metaphern für Menschen, sagt Ulas. Bei Transporten seien sie mehrmals fast kaputtgegangen. „They’re fragile“ – sie sind zerbrechlich.

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