Begegnungen in der Deutschen Bahn: Glückliche Sardinen in der Intercity-Dose

B ahnhof Ostkreuz, wir steigen in den IC nach Dresden. Der ist so voll, wie sonst nur Onkel Rudi zu Weihnachten. „Zwei Gründe“, sagt ein Mann mit Biertrinkerschweiß auf der Stirn. „Erstens: Heute spielt heut Leipzig gegen n HSV.“

„Und zweitens?“, frage ich. „Darfste in dem Zuch bis hinter Lutherstadt-Wittenberg mit Deutschlandticket fahr’n, dabei is dit keen Regio.“ „Sachen gibts“, antworte ich. „Prost“, sagt er. „Prost“, sage ich. Wir hatten Sitzplätze gebucht. Aber die sind mit drei Leipzig-Fans besetzt. Wir haben sie schon im Bahnhofsgedränge flitzen sehen. Darum also, clever.

Wir versuchen, sie durch Anstarren zu vertreiben. Sie ignorieren uns, während wir auf der Treppe ins Obergeschoss stehen. Immerhin, darin gleicht dieser Zug einer echten Regionalbahn.

Als ich meine Kinder bitte, die Sitzdiebe doch mit Geschrei zu verjagen, zeigen sie mir einen Vogel. „Macht nüscht,“ meldet sich der Bier-Mann wieder. „Die steigen eh glei aus. Dann habta noch eure Sitze.“ Er öffnet ein frisches Bier. „Prost“, sagt er. „Prost“, sage ich.

„Weißte“, fährt er fort, „ich und meine Kumpels fahrn ooch zu dem Spiel.“ Er zeigt die Treppe hinunter. Einer der drei dort kommt mir vage bekannt vor. Ich bleibe grübelnd an ihm hängen, bis er guckt und mich erkennt. Er hat doch tatsächlich als Kita-Erzieher meinem Sohn beigebracht, wie er eine Kerze auspustet, ohne Angst zu haben. Wir erinnern uns herzlich.

Er und seine Jungs machen die Reise, weil einer HSV-Fan ist, erklärt er. Und dass der nächste Zuch „jenauso voll“ wird. „Prost“, sagt der Mann mit dem Bier noch mal. „Prost“, sage ich. Ohne die Fußballreisenden drängen wir uns schließlich zu sechst auf unsere vier Plätze. Wir haben noch gute Gespräche bis Dresden. Vor dem Fenster zieht das Land vorbei, grau und weit. Es ist so gemütlich, dass wir beschließen: Du kannst auch als Sardine in der Intercity-Dose glücklich sein.

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