Banlieu-Filmtrilogie von Ladj Ly: Vertreibung aus dem Hochhaus

Mit seinem Debüt „Die Wütenden – Les Misérables“ hat Ladj Ly 2019 einen Kickstart hingelegt. Der aus Mali stammende ­französische Filmemacher erzählte darin multiperspektivisch vom System der Gewalt zwischen Gangs und Polizei mit großer (auch visueller) Wucht im ­Pariser Vorort Montfermeil und mit losen Bezügen zu Victor Hugos am gleichen Ort angesiedelten titelgebenden Roman.

Jede Sekunde des Films, der Genre mit Sozialrealismus vermählt, ist zu spüren, dass hier jemand, der in ebenjener Banlieue aufgewachsen ist, etwas zu sagen hat. Beim Filmfestival in Cannes gewann Ly den Jurypreis und wurde bei den Oscars für den besten internationalen Film nominiert.

Nun folgt mit „Die Unerwünschten – Les Indésirables“ der zweite Teil einer geplanten Trilogie über die Pariser Ban­lieue. Und gleich in den Anfangsminuten versteht es Ly, in seine Geschichte hineinzuziehen: Die Kamera fliegt über das Viertel auf einen gewaltigen Hochhauskomplex zu und findet in einem der hunderte Fenster Haby (Anta Diaw).

Weil die Aufzüge seit Jahren außer Betrieb sind, müssen die Männer vom Bestattungsinstitut den Sarg mit ihrer Oma aus dem oberen Stockwerk durch das Treppenhaus bis zum Erdgeschoss hieven – ein erinnerungswürdiger Trauerzug.

Enger werdendes Netz

„Die Unerwünschten – Les Indésirables“

„Die Unerwünschten – Les Indésirables“. Regie: Ladj Ly. Mit Anta Diaw, Alexis Manenti u. a. Frankreich 2023, 105 Min.

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Nach einem gemeinsam mit Giordano Gederlini geschriebenen Drehbuch spinnt Ly auch in „Die Unerwünschten“ ein enger werdendes, multiperspektivisches Netz. Herz des Films ist Haby. Die aus Mali stammende Frau arbeitet als Archivarin im Rathaus und leitet eine Organisation, die bei der Wohnungssuche und anderen Problemen hilft. Sie und viele andere sehen in der geplanten Sanierung des Viertels eine Strategie zur Vertreibung.

Das Gesicht dieser Befürchtungen wird der Kinderarzt ­Pierre (Alexis Manenti), der anstelle des Vizebürgermeisters Roger Roche (Steve Tentchieu) zum Übergangsnachfolger des verstorbenen Bürgermeisters gewählt wird. Pierres gute Absichten weichen einem Konfrontationskurs gegen die Menschen aus dem Viertel, mit Polizeigewalt lässt er gegen einen geduldeten Schrottplatz und die Jugend vorgehen. Als Habys Wohnhaus nach einem Brand notevakuiert wird – ein Vorwand, um den Plattenbau loszuwerden –, eskaliert die Situation.

Im popkulturellen und filmhistorischen Gedächtnis sind die migrantisch geprägten Vorstadtsiedlungen nach der Deindustrialisierung und der Arbeitslosigkeit ab den 1970er Jahren präsent als Schauplätze für Gangsterballaden und Milieu­studien über Klassenverhältnisse, strukturellen Rassismus und Gewalt.

„La Haine“ – der Genreklassiker

Man denke an Mathieu Kassovitz’ Klassiker „Hass – La Haine“ oder an Romain Gavras’ „Athena“, an dessen Drehbuch Ly mitgeschrieben hat. Céline Sciamma und Houda Benyamina widmeten sich in „Girlhood“ und „Divines“ dem Gangwesen aus weiblicher Sicht, und das Regieduo Fanny Liatard und Jérémy Trouilh hat zuletzt in „Gagarin“ originell eine sozial­realistische Weltraumoper in der Banlieue erzählt.

Ly zeigt sich in „Die Unerwünschten“ als wütender Chronist des Systems Banlieue. Er schlägt sich explizit auf die Seite der Marginalisierten und haut mit Zorn auf die emotionale Klaviatur; die unfassbaren Szenen, als das Haus geräumt wird und die Menschen ihr Hab und Gut aus den Fenstern werfen, sind ein regelrechtes Armageddon.

Dass „Die Unerwünschten“ zugunsten einer fast schon aktivistischen Haltung weniger ambivalent angelegt ist als sein Vorgänger, ist ein Stück weit seine Schwäche, aber zugleich seine Stärke. Die kalkulierte Eskalation macht den Film vorhersehbarer und die Figuren werden zu offensichtlichen Stell­ver­tre­te­r:in­nen für gesellschaftspolitische Strömungen:

Haby sucht nach politischen Lösungen, ein Freund radikalisiert sich, Pierre tut alles gegen die Menschen im Viertel und nimmt in migrationspolitischer Doppelmoral zugleich Syrer bei sich auf. Zugleich kann man sich Lys Film, seiner kompromisslosen Operation am offenen Herzen gegenwärtiger inhumaner Diskurse, wie wir sie auch in Deutschland erleben, schwer entziehen.

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