Banksy durch Journalisten enthüllt: Ist das Recherche oder kann das weg?

E r heißt _____________, ist ___ Jahre alt und kommt aus _______. Geschlecht: _______. Endlich ist das Geheimnis gelüftet, wer hinter dem Pseudonym Banksy steckt. Und jetzt? Macht das seine Kunst besser? Schlechter? Spannender? Nö. Aber sein Leben als Künstler ist zerstört. Mission accomplished.

Es ist nicht die angeblich endgültige Enthüllung von Banksys Identität, die Schlagzeilen machen sollte, sondern die drei Männer, die monatelang ihre Zeit mit einer derart sinnlosen und unmoralischen Jagd vergeudet haben: Simon Gardner, James Pearson und Blake Morrison. Nachdem es Banksy über zwei Jahrzehnte lang gelang, seine Identität geheim zu halten, rühmen sich nun die drei Reuters-Journalisten, womöglich das geschafft zu haben, woran die Presse seit Jahren gescheitert ist: den Graffiti-Künstler gegen seinen Willen zu enttarnen.

Die Streetart-Kunst von Banksy erlangte Anfang der 2000er Jahre erstmals größere Bekanntheit, als seine Schablonen-Graffiti in London von Medien und Kunstszene entdeckt wurden. Die Werke sind eine scharfsinnige Gesellschafts- und Systemkritik: der Krieg in der Ukraine, Guantánamo, Nahostkonflikt, Brexit, moderne Sklavenarbeit, Umgang mit Flüchtlingen, Umweltverschmutzung.

Am Markt prallt Banksys Kapitalismuskritik ab: Seine Kunst wird gestohlen, privatisiert oder verkauft. Sein „Balloon Girl“ wurde aus der Hauswand eines Geschäftslokals herausgetrennt und für 560.000 Euro versteigert. „The Devolved Parliament“ – das britische Unterhaus besetzt von Schimpansen – brachte 2019 bei Sotheby’s, einem der bekanntesten Auktionshäuser der Welt, rund 11 Millionen Euro ein.

Gegen die Vermarktung

Der Künstler selbst wollte immer anonym bleiben und hat sich stets gegen die Vereinnahmung seiner Kunst gewehrt. 2005 schmuggelte er etwa eine scheinbar prähistorische Höhlenmalerei – allerdings mit einem Menschen, der einen Einkaufswagen schiebt – in eine Ausstellung im British Museum. 2018 ließ er das „Girl with Balloon“ bei einer Auktion von Sotheby’s direkt nach der Versteigerung im Rahmen schreddern.

Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, das sich Banksy, Medien und Kunstmarkt lieferten. Die obsessive Suche nach seiner Identität offenbart eine gesellschaftliche Unfähigkeit, Unwissen auszuhalten. In Zeiten, in denen jeder Star auf Instagram minutiös verfolgt werden kann und alles kontrollierbar scheint, wird das Unerreichbare als störend empfunden. Dabei liegt genau darin der Wert: Unverfügbarkeit ermöglicht Fantasie, Respekt und Distanz – alles Dinge, die die allgegenwärtige Transparenz der digitalen Welt zerstört.

Die Reuters-Journalisten inszenieren sich als Aufklärer im Dienst der Öffentlichkeit. Trotz einer Warnung von Banksys Anwalt, der betonte, dass seine Anonymität die Meinungsfreiheit des Künstlers schütze, veröffentlichten sie die Identität unter Verweis auf ein angeblich großes öffentliches Interesse. Nur: Welches soll das sein?

Große öffentliches Interesse gibt es an der Veröffentlichung von Namen von Tätern, etwa aus den Epstein-Files – nicht aber von Künstler*innen, die ihre Kunst für sich sprechen lassen wollen. Banksys Streetart bleibt gleich, auch nach Offenlegung seiner Identität. Vorteile gibt es keine; die Enthüllung könnte im Gegenteil das Ende seiner Karriere bedeuten. Rechtlich betrachtet gelten seine Arbeiten als Sachbeschädigung und Vandalismus – nun droht ihm möglicherweise strafrechtliche Verfolgung.

Karriere beenden

Die Reuters-Recherche lässt an einen anderen Fall denken: Die Schriftstellerin Elena Ferrante beendete ihre Karriere, nachdem ein internationales Journalisten-Team mithilfe von Methoden der Steuerfahndung und der Kriminalpolizei nach monatelanger Recherche ihre Identität enthüllte. Ferrante hatte zuvor gewarnt, ihre Arbeit einzustellen, sollte ihre Identität offengelegt werden.

So traurig es ist: Auch Banksy wäre damit gut beraten. Es wäre nur konsequent.

  • informationsspiegel

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